Eiin Abgrund der NS-Zeit

Keller Pins in Dülmen

Eine kleine Glaspyramide steht nur wenige Meter entfernt von den dicken Sandsteinmauern der Dülmener St.-Viktor-Kirche. Doch wer darunter große Kunst erwartet wie im fernen Paris, der erlebt beim Blick durch die Scheiben eine Überraschung: ein schlichtes Kellergewölbe, darin scheinbar belanglose Alltagsgegenstände. Etwa Holzkisten mit Äpfeln und Kartoffeln, ein Regal und ein Holzfass. Ausgerechnet diese unscheinbare Installation, die nach archäologischen Ausgrabungen entstanden ist, ist ein Gedenkort, ein Zeitfenster in die NS-Zeit.

Besucherinnen und Besucher schauen hier nämlich in den originalen Keller eines Wohnhauses, das einst der jüdischen Familie Pins gehörte. Die darin präsentierten Requisiten sind neu, doch die Mauern und Fundamente sind erhalten geblieben. Ganz im Gegensatz zum Rest des Gebäudes – denn verheerende Bombenangriffe am Ende des Zweiten Weltkriegs legten Dülmen zu 90 Prozent in Schutt und Asche. 

Die Familie Pins hatte die Zerstörung ihrer Heimatstadt nicht mehr erlebt. Ihr Schicksal zeigt die brutalen Konsequenzen der Judenverfolgung der Nationalsozialisten. Während Louis Pins als Viehhändler mit seiner Familie in der Weimarer Republik in die Stadtgesellschaft integriert war, änderte sich das spätestens mit der Reichspogromnacht 1938. Die Einrichtung des Hauses wurde von Nationalsozialisten zerstört, Pins zwei Wochen inhaftiert und schwer misshandelt.

Eine Glaspyramide schützt den Kellerraum, das Haus darüber wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Der Raum wurde so spartanisch eingerichtet, wie es für Keller damals typisch war.

Vorratsbehälter wie eine Flasche und ein Fass sind dort auch zu sehen.

Im Frühjahr 1939 fuhr er nach Hamburg, um die Flucht aus Deutschland vorzubereiten. Doch bei einem Treffen mit einem Mittelsmann wurde er unter dem Vorwurf des „Devisenschmuggels“ verhaftet. In der Haft starb er – nach offiziellen Angaben durch Suizid. Seiner Frau Jenny und Tochter Johanna gelang die Ausreise nach Uruguay Ende 1940 unter größten Strapazen und Umwegen: Erst reisten sie nach Berlin, von dort mit einem Zug nach Paris, von dort mit einem weiteren Zug nach Spanien und von Bilbao auf einer mehrwöchigen Schiffsreise nach Montevideo.

In Dülmen geriet die Familie Pins in Vergessenheit. Beim Wiederaufbau der Stadt nahm man ohnehin kaum Rücksicht auf die historischen Strukturen und legte Straßen und Häuser zum Teil komplett anders an. Über dem Keller stand zunächst eine Baracke für die Pfarrbücherei, auch später nutzte die Katholische Kirchengemeinde das Grundstück – als Außengelände ihres Kindergartens.

Zurück ins öffentliche Bewusstsein kamen Keller und Familie erst im Jahr 2020. Archäologen durchkämmten vor den Bauarbeiten für ein Mehrgenerationenhaus zwischen Kirche und Rathaus den gesamten Boden im Umkreis – und identifizierten die Strukturen als die letzten Überbleibsel des Hauses der Familie Pins. Die Kirchengemeinde St. Viktor und der Dülmener Heimatverein entwickelten schließlich unter dem Motto „Hineinschauen“ die Idee für den ungewöhnlichen Gedenkort und erforschten das Schicksal der Familie Pins. Manchmal verbergen sich die bewegendsten Geschichten eben in den einfachen Dingen – und sei es ein verwitterter Keller neben einer Kirche.

Stand der Angaben: April 2026

Unser Engagement

Die NRW-Stiftung stellte dem Heimatverein Dülmen e. V. für Maßnahmen zur Präsentation jüdischer Geschichte in Zusammenhang mit dem Fundort „Keller Pins“ eine Förderung zur Verfügung.


Standort

Keller Pins
Bült 1
48249 Dülmen
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