„Es geht um uns alle“

Fragen an eine engagierte Kämpferin für die Gleichstellung von Mann und Frau: Wir interviewten Dr. Rita Süssmuth anlässlich der Feierstunde „100 Jahre Frauenwahlrecht“.

Frau Prof. Süssmuth, Sie haben den 19. Februar 1919 als „ersten großen Durchbruch“ bezeichnet – nicht nur für Frauen. Können Sie das kurz erläutern?

Es war der große Durchbruch für Demokratie und Menschenrechte, weil es um eine Grundsatzfrage ging. Der 19. Februar 1919 war ein Frauentag, aber er ist für mich zugleich ein Menschenrechtstag. Damals dachten manche, wenn man ein paar Frauen in den Reichstag lässt, dann wird es wieder einfacher: politisch konfliktfreier, ohne den wiederholten Vorwurf des Verfassungsbruches. Doch Frauen damals wollten mehr: anerkannt und beteiligt sein. Die pauschalen alten Vorurteile, die Frauen können oder wollen es nicht, sind größtenteils überwunden. Damals und auch heute geht es um ein menschliches Grundrecht, dessen Durchsetzung ein entscheidender Durchbruch für die Demokratie war. Das haben wir bei heute starkem Rückgang aktiver politischer Beteiligung auf nationaler,regionaler und lokaler Ebene als erneutes Problem, das es zu überwinden gilt. Beruflich sind wir durchgestartet, wenn auch vieles immer noch in Teilzeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen geleistet wird. Aber politisch stagniert es, fallen wir alarmierend zurück.

 

Bei der Feierstunde des Bundestages meinten Sie, was 1919 geschehen sei, fühle sich immer noch wie ein kleines Wunder an. Es war aber ein erkämpftes Wunder?

Es war eine Bewegung von Frauen aller sozialen Schichten mit unterschiedlichen Chancen und Perspektiven. Es gab den Streit um die Frage, was wichtiger sei: Bildung oder Stimmrecht? Bestimmten Gruppen erschien Bildung wichtiger als das Stimmrecht. Dann erklärten wiederum politisch engagierte Frauen: Ja, aber ohne Stimmrecht kommen wir nicht weit. Außerdem war es eine zugleich deutsche, europäische und internationale Bewegung.Große Barrieren mussten überwunden werden. Aber das Entscheidende war, wenn es um politische Durchsetzung ging, wurde am Ende doch eine Einigung erzielt. Es wurde ermöglicht, nach dem grausamen 1. Weltkrieg, nach Millionen Toten, totalem Zusammenbruch und gleichzeitigem Willen zum Neuanfang, gerade auch politisch.

Marie Juchacz betonte vor 100 Jahren,es bedürfe noch großer Anstrengungen, um Frauen auch rechtlich und wirtschaftlich gleich zu stellen. Wie würde sie wohl die heutige Situation bewerten?

1994 wurde das Grundgesetz um den Satz ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Aber wir haben Fragen, die immer noch nicht gelöst sind: Wie sieht es mit der Lohngleichheit aus? Wie sieht es mit bestimmten traditionellen Frauenberufen aus, die ich nicht mehr als traditionell bezeichnen würde. Nichts ist im Übrigen von selbst dauerhaft. In der Politik ist etwa der Anteil der Oberbürgermeisterinnen stark gefallen. Ebenso der Anteil der Bürgermeisterinnen in kleineren Kommunen. Wir sind in der Gegenwart angekommen, aber noch nicht in einer
zufriedenstellenden Gegenwart.



„Wir haben Fragen, die immer noch nicht gelöst sind.“

Es wird heute oft gesetzliche Parität gefordert. Parteien müssten dann bei Wahlen zwingend je zur Hälfte Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Es ist auf jeden Fall die Frage: Wie kommen wir wieder zu mehr aktiver Beteiligung der Frauen? Dabei kommen wir ohne verbindliche Regelungen zu höheren Quoten, zu mehr Parität nicht weiter. Das mag manchen vielleicht nicht weiter stören, aber einen Großteil von uns Frauen stört das sehr. Und es ist wiederum nicht nur eine frauenrechtliche Frage, sondern eine Demokratiefrage. Sie betrifft unsere Zukunft. Wir sollten daher nicht sagen: „Das will nur eine Gruppe von Frauen“. Wir sollten sagen: „Es geht um uns alle.“ Ändern wir, was wir ändern können. Es ist ein verfassungsmäßiger Auftrag. Wir können das und wollen das, und es wird uns auch gelingen. Wer heute annimmt, er könnte ohne Frauen in der Welt etwas bewirken, der irrt sich. Viele Frauen sind bereit zum Engagement. Mehrere Bundesländer treten bereits für paritätische Regelungen ein. Die unverbindliche Quote ist zu wenig, es muss in Richtung Parität gelöst werden.

Dr. Rita Süssmuth war von 1985 bis 1988 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und von 1988 bis 1998 Präsidentin des Deutschen Bundestages. Außerdem hatte und hat sie zahlreiche Ehrenämter inne. Heute ist sie Ehrenvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung sowie Ehrenpräsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 1-2019 unseres Stiftungsmagazins NRW Natur-Heimat-Kultur.

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