Die Flussfischer von der Siegmündung

Fischereimuseum in Troisdorf-Bergheim

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Binnenfischerei an der Siegmündung ein florierender Erwerbszweig. Dann setzten die Industrie-Abwässer in Rhein und Sieg dem uralten Gewerbe ein trauriges Ende. Doch die Fischerfamilien aus Bergheim resignierten nicht. Sie besannen sich auf ihre Tugenden und stellten sich einer neuen Aufgabe: Statt ihre Fanggeräte nach Aal und Lachs auszulegen, lockten die Bergheimer Fischereibrüder interessierte Besuchspersonen in ihr Museum. In diesem Jahr haben sie ihren „Köder“ erneuert: Eine moderne Dauerausstellung stellt die Lebensgemeinschaften der Sieg und ihrer Aue vor, beschreibt den ehemaligen Alltag des Binnenfischfangs und erzählt die faszinierende Geschichte ihrer Zunft. 

1987 feierte die Fischereibruderschaft zu Bergheim an der Sieg ihr 1.000-jähriges Jubiläum und eröffnete aus diesem Anlass ein Museum. Dahinter stand der Wunsch, die alten Handwerkstechniken und das Wissen über den Fischfang für die Nachwelt zu überliefern. Ohne Kenntnisse der Lebensweise der einzelnen Fischarten, ihres Tages- und Jahresrhythmus und der Gewässerverhältnisse wäre eine Leben als Flussfischer nicht möglich gewesen. Es war Erfahrungswissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, das aber auch mit den wechselnden Lebensverhältnissen erweitert und angepasst werden musste. Dazu kamen handwerkliche Fähigkeiten zum Anfertigen und zur Reparatur der Fanggeräte.

Einer der Räume des Museums.

Die Wand zeigt im unteren Bereich den Lauf der Sieg in neonblau.

Im Obergeschoss präsentiert sich die Vielfalt der Fische. Einige von Ihnen stehen heute unter Schutz.

Foto: Marija Bakker
Foto: Marija Bakker
Foto: Lars Langemeier

Mit dem Ross in den Rhein

Als frühesten Beleg ihrer Existenz konnten die Fischerbrüder das Jahr 987 ausmachen, als der Deutsche Kaiser Otto III. das noch junge Damenstift zu Vilich anerkannte. Das damit verbundene Fischereirecht verlieh die Äbtissin an die Bergheimer Fischer. Als Gegenleistung stand dem Kloster ein Drittel des Fangertrags zu. Abgesehen von diesem „Vilicher Drittel“ übten die Bergheimer das Fischereirecht „als ir eigen Gut“ aus, wie eine Urkunde aus dem 16. Jahrhundert bezeugt.

Das Fanggebiet umfasste nicht nur die untere Sieg und ihre Altarme, sondern auch das rechte Rheinufer zwischen Beuel und Mondorf. Die Grenze Richtung Strommitte war allerdings nicht am Reissbrett vermessen, sondern variierte je nach körperlichem Geschick von Mensch und Tier, reichte sie doch „in den Rhein, so weit man mit einem Rosz reiten, mit einer Gleyen schießen und mit einem Haamnetz reichen kann“. Die Gleye oder Glefe war eine Lanze, und das Haamnetz, das von einem rechteckigen Rahmen offen gehalten wurde, diente dem nächtlichen Fang von Wanderfischen in der Strömung. 

Als das Kloster Vilich 1804 säkularisiert wurde, fiel das Recht „am dritten Fisch“ zuerst an Frankreich, ab 1815 dann an Preußen. Das muss die Fischereibrüder arg gewurmt haben. Sie sparten eisern, verhandelten geschickt und kauften sich im Jahr 1850 für sechshundert preußische Taler los. Damit erlangten sie nach rund neunhundert Jahren fiskalischer Abhängigkeit die volle Souveränität über die „Fischereigerechtsame“ und besitzen diese bis zum heutigen Tag, eine in der deutschen Rechtsgeschichte einmalige Leistung. Und auf noch etwas sind die Bergheimer Fischereibrüder zurecht stolz: Ihre Vereinigung ist der älteste zunftähnliche Zusammenschluss auf deutschem Boden.

Hochwasser war keine Ausrede

Seit jeher vererbt sich die Mitgliedschaft von den Vätern auf die ehelichen Söhne, oder mit den Worten der alten Satzung: „Das weibliche Geschlecht ist von dieser Erblichen Fischerey gänzlich ausgeschlossen“. Ein Problem hat damit offenbar niemand. Der einzige Rechtsstreit, der um eine Mitgliedschaft geführt wurde, betraf eine Adoption. 

Auch ein anderer Brauch wird hochgehalten: Was bei Vereinen sonst „ordentliche Jahreshauptversammlung“ heißt, nennt sich bei den Fischerbrüdern von alters her „Geding“. Zweimal jährlich, nämlich am ersten Samstag nach Dreikönige und um den Johannistag finden diese Treffen statt, bei denen auch der Nachwuchs feierlich aufgenommen und vereidigt wird. Dass man dafür heute unter einem Dach zusammenkommt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Bis vor wenigen hundert Jahren – für die Bergheimer also noch nicht so lange – traf man sich „allemal auf dem gewöhnlichen Platze“, genauer gesagt auf einer baumbestandenen Wiese in der Siegaue. Nicht einmal Hochwasser war eine Entschuldigung, dem Treffen fernzubleiben: „Sollte aber die Sieg grosz und der Bungert überschwemmt sein, soll dasselbe in einem Nachen gehalten werden.“ 

Der einzige Bruch in der langen Geschichte der Bruderschaft war ein verheerendes Feuer im Jahr 1818. Bei ihm verloren die Fischer ihr gesamtes schriftliches Gedächtnis: Alte Urkunden, Protokolle und Karten wurden ein Raub der Flammen. Nur gut, dass es genügend Männer gab, die die Satzung in- und auswendig kannten. Man schrieb sie einfach aus dem Gedächtnis wieder auf.

Das Mündungsdelta wandelt sich

Trotz dieses Verlustes muss sich die Dauerausstellung im neuen Museumsbau nicht auf die jüngere Geschichte beschränken. Das ist das Verdienst fleißiger Heimatforscher wie Heinrich Brodeßer und rühriger Mitglieder der Bruderschaft. Was sie mit Hilfe professioneller Ausstellungsmacher und der Museumsleitung präsentieren, ist weit mehr als ein thematisch ausgerichtetes Heimatmuseum.

Die natürlichen Gegebenheiten, zum Beispiel das Abflussgeschehen der Sieg oder das Artenspektrum der Fische, die hier vorkommen, haben das Leben und Arbeiten ganz entscheidend geprägt. Umgekehrt haben auch die Menschen den Fluss stark verändert. Um etwa die häufigen Laufänderungen einzuschränken, wurden 1777 der Fluss begradigt und seine Mündung rheinaufwärts verlegt. Das schneller abfließende Siegwasser lagerte nun große Mengen Kies und Sand im Rhein ab, die dort den Schiffsverkehr behinderten. 1852 musste die Siegmündung daher wieder rheinabwärts nach Mondorf verlegt werden. Ein Damm machte die ehemalige Rheininsel Kemper Werth zur Halbinsel und gab der Sieg ihren heutigen Verlauf.

Foto: Werner Stapelfeldt
Foto: Marija Bakker

Spannende Einsichten mit den Museumsmaskottchen

Neben der Darstellung der Bruderschaftshistorie, den Boots-, Fang- und Verarbeitungstechniken dürfte für Kinder und Schulklassen besonders die Abteilung über die Lebensgemeinschaften der Siegaue ein Magnet sein. Die beiden Museums-Maskottchen Anselm und Rawina begleiten die Kinder durch Animationen, es gibt Tier- und Pflanzen-Infos per Touchscreen und Forscherstationen, an denen Kleinlebewesen durch die Lupe betrachtet werden. Als Ergänzung zur Schul-Biologie und -Erdkunde erarbeitet das Museum außerdem praktische Unterrichtseinheiten, für die ein eigenes kleines Labor zur Verfügung steht. 

Im Untergeschoss des Museums können die Besucher auch einen lebendigen Eindruck von den Flossenträgern gewinnen, ohne die es weder Flussfischerei noch Bruderschaft gegeben hätte. In drei großen Aquarien schwimmen Barsch, Rotfeder, Hecht und Co. und vermitteln den Gästen einen Eindruck, wie es unter der Wasserlinie der Sieg und ihren Altarmen aussieht.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2010

Das Projekt „Fischereimuseum“ in unserem Förderbande-Podcast

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Unser Engagement
Auf Antrag des Vereins zur Förderung des Fischereimuseums der Fischereibruderschaft zu Bergheim an der Sieg e. V. unterstützte die NRW-Stiftung den Ausbau und die Einrichtung des neuen Museums, das am Rande des Naturschutzgebietes „Siegaue“ liegt. Es widmet sich der fast ein Jahrtausend alten Tradition der Siegfischerei und verknüpft diese mit modernen Themen des Gewässer- und Naturschutzes. Weiterhin half die NRW-Stiftung der Bruderschaft bei der umfassenden Restaurierung des Aalschokkers Maria Theresia sowie bei der Erstellung eines Geschichtsbuches über die Fischereibruderschaft.


Standort

Fischereimuseum Bergheim/Sieg
Nachtigallenweg 39
53844 Troisdorf
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