Treffpunkt der Religionen

RELíGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur

Literaturliebhaber kennen das Städtchen Telgte, das wenige Kilometer östlich von Münster liegt, aus der Erzählung „Das Treffen in Telgte“ von Nobelpreisträger Günter Grass. In dem Buch, das gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) spielt, wird auch das berühmte Telgter Gnadenbild erwähnt. Diese aus Pappelholz geschnitzte Darstellung der Muttergottes mit dem toten Jesus wurde in den 1650er-Jahren von Bischof Christoph Bernhard von Galen zum wichtigsten Wallfahrtsziel der Diözese Münster erhoben. 

Damals entstand außerdem die barocke Kapelle, in der das Gnadenbild noch heute steht und die alljährlich von rund 100.000 Pilgern besucht wird – Telgte ist nach wie vor einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Deutschlands.

Wandel eines Museums

Das „Relígio“ liegt direkt neben der Wallfahrtskapelle. Ein Heimatmuseum entstand hier schon 1934. Im Laufe der Jahrzehnte wurde es mehrfach erweitert und erlangte nicht zuletzt durch die Präsentation des Telgter Hungertuchs von 1623 Bekanntheit, eines der bedeutendsten Objekte aus der Religionsgeschichte Westfalens. Starken Zulauf brachten dem Museum darüber hinaus seine populären Krippenausstellungen. Sie waren so erfolgreich, dass 1994 ein eigenes Gebäude dafür eröffnet wurde, dessen Entwurf von dem Architekten Josef Paul Kleihues stammte. 

Die Ausstellung im Relígio beherbergt kostbare Krippen.

Multimediale Angebote ergänzen die Ausstellungsstücke.

Die NRW-Stiftung unterstützte die Neuausrichtung und Erweiterung des Museums.

Ein Raum lädt sogar zum Ausruhen und Meditieren ein.

Doch manchmal haben Erfolge auch ihre Kehrseite: Das einseitige Image als Krippenmuseum machte es immer schwieriger, das Publikum auch für andere Themen der religiösen Volkskunde zu interessieren. Nach der Neueröffnung im April 2012 setzt das Museum daher bewusst ganz neue Akzente. Krippen – vor allem die großen Sonderschauen zur Weihnachtszeit – werden zwar weiterhin zu sehen sein, im Vordergrund stehen nun aber vor allem religiöse Riten und religiöses Handeln. Dabei finden auch nicht christliche Glaubenswelten Berücksichtigung und laden die Besucher so zu spannenden Vergleichen ein. 

Aktuelle Debatten wie die um die Beschneidungen in Judentum und Islam zeigen, dass eine fruchtbare Diskussion von Glaubensfragen vor allem eins voraussetzt: Wissen. Ein Besuch in Telgte kann da wichtige Anstöße geben, etwa am großen „Tisch der Religionen“, der durch Multimedia-Darstellungen und ausgewählte Ausstellungsstücke ein buntes Mosaik religiöser Vielfalt lebendig werden lässt. 

Anregungen bietet ebenso die Abteilung „Übergangsriten“: Themen wie Taufe, Erwachsenwerden, Hochzeit und Tod werden hier aus der Perspektive unterschiedlicher Religionen behandelt. Am Ende wartet das Jenseits. Doch keine Angst: Im Telgter Relígio ist die Abteilung Jenseits mit sehr bequemen Liegesesseln ausgestattet – als Raum zum Innehalten und Schauen.

Der Kardinal und die Handtasche

Das großzügige Treppenhaus des Kleihues-Gebäudes, das mit seinen riesigen Fenstern eindrucksvolle Ausblicke auf die historischen Bauten ringsum bietet, führt anschließend zum Schwerpunkt „Jahresfeste“. Weihnachten wird hier besonders ausführlich behandelt – auch in seiner Rolle als modernes Konsumfest. Im gegenüberliegenden Haus 2 des Museums wartet dann nicht nur das berühmte Hungertuch auf den Besucher, er kann sich hier zugleich mit der vielschichtigen westfälischen Glaubenslandschaft vertraut machen, den „Baum der Erkenntnis“ erleben und Näheres über die Geschichte der Telgter Wallfahrt erfahren, deren früheste Wurzeln über ein halbes Jahrtausend zurückreichen. Ein Nebenraum ist – inklusive stilechter Klappsessel – als kleines Kino eingerichtet. Man hat die Möglichkeit, unter verschiedenen Filmen zu wählen und sie auch selbst zu starten, zum Beispiel eine Dokumentation über den „Löwen von Münster“. 

Der Löwe von Münster – so nennt man den Bischof und späteren Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878 – 1946), der im Dritten Reich mehrfach mit Predigten gegen die Tötung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ und gegen die Willkür der Geheimen Staatspolizei hervortrat. Das Naziregime erwog sogar, den missliebigen Geistlichen gewaltsam zu beseitigen. Auch wenn Galen nicht immer politische Weitsicht bewies und beispielsweise Hitlers Angriff auf die Sowjetunion unkritisch betrachtete, hat er doch als Mahner gegen die Tötung Unschuldiger großen Ruhm erlangt. 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen, seit 2006 befindet sich sogar eine Fingerreliquie des Kardinals in der Telgter Wallfahrtskapelle – jener Kapelle, die Galens oben erwähnter Ururururonkel im 17. Jahrhundert hatte erbauen lassen. Im Telgter Relígio findet man neben vielen anderen persönlichen Gegenständen auch Galens rote Kardinalsschuhe. Sie wurden 1946 von einem Ahlener Schuster angefertigt, der dazu als Rohmaterial eine Lederhandtasche seiner Frau verwendete. 

Vom Hinduismus bis hin zum Kardinalsschuh – das „Relígio“ schlägt einen weiten Bogen. Es blickt in die Welt, vergisst dabei aber seine lokale Verankerung nicht. War das „Treffen in Telgte“ bei Günter Grass noch eine Zusammenkunft barocker Dichter, so versteht sich das neue Museum als Begegnungsstätte ganz anderer Art. Es ist ein Ort, an dem sich heute – so das hauseigene Motto – „Gott und die Welt treffen“.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2012/Nr. 3

Unser Engagement

Die NRW-Stiftung unterstützte in den 1990er-Jahren im westfälischen Wallfahrtsort Telgte maßgeblich den Bau des neuen Krippenmuseums. In den vergangenen Jahren half sie zudem bei der inhaltlichen Neuausrichtung und Erweiterung mit zusätzlichen Themenschwerpunkten zum neuen Museum „RELÍGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur“.


Standort

RELíGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur
Herrenstraße 1-2
48291 Telgte
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