Der Bonner Bundestreffpunkt

Der historische Pavillon im Bonner Regierungsviertel

Tatort, Folge 20, 1972: Auf Zollfahnder Kressin wartet ein Fall im Umfeld des Bundestages. Zur atmosphärischen Einstimmung kreuzt SPD-Mann Hans-Jürgen Wischnewski das Bild, später tauchen die WDR-Journalisten Ernst-Dieter Lueg und Friedrich Nowottny auf, um sich – etwas unbeholfen – selbst zu spielen. Am Eingang zum Bundeshaus geschieht es: Ein Attentäter legt auf einen Mann mit gelbem Koffer an. Ein Komplize wartet an einem nahen Kiosk, um sich nach dem tödlichen Schuss den Koffer zu schnappen. Die Kamera wandert langsam über die Kioskware, über Postkarten mit Adenauer, Wehner, Schmidt, über Zigaretten, Kaugummi und Zeitungen ... 

Sagten wir an „einem“ Kiosk? Nein, wir befinden uns an „dem“ Kiosk der Bonner Republik – dem Bundesbüdchen. Mitten im Regierungsviertel, zwischen Bundesrat und Bundestag versorgt es Politiker, Journalisten und Parlamentsangestellte mit Presseerzeugnissen, Bratwurst, Getränken und Obst. Zeitweilig gibt es sogar Nylonstrümpfe, die im Parlamentsbetrieb aber offenbar wenig nachgefragt werden. Darüber hinaus ist das Büdchen auch Nachrichtenbörse und informeller Austauschort, Treffpunkt für den politischen Plausch mit Kaffeetasse.

Die Bratwurst-Wette

Entstanden ist das kleine Gebäude 1957 – im typischen Stil der Zeit, nierenförmig, mit vorkragendem Dach und gefliestem Sockel auf zwanzig Quadratmetern. Die Anfänge sind sogar noch viel bescheidener, sie bestehen aus einem Obstkarren, den die Händlerin Christel Rausch in den Nachkriegsjahren ins Regierungsviertel bugsiert und der sich nach und nach erst in eine Bretterbude, dann in einen mobilen Verkaufsanhänger und schließlich in den Kiosk verwandelt. Offiziell heißt er „Pavillon“, was im Rheinland aber nicht weiter von Belang ist, denn Kioske, Verkaufspavillons oder Trinkhallen: „et sin all Büdche“. 

Einen großen Moment erlebt das Bundesbüdchen 1981 im Zusammenhang mit der damals noch neuen ZDF-Show „Wetten, dass...“. Erneut ist WDR-Mann Friedrich Nowottny mit von der Partie, diesmal als Wettpate. Er verliert und muss seinen Einsatz einlösen: Bratwurstverkaufen im Bundesbüdchen. Hunderte Menschen, so erinnert Nowottny sich später, stehen dabei vor dem Pavillon, mittendrin auch Loki Schmidt, die Frau von Bundeskanzler Helmut Schmidt, die sich ebenfalls eine Bratwurst gönnt. 

Ein Ort für die spontane Kommunikation ohne Tagesordnung wie in keinem anderen Regierungsviertel der Welt – so beschreibt Bundesarbeitsminister a. D. Norbert Blüm das Büdchen. Der Deutschlandfunk nennt es 2009 „zwanzig Quadratmeter Bonner Republik“. Zu diesem Zeitpunkt ist der Pavillon allerdings schon dem 2006 begonnenen „World Conference Center Bonn“ gewichen. Zum Glück steht er bereits unter Denkmalschutz und wird daher nicht abgerissen, sondern per Tieflader auf einen Bauhof verfrachtet. An dem tristen Ort wartet er auf die Einlösung des Versprechens, eines Tages wieder zurückkehren zu können. Mit ihm wartet Betreiber Jürgen Rausch, Sohn von Christel Rausch. Doch die Sache zieht sich dreizehn Jahre lang hin, denn es gibt Probleme um den exakten neuen Standort, um die Eigentumsfrage und natürlich ums Geld.

Adenauer auf dem Bauhof

Während die Zeit verstreicht, erlebt das Büdchen auf dem Bauhof überraschend ein weiteres Highlight seiner Geschichte. 2016 wird es vom international renommierten Fotokünstler Horst Wackerbarth für das Landesporträt „heimat.nrw“ in Szene gesetzt – gewissermaßen als inoffizieller Repräsentant der gewesenen Bonner Republik. Um die Symbolik zu unterstreichen, wird für das Foto eigens ein gemaltes Adenauer-Konterfei vom Petersberg herbeigeholt. Und natürlich nimmt Büdchen-Betreiber Jürgen Rausch auf Horst Wackerbarths obligatorischer roter Couch Platz und beantwortet Fragen. 

Inzwischen ist die Hoffnung stark gewachsen, mit der Rückkehr könne es nun doch bald klappen. Denn Rauschs Büdchen hat inzwischen starke Verbündete. 2015 ist der Förderverein „Historischer Verkaufspavillon“ gegründet worden, der juristische Unterstützung leistet, um Sponsoren wirbt und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Es zeichnet sich ab, dass der alte Pavillon eine neue Heimat auf dem Bonner UN-Campus gar nicht weit von seinem früheren Standort bekommen wird. Eine gründliche Sanierung ist ebenfalls schon gesichert, da tut sich zuletzt doch noch ein gefährliches finanzielles Hindernis auf: Am anvisierten Platz sind teure Tiefbauarbeiten notwendig. Den rettenden Zuschuss leistet die NRW-Stiftung, die zugleich die Stadt Bonn mit einem attraktiven Angebot zu mehr Hilfe motiviert: „Wir geben die volle Summe, wenn Bonn mindestens genau so viel zahlt.“ Die Stadt sagt ja. Und so scheint es, dass Jürgen Rausch schon bald wieder in seinem Büdchen stehen kann, um Süßigkeiten und Snacks zu verkaufen, aber auch um selbst erlebte Geschichten zu erzählen – Geschichten, die ein Büdchen schrieb. 

Weitere Informationen: www.bundesbuedchen.de

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 01/2019

Unser Engagement

Die NRW-Stiftung unterstützt den Wiederaufbau des ehemaligen Bundesbüdchen auf dem Bonner UN-Campus, ganz in der Nähe des ehemaligen Standortes.


Der historische Pavillon im Bonner Regierungsviertel
Heussallee 11-7
53113 Bonn

Zur Webseite (extern)
Bei Google Maps anzeigen (extern)