Spielstätte im Speicher
Wolfgang Borchert Theater Münster

„Draußen vor der Tür“ ist das bekannteste Werk des Schriftstellers Wolfgang Borchert (1921-1947). Bezieht man diesen Satz auf das nach ihm benannte Theater in Münster, ist da der ehemalige und jetzt zum Szeneviertel gewordene Stadthafen. Sehr passend, denn der mit nur 26 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gestorbene Künstler kam aus Hamburg – und die Hafengebiete seiner Geburtsstadt haben sich in ähnlichem Maße verändert wie die in Münster.
Auf jeden Fall ist der ehemalige Getreidespeicher ein spannendes Gebäude für einen Kulturort, schon der Weg zur Vorstellung wird zum Erlebnis. Noch dazu hat der Bau eine interessante Geschichte, die wiederum in die Kunstgeschichte der Weimarer Republik führt. Errichtet wurde der erste fünfgeschossige Speicher im Jahr 1898 von der jüdischen Familie Flechtheim als einer der ersten des Münsteraner Hafens, der am ein Jahr später fertiggestellten Dortmund-Ems-Kanal entstand. Er legte den Grundstein für die Expansion des Unternehmens. Die Viehzüchter des Münsterlandes bezogen über Münster vor allem Futtergerste aus anderen Regionen.
Die auf Exkursionskurs befindliche Firma Flechtheim geriet jedoch schon einige Jahre nach dem Bau ihres Speichers in Münster in schwierigeres Fahrwasser, ihre Umsätze gingen zurück. 1913 stand sie kurz vor dem Konkurs und der erst einige Jahre zuvor als Teilhaber eingestiegene Enkel des Firmengründers, Alfred Flechtheim, schied aus dem Getreidehandel aus. Er betätigte sich fortan als Kunstsammler und wurde in der Weimarer Republik zum Förderer der avantgardistischen Kunst und zu einer der schillerndsten Figuren im Deutschen Reich. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh er nach London, wo er 1937 verarmt starb.
Neustart im Hafen
Das mit Hilfe von Banken gerettete Handelsunternehmen wurde 1939 von den Nazis enteignet, der Speicher von der Rhenus AG übernommen. Sie baute den neungeschossigen Rhenusspeicher an. Beide Speicher wurden bis 2007 genutzt, dann von den Stadtwerken gekauft und unter anderem für eine Büronutzung umgebaut. Noch während der Bauphase wurde das Wolfgang Borchert Theater auf den Standort aufmerksam. Das in den 1950er-Jahren gegründete Privattheater war schon zuvor im Hafenviertel ansässig und wollte sich vergrößern. In den beiden Speichern fand es den perfekten Ort, den es nach seinen Bedürfnissen gestalten konnte. Durch die Entfernung von Geschossdecken entstand ein zwei Etagen übergreifender Theatersaal mit 145 Sitzplätzen.
Ein Mammutprojekt, das für das kleine Privattheater nur möglich war, weil es durch starkes bürgerliches Engagement getragen wird: Die Mitglieder eines Fördervereins unterstützen durch ihren Jahresbeitrag, aber auch durch ihren ideellen Beitrag das Theater. Und damit einen in Münster sehr beliebten Kulturort: Die allermeisten Vorstellungen sind ausverkauft.
Stand der Angaben: März 2026
Unser Engagement
Die NRW-Stiftung stellte dem Verein zur Förderung des Wolfgang Borchert Theaters Münster e. V. für die technische Ertüchtigung der beiden Speicher zur Nutzung als Theater eine Förderung zur Verfügung.
Standort
Wolfgang Borchert TheaterAm Mittelhafen 10
48155 Münster
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