Auf dem Weg zum Urwald

Nationales Naturerbe Petersberg in Königswinter

Weit über 100 Jahre alte Buchenwälder, aufgelassene Steinbrüche und artenreiche Wiesen: Das Nationale Naturerbe (NNE) Petersberg gehört zu den ökologischen Juwelen der Region. Am westlichen Rand des Siebengebirges gelegen, ist das 92 Hektar große Naturerbegebiet Teil sowohl des größten zusammenhängenden Naturschutzgebietes Nordrhein-Westfalens als auch des gleichnamigen europäischen FFH-Schutzgebietes Siebengebirge.

Die Naturerbefläche Petersberg spiegelt auf vergleichsweise kleiner Fläche einen großen Teil der Naturvielfalt des Siebengebirges wider. Wie die übrigen Teile der insgesamt annähernd 50 Quadratkilometer großen geschützten Siebengebirgs-Naturlandschaft, besteht es überwiegend aus ausgedehnten Buchen- und zum kleineren Teil auch aus Eichenwäldern. Darüber hinaus beherbergt das NNE Petersberg ein vielfältiges und abwechslungsreiches Mosaik aus weiteren Lebensräumen, die typisch sind für die Mittelgebirgslandschaft entlang des Rheins. Seine Vielfalt verdankt das Mittelgebirge auch seiner vulkanischen Vergangenheit sowie seiner klimatisch bevorzugten Lage. Neben den sehr vielfältig zusammengesetzten Waldgesellschaften bieten auch Obstwiesen, nicht mehr genutzte Steinbrüche, Felsformationen, Weinberge, Bäche, Teiche und Seen einer großen Zahl an Tieren und Pflanzen Lebensraum. Allein 730 Pflanzenarten kommen im Siebengebirge vor. Eine botanische Besonderheit des Petersberges ist die Wald-Bergminze. Die aromatisch-duftende Verwandte der Pfefferminze mit ihren violetten Kronblättern findet sich in NRW ausschließlich hier.

Der Petersberg selbst entstand erst zum Ende der vulkanischen Aktivität in der Region im Miozän, einem erdgeschichtlichen Abschnitt, der vor rund 23 Millionen Jahren begann und vor gut fünf Millionen Jahren endete. Mit einer Höhe von rund 336 Metern ist er gemeinsam mit dem nahezu gleich hohen Nonnenstromberg die vierthöchste Erhebung des Siebengebirges.

Herzstück des NNE Petersberg sind die teilweise über 150 Jahre alten Buchenwälder. Sie sollen sich in den kommenden Jahrzehnten ebenso wie angrenzende Waldbestände weiter zu Naturwäldern entwickeln und damit Lebensraum für eine noch reichhaltigere Tier- und Pflanzenwelt bieten. Insgesamt entsteht auf einer Fläche von mehr als 600 Hektar wieder natürlicher Urwald.

Wandel braucht Zeit

Die Umwandlung der Wälder in Naturwälder braucht vor allem eines: viel Zeit. Denn die Landschaft wurde seit vielen Jahrhunderten durch eine intensive Nutzung des Menschen geprägt. So gehen die heutigen Buchenwälder zum großen Teil auf die frühere Nutzung als Ramholzwald zurück, einer einst weitverbreiteten Wirtschaftsweise, bei der Buchen etwa auf Augenhöhe geköpft und die entlang der Schnittstellen nachwachsenden Neutriebe als Pfähle in den Weinbergen verwendet wurden. Heute sind vor allem ein Verzicht auf forstwirtschaftliche Nutzung sowie das Zurückfahren menschlicher Eingriffe in die natürlichen Entwicklungsprozesse auf ein notwendiges Minimum die Eckpfeiler des Naturschutzkonzeptes für die Wälder in den Wildnisentwicklungsgebieten.

Ausgenommen vom Eingriffsverzicht sind das Hotelgelände des ehemaligen Bundesgästehauses, die Petersbergstraße und die Trasse der ehemaligen Zahnradbahn. Sie gehören nicht zum Nationalen Naturerbe. Auf der übrigen Fläche gilt aber: Vorfahrt für die Natur! Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass umgestürzte Bäume nicht aus dem Wald herausgenommen werden. Stattdessen werden sie dem natürlichen Zersetzungsprozess überlassen. Gerade Totholz ist für viele Pilz-, Insekten- und Vogelarten ein wahres Lebenselixier.

Europas größte Fledermaus jagt hier

Auf dem Weg zurück zum Urwald wird der Petersberg mit jedem weiteren Jahr ökologisch wertvoller. Aber auch bereits jetzt bieten seine Wälder und die des übrigen Siebengebirges zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum, die anderswo bereits sehr selten geworden sind. So hat hier das Große Mausohr sein regelmäßiges Jagdrevier. Mit einer Flügelspannweite von über 40 Zentimetern ist die europaweit streng geschützte Art unsere größte Fledermaus.

Im Unterschied zu den anderen heimischen Fledermäusen jagt sie nicht vor allem Fluginsekten, sondern erbeutet aus niedrigem Flug zwischen den Bäumen Laufkäfer am Waldboden, die sich durch ihr Rascheln im Laub an die mit einem exzellenten Gehörsinn ausgestatteten Fledermäuse verraten.

Heimat der Hirschkäfer

Eine weitere Besonderheit des Petersberges und der umliegenden Wälder ist das Vorkommen des Hirschkäfers. Die größte europäische Käferart hat sich auf das Leben in der Umgebung toter Laubbäume – vor allem der Eiche – in wärmebegünstigten Regionen spezialisiert. Seinen Namen trägt der Hirschkäfer aufgrund der bei den Männchen stark vergrößerten Oberkiefer, die an das Geweih eines Hirsches erinnern. Hirschkäfer werden bis zu acht Zentimeter lang.

Die am Wurzelwerk des Totholzes geschützt heranwachsenden Larven brauchen vier Jahre, um sich zu einem ausgewachsenen Käfer zu entwickeln. Die Lebenszeit der eindrucksvollen Tiere währt dann allerdings nur wenige Wochen. Der in seinem Bestand stark gefährdete Hirschkäfer ist ein Paradebeispiel für die ökologische Bedeutung alter und naturbelassener Wälder mit einem hohen Totholzanteil.

Das gleiche gilt auch für einige am Petersberg und in der Umgebung vorkommenden Vogelarten. Mit Mittel- und Schwarzspecht erreichen hier zwei typische Arten intakter Mittelgebirgswälder eine hohe Dichte. Auch die Präsenz des scheuen Schwarzstorchs als Nahrungsgast und Übersommerer belegt die herausragende Bedeutung des Siebengebirges für Waldvogelarten.

Die weitere natürliche Entwicklung der Wälder des Siebengebirges könnte auch der Wiederbesiedlung durch die Wildkatze Vorschub leisten. Vereinzelte Nachweise lassen auf eine Rückkehr des durch starke Bejagung und Ausbau der Straßen einst fast ausgerotteten heimlichen Waldbewohners hoffen.

Wälder stellen zwar den dominierenden Anteil am NNE Petersberg, sie sind aber nicht der einzige wertvolle Lebensraumtyp. So entwickelt sich die mit alten solitären Eichen bestockte „Mondscheinwiese“ durch gezieltes Management – vor allem durch die Schafbeweidung – wieder zu einer artenreichen Glatthaferwiese. Dieser europaweit gefährdete Lebensraumtyp bietet zahlreichen Pflanzenarten des Offenlandes wie Berg-Flockenblume und Herbstzeitlose einen passenden Standort.

Wanderfalke im Anflug

An den Felsen und in den aus der Nutzung genommenen Steinbrüchen der Region brüten seit einigen Jahren wieder mehrere Paare des Uhus, der größten Eulenart der Erde. Wie der Uhu war auch der Wanderfalke in Deutschland bereits fast ausgestorben. Dank intensiver Schutzmaßnahmen und eines Verbots des Insektizids DDT konnten sich beide Großvogelarten in den vergangenen Jahrzehnten langsam ihren alten Lebensräume zurückerobern. Heute können Besucher unter anderem über dem Drachenfels und mit Glück auch über dem Petersberg die rasante Jagd des Wanderfalken auf andere Vögel erleben. Im Sturzflug auf ihre Beute erreichen Wanderfalken eine Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern und gelten damit als schnellste Vögel der Erde.

Wälder, Wiesen und ein spektakulärer Blick ins Rheintal; dazu spannende politische Geschichte(n) aus der Diplomatie der „Bonner Republik“ im ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung. Diese Kombination macht den Petersberg zu einem ganz besonderen Ort. Ein Besuch lohnt zu jeder Jahreszeit. Am schönsten ist er aber vielleicht im Herbst, wenn das bunte Farbenspiel der Buchenwälder dem Petersberg einen Hauch von „Indian Summer“ verleiht.

Stand der Angaben: 2020

Unser Engagement

Der Petersberg gehört zu den Liegenschaften des Nationalen Naturerbes, die von der Bundesrepublik Deutschland in die Hände der NRW-Stiftung übertragen wurden. Alle Naturerbeflächen stellen wir Ihnen in unserer Broschüre vor.


Petersberg
Petersberg
53639 Königswinter

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