Der Heimkehrer

Der Wolf kehrt nach Nordrhein-Westfalen zurück. Die einen freut's, die anderen hegen Sorgen. Die Akzeptanz wird steigen, wenn Weidetierhalter unterstützt werden.

Einst war der Wolf die am weitesten verbreitete Säugetierart der Erde. Von den Tundren im Norden bis zu den Halbwüsten im Süden, von den Hochgebirgen bis zu den Tieflandwäldern besiedelte er beinahe die gesamte Nordhalbkugel. Aber überall dort, wo Menschen lebten und Nutztiere hielten, töteten sie den Wolf. Jäger betrachteten ihn als lästigen Konkurrenten. Die Dämonisierung und erbarmungslose Verfolgung kam nicht erst in der Neuzeit auf: In der Ruine der Detmolder Falkenburg fand man bei einer archäologischen Grabung mittelalterliche Zeugnisse einer grausamen Praxis. Damals hängte man mit Fleisch beköderte Wolfsangeln an einer Kette so hoch in einen Baum, dass ein Wolf danach hochspringen musste. Beim Biss in den Fleischbrocken bohrte sich ein eiserner Haken in seine Kieferknochen — es folgte ein qualvoller Tod.

Vorurteilsfrei betrachtet sind Wolfsrudel sehr soziale Gemeinschaften mit einer hoch entwickelten Kommunikation. Was wir als Rudel bezeichnen, sind nichts anderes als Familien. Sie bestehen meist aus dem Elternpaar und den bis zu zwei Jahre alten Nach- kommen. Die im Vorjahr geborenen Jungwölfe unterstützen die im Rang dominierenden Eltern bei der Aufzucht der diesjährigen Welpen. Mit 22 Monaten sind Wölfe geschlechtsreif und wandern aus dem Revier des Rudels ab. Auf der Suche nach einem eigenen Territorium und einem Partner können sie hunderte von Kilometern zurücklegen. Überhaupt sind Wölfe ausdauernde Läufer. 20 bis 25 Kilometer sind ein normales Tagespensum, Etappen von mehr als 50 Kilometern keine Seltenheit. Dabei kommen den Tieren ein hervorragendes Orientierungsvermögen und ihre wachen Sinne zugute.

Der Wolf

Im Jahr 2019/20 lebten in Deutschland laut Wolfsmonitor:
 

  • 60 Rudel
  • 6 Paare
  • 6 Einzeltiere

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Jäger mit empfindlichen Sinnen

Wolfsaugen sind besonders fürs Dämmerungs- und Nachtsehen ausgelegt. Dafür verfügen sie wie die Augen einer Katze über einen Restlichtverstärker, und die Netzhaut besitzt doppelt so viele Sinneszellen für das Hell-Dunkel-Sehen wie die des Menschen. Auch Gehör und Nase sind hochempfindlich: Das Heulen anderer Rudel können Wölfe über mehrere Kilometer hören und ihre Nase registriert die Gerüche von Beutetieren und Artgenossen über Distanzen von mehr als 2.000 Metern. Duftmarken von Artgenossen sind für sie noch nach Wochen lesbar. Kein Wunder also, dass Wölfe besonders entlang ihrer Reviergrenzen eine Vielzahl von Geruchsbotschaften hinterlassen, um sich den Nachbarn mitzuteilen. Darin unterscheiden sich Wölfe kaum von ihren domestizierten Verwandten, den Hunden. Auch die setzen bekanntlich Kot, Urinspritzer und Pfotenabdrücke als „social media“ ein.

 

Konfliktpotenzial: Wolf und Weidetiere

Hauptbeute des Wolfs in Mitteleuropa sind Rehe, Hirsche und Wildschweine, bevorzugt junge, alte, kranke und schwache Tiere. Wölfe tragen damit zu einer Gesunderhaltung und Regulierung des Wildbestandes bei, wovon wiederum der Wald profitiert. Menschen gehören nicht zum Beuteschema des Wolfs und dieser vermeidet den Kontakt mit den Zweibeinern. Junge Wölfe können aber neugierig sein und einen Menschen beobachten statt gleich zu flüchten. Dieses Verhalten ist weder aggressiv noch gefährlich. Wer einem Wolf begegnet, sollte schlicht stehenbleiben und warten, bis der sich zurückzieht.

In Gefahr sind dagegen ungeschützte Weidetiere. Wölfe unterscheiden nicht zwischen erlaubter und unerlaubter Beute, also zwischen Wild- und Nutztieren. Während in Herden gehaltene Rinder und Pferde einem Wolf Paroli bieten können, sind Ziegen und Schafe ihm hilflos ausgeliefert. Abwehrmaßnahmen wie Elektrozäune müssen daher in Wolfsgebieten flächendeckend und sorgfältig installiert werden. Steht ein Zaun nicht unter Strom oder ist er leicht zu untergraben, wird ein Wolf für das Überwinden seiner Vorsicht mit leichter Beute belohnt. Künftig nimmt seine Scheu ab und er wird immer wieder versuchen, Weidetiere zu reißen. Spätestens wenn er darin auch seine Nachkommen „anlernt“ und ein ganzes Rudel sich beispielsweise auf Schafe spezialisiert, ist es mit der Toleranz vorbei. Der Naturschutz hat deshalb ein elementares Interesse daran, Weidetiere vorbeugend zu schützen, denn der Einsatz von Schafen und Ziegen ist oft die einzige geeignete Möglichkeit, um artenreiche, historische Kulturlandschaftstypen wie Kalkmagerrasen und Zwergstrauchheiden zu erhalten.

Drachenburg in Königswinter
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ZU DEN PROJEKTEN

Ein wirksames zusätzliches Mittel gegen Wolfsattacken bieten Herdenschutzhunde. Durch ihre bloße Präsenz und ihr imponierendes Auftreten halten sie mögliche Angreifer auf Distanz. Geeignete Rassen sind der Maremmen-Abruzzen-Schäferhund und der Pyrenäen-Berghund. Beide haben etwa 70 cm Schulterhöhe, einen „bärigen“ Kopf und ein langes helles Fell. Um sie früh zu prägen, werden die Hunde mit ihren Schützlingen gemeinsam aufgezogen. Sie sehen diese als „ihre Familie“ an und bewachen sie zuverlässig, auch gegenüber fremden Menschen. Zu den Rassemerkmalen gehört die große Selbständigkeit — Herdenschutzhunde arbeiten also auch bei Abwesenheit ihres Schäfers. Da Wölfe ein gutes Gedächtnis haben, werden sie nach Begegnungen mit respekteinflößenden Hunden solche Weiden links liegen lassen und sich lieber auf die Fährte von Reh und Frischling setzen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 2-2019 unseres Stiftungsmagazins NRW Natur-Heimat-Kultur.

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