Der Palast über der Stadt

Schützenhalle in Lüdenscheid

Wer schon über 100 Jahre alt ist, aber immer noch „neu“ genannt wird, der hat der Zeit ein Schnippchen geschlagen. Das 19. Jahrhundert ging gerade zu Ende, als man in Lüdenscheid mit dem Bau der „Neuen Schützenhalle“ auf einer Anhöhe hoch über der Stadt begann. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, setzt das palastartige Bauwerk mit dem gedrungenen Seitenturm noch immer ein weithin sichtbares architektonisches Zeichen. Viele berühmte Namen waren hier schon zu Gast: Die deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Willy Brandt, der Boxer Max Schmeling, der Revuestar Marika Rökk und – last but not least – auch die britischen Hardrocker Deep Purple. 

„Man muss einmal in der leeren Halle gestanden haben, still betrachtend, zu einer Zeit, wo Bündel goldener Sonnenstrahlen durch die bunten Fenster brechen oder wenn von der Westseite die goldene Abendsonne ihren Schimmer in die Halle legt. Man könnte meinen, in einem Dom zu stehen.“ 

Hallenchronist Fritz Schlieck drückt aus, was wohl jedem Betrachter auffällt, der die Lüdenscheider Schützenhalle einmal in einem ruhigen Moment betritt: Sie wirkt festlich, auch wenn niemand darin feiert. Und sie ähnelt mit ihren aufwendigen Säulen und ihren farbigen Glasfenstern einer Kirche. Mehr noch: Mit dem erhöhten Mittelschiff und den beiden niedrigen Seitenschiffen entspricht sie genau dem Typus einer Basilika. Die zwischen 1903 und 1910 entstandenen qualitätsvollen Glasfenster allerdings zeigen keine religiösen Motive, sondern stellen Themen wie „Landwirtschaft“, „Industrie“, „Wissenschaft“ und „Jagd“ dar.

Engagiert für die Halle (v.l.): Rüdiger Wilde, Udo Lütteken und Friedrich Karl Schmidt.

Wilhelminische Boomtown

Kathedralenartig wirkt an der Schützenhalle schon ihre pure Größe. Der Innenraum hat eine Fläche von rund 1.400 Quadratmetern. Hier lassen sich unter Einbeziehung eines kleineren Vorraums fast 1.700 Stühle aufstellen. Über 2.500 Besucher können bei Veranstaltungen ohne Bestuhlung eingelassen werden. Im Eröffnungsjahr 1900 hätte sich demnach ein Zehntel der Lüdenscheider Bevölkerung gleichzeitig in der neuen Halle aufhalten können, denn die Stadt hatte damals nur 25.000 Einwohner. 

Trotz dieser recht geringen Größe war Lüdenscheid im wilhelminischen Kaiserreich so etwas wie eine industrielle „Boomtown“. Und nur vor diesem Hintergrund lässt sich auch das ehrgeizige Vorhaben verstehen, mit der riesenhaften Halle so etwas wie ein neues „Wahrzeichen“ für die Stadt zu schaffen. Äußerst finanzkräftige Unternehmer wie die Knopffabrikanten Turck und Selve beteiligten sich mit erheblichen Summen an dem Bau. Auch der Aluminium-Pionier Carl Berg – berühmt u.a., weil er in Lüdenscheid Bauteile für den allerersten Zeppelin montieren ließ – zeichnete Anteilscheine.

Sturm auf die Bühne

Eigentümerin der Halle ist die Lüdenscheider Schützengesellschaft von 1506. Doch finden in dem Gebäude keineswegs nur Schützenfeste statt. Im bunten Reigen ziehen vielmehr Veranstaltungen vom Secondhand-Markt über Technologieausstellungen bis hin zum „Christmas Rock“ die Besucher an. Allerdings ist es durch das 1981 eröffnete städtische Kulturhaus im Stadtzentrum um die Schützenhalle ein wenig ruhiger geworden. Rockgrößen wie Deep Purple hat man hier seitdem nicht mehr gesichtet. „The audience erupted on the stage at Lüdenscheid“ – „das Publikum stürmte die Bühne in Lüdenscheid“ hatten sie 1973 noch auf einem ihrer Plattencover vermerkt.

Grüner Glanz

Auch wenn sie „neu“ genannt wird, ein wenig machte das Alter der Schützenhalle denn doch zu schaffen. Weder Wind und Wetter noch der Zahn der Zeit ließen sich leider durch die 1984 erfolgte Aufnahme des Bauwerks in die Denkmalliste der Stadt Lüdenscheid beeindrucken. Und so bedurfte insbesondere der Turm schließlich einer dringenden Sanierung. Sie konnte mit Hilfe der NRW-Stiftung Ende 2007 erfolgreich abgeschlossen werden. Seitdem verkündet das in „patinagrünem“ Glanz frisch erstrahlende Turmdach schon von ferne den baulichen Gesundungsprozess. Was zu der Hoffnung berechtigt, dass sich auch in hundert Jahren noch von der „neuen“ Schützenhalle in Lüdenscheid berichten lassen wird.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2008

Unser Engagement
Auf Anregung des Geschichts- und Heimatvereins Lüdenscheid unterstützte die NRW-Stiftung die Restaurierung des Eckturms der prächtigen Lüdenscheider Schützenhalle. Die im Jahre 1900 eröffnete Halle wird regelmäßig für Kulturveranstaltungen genutzt.


Standort

Schützenhalle Lüdenscheid
Reckenstraße 6
58511 Lüdenscheid
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