„Der Lange“ in den Baumbergen

Longinusturm in Nottuln

In den Baumbergen im Kreis Coesfeld steigt das ansonsten flache Münsterland bis auf schwindelerregende fast 200 Meter über dem Meeresspiegel an. Was andernorts als seichter Hügel durchgehen würde, nennt man hier nicht ohne Stolz Berg. Auf dem höchsten davon, dem 188 Meter hohen Westerberg in Nottuln, kann man nochmal 24 Meter höher klettern – vom Longinusturm genießt man bei passendem Wetter eine Aussicht über das gesamte Münsterland. 

Der zwischen 1897 und 1900 vom Baumberge-Verein, einem Wanderclub, errichtete Turm präsentiert sich in „landestypischer Tracht“: Er besteht größtenteils aus dem hellen Baumberger Sandstein, der in der Umgebung früher in zahlreichen Steinbrüchen und heute noch vereinzelt gewonnen wird. Oben trägt er zwei ovale Plattformen aus Beton. Sie wurden in den 1950er-Jahren obenauf gesetzt. 

In jener Zeit bekam der Turm einen zweiten Verwendungszweck. Von hier wurden Fernsehprogramme ausgestrahlt. Die entsprechende Technik brauchte Platz. Und auch die steigende Zahl an Ausflüglern wollte bewältigt werden. Während Besucherinnen und Besucher bis heute die untere Plattform nutzen, ist auf der oberen die Antennentechnik untergebracht. Vom Dach strahlen heute unter anderem noch Mobilfunksender ihre Wellen aus. Die Verbreitung der Radio- und Fernsehprogramme hat schon vor Jahrzehnten der benachbarte Sender Nottuln, ein heute 180 Meter hoher Stahlmast, übernommen.

Von der Aussichtsplattform aus geht der Blick weit übers Münsterland.

An Wochenenden ist der Turm ein beliebtes Ausflugsziel – auch für Motorradfahrerinnen und -fahrer.

In dem Turm aus lokalem Baumberger Sandstein ist auch ein Café untergebracht.

Ein Schild erinnert an gestohlene oder versetzte Bronzetafeln am Turm.

So hatte denn auch ein Anschlag auf den Turm im Jahr 1979 nicht die von den Tätern erwünschten Auswirkungen: Rechtsradikale wollten die anstehende Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ verhindern und zündeten einen Sprengsatz am Longinusturm statt am aktiven TV-Sender nebenan. Das Programm im Münsterland wurde folglich nicht beeinträchtigt, allerdings führte ein weiterer Sprengsatz am Sender Koblenz dazu, dass hunderttausende Bildschirme vorübergehend schwarz blieben. Die Serie wurde vier Tage später wie geplant ausgestrahlt, der Täter gefasst und dafür zu vier Jahren Haft verurteilt.

Der Sandstein bröckelte

Diese dunkle Episode ist längst vergessen: Der Longinusturm ist heute ein Ort der Freizeitfreude. Vor allem an den Wochenenden strömen Menschen aus Nah und Fern zu Fuß, per Fahrrad, mit Motorrädern und Autos zu dem Aussichtspunkt mit Café im Erdgeschoss. Fast hätte der Turm jedoch gesperrt werden müssen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends bröckelte der witterungsanfällige Stein, der Gebäude-Eigentümer, der Baumberge-Verein, musste handeln.

In zwei Bauabschnitten wurde das Gebäude saniert. Handwerksbetriebe dichteten die Plattformen ab und sicherten die Sandsteinfassade. Dazu schälten sie die losen Schichten ab, stemmten die Fugen aus und ersetzten dort, wo es nötig war, auch ganze Sandsteinquader, die abschließend neu verfugt wurden.

Bleibt die Frage, warum der Longinusturm diesen römisch anmutenden Namen trägt. „Longinus“ (Lateinisch für: „der Lange“) war der Spitzname des hoch gewachsenen ersten Vorsitzenden des Baumberge-Vereins Fritz Westhoff. Er starb mit Ende 30 an einer Tetanus-Infektion. Der kurze Zeit später errichtete Turm, der ganze Stolz des Vereins, wurde ihm zu Ehren so genannt. Mehr als 125 Jahre später wacht der steinerne Longinus noch immer über die Baumberge und hält den Namen lebendig. 

Stand der Angaben: März 2026

Unser Engagement

Die NRW-Stiftung stellte dem Baumberge-Verein e. V. für die Restaurierung der Nord-Ost-Fassade des Longinusturms in Nottuln Fördergeld zur Verfügung.


Standort

Longinusturm in Nottuln
Baumberg 45
48301 Nottuln
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