Das Dorf der Erinnerungen
Die alte Schule in Wollseifen

Ein Dorf mit Kirche und Häusern, aber ohne Einwohnerinnen und Einwohner – das ist Wollseifen. Die Menschen, die man hier trifft, sind in der Regel im Eifelnationalpark unterwegs, zu dem der Ort seit 2006 gehört. Zuvor hatte er jahrzehntelang für Truppenübungen herhalten müssen, weshalb sich die meisten Häuser beim Näherkommen als bloße Militärkulissen entpuppen. Vom ursprünglichen Wollseifen, in dem einmal weit über hundert Familien lebten, blieben hingegen nur zwei größere Gebäude übrig: Kirche und Schulhaus. Letzteres beherbergt neuerdings eine Ausstellung, die an das Schicksal des Dorfs und seiner Menschen erinnert.
Die Geschichte Wollseifens lässt sich nicht ohne den Blick hinüber zur ehemaligen NS Ordensburg Vogelsang hoch über dem Urft-Stausee verstehen. Gebaut wurde sie 1934-36 nach Entwürfen von Clemens Klotz, von dem auch der viereinhalb Kilometer lange, nie vollendete NS-Gebäudekomplex in Prora auf Rügen stammt. Doch während Prora als gigantisches „Kraft durch Freude“-Ferienheim gedacht war, sollte Vogelsang NSDAP-Führungskader hervorbringen. Keiner der hier geschulten „Junker“ schloss die dreieinhalbjährige Indoktrination allerdings regulär ab – der Kriegseinsatz im September 1939 hatte für alle Vorrang. In die Burg zogen stattdessen Wehrmacht Streitkräfte und Internatsschülerin und Schüler ein, bevor sie 1945 in die Hände der Alliierten fiel.
Räumung und Zerstörung
Franz-Josef Sistig, der bis zu seinem Tod Anfang 2016 in Sachen Wollseifen ein vielgehörter Zeitzeuge war, ließ nie einen Zweifel: Die Ordensburg markierte für das Dorf seiner Kindheit den Anfang vom Ende. Im Zweiten Weltkrieg rückten Burg und Talsperre ins Visier der Alliierten, deren Luftangriffe auch in Wollseifen viele Opfer forderten. Als die Front im Januar 1945 immer näher rückte, mussten die damals gut 500 Dorfbewohner den Ort sogar räumen, kehrten nach Kriegsende aber zurück, um ihre Häuser zu reparieren und ihre Felder zu bestellen. Keiner ahnte, dass bereits ein neues Verhängnis über dem Dorf schwebte – bis die Briten, die Vogelsang und Umgebung als ideal für einen Truppenübungsplatz betrachteten, die Einwohner Wollseifens am 13. August 1946 ultimativ aufforderten, ihre Heimat innerhalb von drei Wochen zu verlassen.
Bestürzung und Hast breiteten sich über diese knappe Zeitspanne, trotzdem ließ am Ende wohl nicht nur die Familie Sistig ein frisch geputztes Haus zurück – es war die Hoffnung auf baldige Rückkehr, die sich darin spiegelte. Vergeblich allerdings, denn die verlassenen Gebäude wurden alsbald zu Zielscheiben für Artillerieübungen. Die Belgier, die das „Camp Vogelsang“ 1950 von den Briten übernommen hatten, bewahrten zwar die St. Rochus-Kirche und die Schule davor, gänzlich dem Erdboden gleichgemacht zu werden. Ansonsten entgingen jedoch nur ein Trafohäuschen und eine kleine Wegkapelle der völligen Zerstörung. Sogar die Toten auf dem Friedhof mussten 1955 umgebettet werden.
Schule als Zeitzeuge
Materielle Ansprüche gegenüber der Bundesrepublik ließen sich für die zumeist in Nachbargemeinden untergekommenen Dorfbewohner nur in geringem Maße durchsetzen. Die heimatlichen Traditionen wie das alljährliche Rochusfest pflegten sie und ihre Nachkommen aber weiter, auch wenn es sechzig Jahre dauern sollte, bis durch die Schließung des Truppenübungsplatzes die Erinnerung endlich wieder nach Wollseifen selbst zurückkommen konnte. Schon 2008 wurde die Rochus-Kirche mithilfe der NRW-Stiftung vom Schutt befreit und als Gedenkstätte saniert. Zudem setzte sich der „Traditions- und Förderverein Wollseifen“ dafür ein, auch das alte Schulgebäude neu zu nutzen. Im Anschluss an die ebenfalls von der NRW-Stiftung geförderte Sanierung des Hauses, dessen Obergeschoss wegen des Beschusses heute fehlt, zog hier eine barrierefrei zugängliche Ausstellung ein. Wandtafeln und Schaupulte erläutern Wollseifens Schicksale in Text und Bild, gestützt nicht zuletzt auf Fotos aus der Sammlung Sistig. Das Forum „Vogelsang IP“, das im Herbst 2016 selbst seine Neueröffnung feierte, unterstützte das Projekt. Die Verwaltung des Nationalparks Eifel wird es künftig in ihre Öffentlichkeitsarbeit mit einbeziehen.
Stand der Angaben: 2016
Unser Engagement
Die NRW-Stiftung unterstützte den Traditions- und Förderverein Wollseifen beim Umbau der Alten Schule in Wollseifen zu einem Museum über die Geschichte des Ortes.
Standort
Die alte Schule in Wollseifen53937 Schleiden
Bei Google Maps anzeigen (extern)






