Die Schattenbilder des Herrn Röntgen

Das Jahr 2020 ist Röntgenjahr – vor 125 Jahren entdeckte der Physiker die „X-Strahlen“. Pünktlich zum Jubiläum ist sein Geburtshaus in Remscheid-Lennep zugänglich.

Gesunde Wissbegierde versucht ihren Gegenstand „bis in sein Innerstes zu durchdringen“, schrieb der Philosoph Friedrich Schlegel 1799. Kinder würden Dinge gern in den Mund nehmen und zerbeißen, weil bloßes Betasten an der „äußerlichen Oberfläche“ bleibe. Doch nicht nur Kinder verfahren bei der Befriedigung ihrer Neugier oft zerstörerisch. Auch beim Knacken wissenschaftlicher Nüsse bleiben die Untersuchungsobjekte nicht immer intakt. Erst die 1895 entdeckten Röntgen- strahlen eröffneten die Möglichkeit, sogar ins Innere lebender Organismen zu sehen, ohne sie zu verletzen. Wilhelm Conrad Röntgens eindrucksvolle „Schattenbilder“ menschlicher Fingerknochen waren die ersten Erfolge auf diesem Gebiet — auch wenn es Röntgen selbst nicht um den medizinischen Fortschritt, sondern um die physikalische Grundlagenforschung ging.

Erkenntnis in der Dunkelheit

Seine große Entdeckung gelang Röntgen während einer Novembernacht in Würzburg. In seinem dortigen Labor untersuchte er das blaue Licht, das bei bei hohen elektrischen Spannungen in gasgefüllten Elektronenröhren entsteht. Er war auf der Suche nach der Ursache dieses Leuchtens. Zufällig beobachtete er, dass bestimmte Materialien in der Nähe der Röhre zu schimmern — zu „fluoreszieren“ — begannen. Er glaubte zuerst, das blaue Licht sei für den Effekt verantwortlich. Um seine Annahme zu über- prüfen, deckte der Forscher die Röhre mit schwarzem Karton ab, bis er sich in völliger Dunkelheit befand, genauer gesagt: in fast völliger Dunkelheit, denn ein leuchtfähiger Papierschirm auf seinem Tisch schimmerte unbeirrt weiter. Röntgen schloss daraus, dass von der Röhre eine unsichtbare Strahlung ausging, die anders als das Licht die Kartonhülle zu durchdringen vermochte und der wahre Verursacher der Fluoreszenz war.

Die Folgerung bestätigte sich: Selbst ein dickes Buch konnte die Strahlung nicht aufhalten, Gummi, Holz oder Aluminium bremsten sie ebenfalls nur wenig. Stark hemmend wirkte hingegen das sehr dichte Blei — Röntgens Labortür, die mit Bleifarbe gestrichen war, lieferte dafür die ersten Indizien. Das spektakulärste Ergebnis der Experimente zeigte sich jedoch, als der Physiker zunächst seine eigene und später auch die Hand seiner Frau durchleuchtete: Haut und Gewebe zeigten sich dabei durchlässiger als die Fingerknochen, die sich folgerichtig auf einem fluoreszierenden Schirm als dunkle Schatten abzeichneten. Das Bild ließ sich sogar auf Fotoplatten bannen, die von den unsichtbaren Strahlen „lichtlos belichtet“ wurden.

Das Röntgen-Museum demonstriert den Versuchsaufbau von 1895 in einem abgedunkelten Raum. Multimediastationen erläutern die naturwissenschaftlichen und historischen Hintergründe. Sogar die Durchleuchtung einer Hand lässt sich ohne Gefahr simulieren: In der von Röntgen benutzen Gasentladungsröhre werden Elektronen mit vielen Tausend Volt von einem Pol zum andern gejagt, bis die gläserne Hülle sie schlagartig abbremst. Die Bewegungsenergie verwandelt sich dadurch zu 99 Prozent in Wärme. Ein Prozent wird hingegen als kurzwellige elektromagnetische Strahlung frei, die viele Materialien durchdringen kann und die ihr Entdecker X-Strahlen nannte. Im Englischen ist der Ausdruck „X-Rays“ bis heute gebräuchlich, doch in Deutschland plädierte man schon 1896 für die Bezeichnung „Röntgen´sche Strahlen“. Auf diese Weise wurde der Name des Entdeckers zu einem physikalischen Begriff und sogar zu einem Tätigkeitswort, etwa wenn es gilt, einen gebrochenen Arm zu „röntgen“

 

 

 

 

 

 

„Bitte übersenden Sie mir doch einfach Ihren Brustkorb“

Lästige „Röntgenmania“

Wilhelm Conrad Röntgen war bereits 50 Jahre alt, als er seine große Entdeckung machte. Experimentierfreudig hatte er sich aber schon als Schüler gezeigt. So stößt man im Museum auf einen Nachbau der skurrilen „Paffmaschine“, die er im Alter von sechzehn Jahren zum Einrauchen einer Pfeife konstruierte. Das Gerät ist ein frühes Beispiel für Röntgens Liebe zu raffinierten Apparaten. Sie seien manchmal klüger als Menschen, behauptete er später vor seinen Studenten. Tabak überließ er als Erwachsener aber dennoch ungern den Maschinen, sondern genoss ihn lieber selbst in vollen Zügen. Gar keinen Genuss bereiteten ihm dagegen seine plötzliche Berühmtheit als „Strahlenkönig“ und die damit verbundene „Röntgenmania“.

Dass die X-Strahlen weltweit für Sensation sorgten, hing mit den spektakulären Bildern zusammen, die sie lieferten und die teilweise naive Hoffnungen weckten. So wandte sich ein Mann, in dessen Brustkorb eine Kugel steckte, per Brief an Röntgen und bat um „Übersendung“ der neuen Strahlen. Mangels Zeit könne er nicht vorbeikommen. Röntgens Antwort: „Werter Herr! Leider habe ich augenblicklich keine X-Strahlen auf Lager.

Außerdem ist das Übersenden dieser Strahlen sehr schwierig. ... Übersenden Sie mir doch einfach Ihren Brustkorb.“ Dass die Röntgenfotos in der Öffentlichkeit schon bald als die eigentliche Entdeckung galten, ärgerte den Physiker. Er mochte es, solche Fotos anzufertigen, dennoch waren sie für ihn nur ein Nebenprodukt seiner Forschung — Belegmaterial zur Veranschaulichung eines physikalischen Phänomens.

Strahlung als Show

Anders als Röntgen, der nicht einmal Patentrechte beanspruchte, machten andere gute Geschäfte mit den X-Strahlen. Auf Jahrmärkten und bei Röntgenshows wurden sie zur Volksbelustigung, manche glaubten an hypnotische Wirkungen, andere fahndeten nach versehentlich verschluckten Münzen, und man bot sogar strahlenfeste Unterwäsche an. Zu dem Kommerz trug der berühmte Erfinder Thomas Alva Edison mit Betrachtungsgeräten bei, die die Vermarktung der physikalischen Sensation erleichterten. Strahlenschutz spielte noch keine Rolle, was Edisons Chefassistent Clarence Dally 1904 das Leben kostete. Doch auch, als längst klar war, dass überdosierte Röntgenstrahlen Verbrennungen und Organschäden verursachen, blieb die Sorglosigkeit oft groß. Manch einer wird sich noch an die „Pedoskope“ oder „Schuh-Fluoroskope“ erinnern, die man bis in die 1970er Jahre hinein in vielen Schuhgeschäften fand. Der Kunde trat auf ein Podest, stellte seine Füße in die Öffnung des Geräts und konnte die Passgenauigkeit seines Schuhwerks auf einem Leuchtschirm überprüfen. Die Strahlung erreichte dabei bisweilen bedenkliche Werte.

Röntgen selbst überstand seine Experimente nicht nur unbeschadet, sie brachten ihm 1901 sogar den erstmals vergebenen Physiknobelpreis ein. Geehrt wurde damit ein Mann, der Bahnbrechendes entdeckt und weitere Grundlagenforschung angeregt hatte. Schon ein Jahr nach Bekanntwerden der X-Strahlen zeigte der Franzose Antoine Henri Becquerel anhand von Uransalz, dass bestimmte Substanzen selbständig unsichtbare Strahlung abgeben. Marie Curie führte diesen Ansatz erfolgreich weiter und prägte zudem einen Begriff für das Phänomen: Radioaktivität, von lateinisch „radius“ für Strahl. Röntgens Erfolg rief allerdings auch Neider auf den Plan. Der Physiker Philipp Lenard, der seinem Kollegen die elektrische Entladungsröhre beschafft hatte, bezichtigte ihn sogar des Ideendiebstahls, ohne die Welt allerdings von diesem Vorwurf überzeugen zu können. 1905 erhielt Lenard für eigene Arbeiten zur Kathodenstrahlung selbst den Physiknobelpreis, schädigte seinen Nachruhm allerdings durch das spätere Bekenntnis zum Nationalsozialismus.

Wilhelm Conrad Röntgen
  • geboren 1845
  • 1895: Entdeckung der „X-Strahlen“
  • 1901: Nobelpreis für Physik
  • gestorben 1923

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ZU DEN PROJEKTEN

Als die Begeisterung über Röntgens Entdeckung auch in dessen Geburtsort Lennep schwappte, fragte man sich hier anfangs, ob der Physiker tatsächlich ein Sohn der Stadt sei — was der auf Anfrage aber gern bestätigte. So wurde 1932, neun Jahre nach dem Tod des Nobelpreisträgers, in einem schieferverkleideten Lenneper Patrizierhaus erstmals ein Röntgenmuseum eingerichtet. In den 1930er und 1950er Jahren zweimal erweitert verfügt es heute insgesamt über drei Häuser. Lange Zeit war es primär fachlich orientiert und fand beim breiten Publikum nur ein geringes Echo. Doch in den letzten fünfzehn Jahren hat sich das Museum in mehreren Schritten verwandelt. Es bietet nun viele Mitmachmöglichkeiten und widmet sich auch den unterhaltsamen Aspekten der Röntgengeschichte.

Bei der Umgestaltung wurde das alte Patrizierhaus teilweise in eine Glasarchitektur einbezogen. Röntgens große Entdeckung, sein Leben, der Nobelpreis und die „Röntgenmania“ bilden hier die Schwerpunkte. Anschließend gelangt man durch den „Zeittunnel“ in Haus 2, wo es um die X-Strahlen in Krieg und Frieden geht. Haus 3 beherbergt seit 2015 das Schauarchiv — eine Präsentation historischer Geräte aus der Schatzkammer des Museums. Man muss nicht jedes technische Detail verstehen, um davon fasziniert zu sein, zumal manche ältere Apparate fast wie Requisiten aus Sciene-Fiction Klassikern wie „Metropolis“ aussehen. Erläutert werden außerdem die heutigen Anwendungsbereiche der Röntgentechnik — von der Werkstoffprüfung über die Mumienforschung bis hin zu Denkmalschutz und Astronomie. Ein ganzer Raum ist der medizinischen Bildgebung gewidmet. Hier steht die „gläserne Frau“ im Mittelpunkt, die für unser Auge so durchsichtig ist wie ein realer menschlicher Körper für die Röntgenstrahlung.

Das Geburtshaus als Lebensbegleiter

Röntgenstrahlen enthüllen Verborgenes, doch hätte ihr Entdecker beruflich seinem Vater nachgeeifert, dann wäre stattdessen die Verhüllung zu seinem Lebensthema geworden — kam er doch als Sohn eines Tuchhändlers zur Welt. Tuchfabrikation und -handel waren in Lennep stark verankert, die Familie Röntgen wanderte trotzdem im Revolutionsjahr 1848 zu Verwandten ins niederländische Apeldoorn aus, wo sie es zu beträchtlichem Vermögen brachte. Der spätere Nobelpreisträger verlebte so einen großen Teil seiner Jugend in den Niederlanden und schrieb auch seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung auf Niederländisch. Seinem Geburtshaus in Lennep, das er schon als Dreijähriger verlassen hatte, blieb er trotzdem verbunden. Er hatte es sogar immer vor Augen — in Form eines Modells, das sein Vater gebaut hatte und das heute als Ausstellungsstück zu bewundern ist.

Das echte Geburtshaus liegt rund zweihundert Meter entfernt am Lenneper Gänsemarkt. Es diente als Metzgerei, bevor es 1964 Eigentum der Stadt Remscheid wurde. Lange beherbergte es die Bibliothek des Deutschen Röntgen-Museums, doch 2011 brachte einen Neustart: Die Deutsche Röntgengesellschaft erwarb das denkmalgeschützte Gebäude und übergab es der „Stiftung Geburtshaus Wilhelm Conrad Röntgen“, um eine internationale wissenschaftliche Begegnungsstätte mit einem Gästezimmer einzurichten. Das Haus, dessen Raumaufteilung inzwischen wieder dem Zustand zur Zeit von Röntgens Geburt entspricht, dient nun als Tagungsort und Treffpunkt. Auch bei der jährlichen Verleihung der Röntgen-Plakette — eines seit 1951 von der Stadt Remscheid vergebenen Wissenschaftspreises — wird es künftig eine zentrale Rolle spielen. Im Frühjahr 2019 wurde im Erdgeschoss die Ausstellung „Begegnung mit Röntgen“ eröffnet. In authentischem Ambiente widmet sie sich der Biografie und der weltweiten Vernetzung des Forschers, zeigt Gegenstände aus seinem Nachlass und handschriftliche Dokumente. Als Ergänzung zum Röntgenmuseum beweist auch diese Präsentation, wie sich Wissenschaft ganz nach dem Vorbild der X-Strahlung vermitteln lässt: Ohne an der Oberfläche zu bleiben.

2011 erwarb die Deutsche Röntgengesellschaft das Geburtshaus von Wilhelm Conrad Röntgen von der Stadt Remscheid. Anschließend starteten die umfassenden Restaurierungsarbeiten. Im März 2020 waren sie beendet. Die Einweihungsfeier soll Anfang November stattfinden – am 8. November 1895 hatte Röntgen die „X-Strahlen“ entdeckt.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 2-2019 unseres Stiftungsmagazins NRW Natur-Heimat-Kultur.

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