Marler Maschinen und Marler Metalle

Erzschacht und Bergbaumuseum Marl

Als im Dezember 2015 die Zeche Auguste Victoria in Marl und Haltern geschlossen wurde, rückte damit das endgültige Aus für den deutschen Steinkohlenbergbau wieder ein Stück näher. Nur die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop und das Bergwerk Ibbenbüren bleiben bis 2018 noch aktiv. Manche Standorte von Auguste Victoria lagen allerdings schon lange still, darunter der bereits in den 1960er Jahren aufgegebene „Erzschacht“ im Marler Stadtteil Drewer. Erz-Schacht? Ja, denn Kohle war auch im Ruhrgebiet nicht alles. Die Zeche Auguste Victoria förderte seit den 30er-Jahren zusätzlich rund fünf Millionen Tonnen blei-, zink- und silberhaltiger Roherze zutage. Dank der „Erzschachtfreunde“ ist die Erinnerung an die Marler Metalle bis heute lebendig geblieben. 

Unübersehbar ragt das Fördergerüst inmitten eines ruhigen Wohnviertels hoch in den Himmel, und fast ebenso unübersehbar ist auch die Schrift auf der dazugehörigen Maschinenhalle. „Erzschacht AV 4/5“ steht da in großen Lettern. AV – das ist die gebräuchliche Abkürzung für Auguste Victoria, den Namen des Verbundbergwerks, das im Raum Marl/Haltern insgesamt neun Schachtanlagen betrieb. Zwei davon befanden sich hier in Drewer, der Erzschacht selbst und ein Wetterschacht zur Frischluftversorgung, gezählt als Nummer vier und fünf. Womit die geheimnisvolle Schrift an der Wand bereits enträtselt wäre. Doch halt – wer war eigentlich Auguste Victoria?

Das alte Fördergerüst und im Vordergrund der neue barrierefreie Aufzug am Marler Bergbaumuseum.

Die Fördermaschine ist über ein Stahlseil mit dem Fördergerüst verbunden.

Viele Ausstellungsstücke geben einen guten Einblick in die bergmännische Arbeitswelt.

Kaiserlicher Name

Als unser Bergwerk im Jahr 1899 gegründet wurde, gab es in Deutschland noch einen Kaiser, Wilhelm II., dessen Frau man zur Namenspatronin für das neue Unternehmen erkor. Die Monarchin interessierte sich allerdings weniger für Schachtanlagen und Strebausbauten, sondern befasste sich am liebsten mit dem Bau und der Ausstattung evangelischer Gotteshäuser – so leidenschaftlich, dass ihr der Volksmund deswegen den Spitznamen „Kirchenjuste“ gab („Juste“ von Auguste). Leider besteht nicht der geringste Grund zu der Annahme, ein wenig von dem Silber für die von der Kaiserin gestifteten Altargeräte könne womöglich aus dem Bergwerk stammen, das ihren Namen trug. Denn sie war schon neun Jahre tot, als man die betreffenden Erzvorkommen 1930 entdeckte. Mehr noch – der Abbau begann sogar erst in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre, als das Dritte Reich das Ziel verfolgte, die deutsche Wirtschaft von Importen möglichst unabhängig zu machen. 

Nach dem Krieg wurde die Förderung weitergeführt. Das lohnte sich, solange die Zinkpreise auf der Welt ein hohes Niveau hatten, wie das infolge des 1950 ausgebrochenen Koreakriegs eine Zeit lang der Fall war. Anfang der 60er-Jahre wurde der Erzabbau aber wegen zunehmender Unwirtschaftlichkeit gestoppt. Das Fördergerüst über Schacht 4 blieb erhalten, es steht seit 1995 unter Denkmalschutz, während die dazugehörige Maschinenhalle paradoxerweise lange vom Abriss bedroht war. Zum Glück engagierten sich die „Erzschachtfreunde“ – inzwischen eine Gruppierung innerhalb des Marler Heimatvereins – für den Erhalt des Gebäudes und seine Nutzung als Museum. Heute kann man sich hier anhand von Kleidungsstücken, Schichtbüchern, Fotos, Gesteinsproben, Grubenlampen, Geräten und Generatoren ein anschauliches Bild von der im Bergbau tätigen Arbeitswelt machen.

Tonnenschweres Seil

Besonders eindrucksvoll ist die alte Fördermaschine im Obergeschoss des Maschinenhauses, die wie zu ihren aktiven Zeiten durch ein 250 Meter langes und fast zwei Tonnen schweres Stahlseil mit dem Fördergerüst verbunden ist. Zu Füßen dieses Gerüsts lassen sich im Außenbereich des Museums kleine Grubenloks und schwere Hydraulikschilde bestaunen. Auch ein Abteufkübel ist zu sehen, mit dem sich das bei der „Niederbringung“ (dem Aushöhlen) eines Schachtes losgesprengte Material an die Erdoberfläche transportieren ließ. 

Das Obergeschoss des Museums bietet trotz der Fördermaschine genug Platz für Veranstaltungen und Sonderausstellungen. Nicht zuletzt Kinder kamen dabei in den letzten Jahren auf ihre Kosten – so zum Beispiel bei der Präsentation von Modelleisenbahnen aus zwei Partnerschatsgemeinden Marls, dem französischen Creil und dem englischen Pendle. Horst Schmitz vom Marler Heimatverein unterstrich: „Die Heimatfreunde sind gern der Einladende für diese Ausstellungen und unterstützen die Arbeit des Städtepartnerschaftsvereins mit großer Freude.“ Der Erzschacht ist allerdings nicht das einzige Betätigungsfeld für Schmitz und seine Gleichgesinnten. Sie kümmern sich auch um das Marler Heimatmuseum und um weitere Projekte wie das von der NRW-Stiftung geförderte „Europäische Friedenshaus“: In der ehemaligen Friedhofskapelle finden seit 2009 im Sinne grenzübergreifender Verständigung Konzerte, Ausstellungen, Tagungen und Treffen statt. 

Trotz des Zechensterbens ist Marl nach wie vor ein wichtiger Industriestandort, insbesondere für Unternehmen aus der Chemiebranche, mit der auch die Zeche Auguste Victoria lange Zeit eng verknüpft war. 1907 war sie von einem „Dreibund“ aus BASF, Bayer und Agfa übernommen worden und kam erst in den 90er-Jahren an die Ruhrkohle AG. Das Museum am Erzschacht gewinnt durch das Ende des Steinkohlenbergbaus aber eine immer größere Bedeutung als Ort der lebendigen Erinnerung. Künftig soll dabei auch eine „Infostrecke“ nützliche Dienste leisten, die dem Heimatverein von der Ruhrkohle AG als Geschenk überlassen worden ist. Die Rekonstruktion eines untertägigen Streckenausbaus mitsamt Originalmaschinen in Lebensgröße wird nach ihrer Platzierung auf dem Gelände des Erzschachts ein zusätzlicher Anziehungspunkt für Jung und Alt sein. 

Möglichst vielen Menschen möglichst erlebnisreiche Stunden bieten – dieses Anliegen setzt Zugänglichkeit auch für Personen mit Handicaps voraus. Leider war das Obergeschoss der Marler Maschinenhalle jahrelang nur über eine schwer zu bewältigende Treppe zu erreichen und unter diesen Bedingungen ein denkbar schlechtes Beispiel für das Prinzip der Barrierefreiheit. Inzwischen hat ein mithilfe der NRW-Stiftung errichteter und im Juli 2016 eröffneter Außenaufzug das Problem aber gelöst. Die auch optisch gelungene Liftanlage ist genau das, was man auf einem Zechengelände mit Fug und Recht erwarten darf – förderlich.

Stand der Angaben: 2016

Unser Engagement
Die „Erzschachtfreunde“ des Heimatvereins Marl engagierten sich jahrelang für den Erhalt der zum Fördergerüst gehörenden Maschinenhalle am Standort Drewer der Zeche Auguste Victoria. Sie richteten hier ein Museum und Veranstaltungsräume ein. Mithilfe der NRW-Stiftung entstand zuletzt ein Aufzug, der alle Ebenen barrierefrei erreichbar macht.


Standort

Zeche Auguste Victoria
Am Wetterschacht 19 A
45768 Marl
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