LIBELLEN IN NRW

ZAUBERHAFTE SOMMERBOTEN

Federlibellen bei der Eiablage. (Foto: Jan Ole Kriegs)
Federlibellen bei der Eiablage. (Foto: Jan Ole Kriegs)
An Weihern, Seeufern, Bächen und Flüssen – fast überall, wo offenes Wasser und halbwegs naturnahe Ufer nicht weit sind, kann man zwischen April und Oktober Libellen beobachten. Ihr schwerelos wirkender, extrem wendiger Flug und ihre Farbigkeit lassen uns immer wieder staunen. In Nordrhein-Westfalen gibt es aktuell mehr als 60 verschiedene Arten. Wo genau die einzelnen Spezies vorkommen und wie häufig sie sind, darüber gibt ein neuer, reich bebilderter "Libellenatlas" Auskunft. Das ungewöhnliche Buch ist ein Gemeinschaftswerk von rund 400 ehrenamtlich tätigen Libellenforschern.

Ein Netzwerk feinster Adern durchzieht die vier Libellenflügel und verleiht ihnen Stabilität und Elastizität. Winzige Trimm-Gewichte in den Spitzen verhindern störende Vibrationen, und der schlanke Hinterleib könnte das Vorbild für das Heck eines Helicopters gewesen sein. Mit den Komplexaugen, die oft wie ein Helm den Kopf umgeben, haben Libellen Rundumsicht und erspähen jedes potenzielle Beutetier. Nur für das Laufen sind sie nicht gemacht. Dafür können sie ihre schlanken Beine im Jagdflug nach vorn strecken und wie einen Fangkorb einsetzen. So perfekt Libellen auch wirken, unter den Fluginsekten sind sie keineswegs Newcomer der Evolution. Im Gegenteil. Schon im Zeitalter des Oberkarbons vor 315 Millionen Jahren, also mehr als 80 Millionen Jahre bevor die ersten Dinosaurier auf der Bühne der Erdgeschichte erschienen, durchpflügten die ersten Prototypen den Luftraum. Damit gehören Libellen zu den ältesten bekannten Fluginsekten überhaupt.

Eine biblische Plage? Mitnichten

Wir können uns heute kaum vorstellen, in welchen Mengen sie in früheren Jahrzehnten gelegentlich auftraten. Wenn in manchen Sommern der Nachwuchs in einer ganzen Region witterungsbedingt fast zeitgleich schlüpfte, sollen sich riesige Ansammlungen gebildet haben. Der Elberfelder Realschullehrer Carl Cornelius berichtete im Jahr 1862 über ein regelrechtes Wolkenband aus Vierfleck-Libellen. Einige Bauern hielten den Schwarm aus Aber-Millionen von Einzeltieren für eine drohende Heuschreckenplage und fürchteten um ihre Ernte. Heute ist ein solches Schauspiel bei uns nicht mehr möglich. Zuviele Teiche und Tümpel sind verschwunden, etwa ein Drittel der 70 in NRW nachgewiesenen Arten ist sehr selten geworden, einige sind bei uns sogar ausgestorben. Es ist fast ein Wunder, dass der Vierfleck überhaupt noch zu den verbreiteten Libellenarten gehört und in geeigneten Biotopen fast landesweit gefunden werden kann.

20 Jahre ehrenamtliche Wissenschaft

Dass wir Verbreitung und Häufigkeit der heimischen Libellen heute genauer kennen denn je ist den Mitgliedern des "Arbeitskreises Libellen Nordrhein Westfalen" zu verdanken. 20 Jahre lang haben sie das ganze Land kartiert. Dafür unterteilten sie NRW in 6x6 Kilometer große Planquadrate, besuchten sämtliche Gewässer und notierten während der Sommermonate die angetroffenen Arten, oft mehrere Jahre in Folge. Um sie im Gelände sicher unterscheiden zu können, braucht es viel Erfahrung. Das Keschern und Töten von Libellen ist out – es wäre auch illegal. Längst haben Fotos der lebenden Tiere das Fangen und Nadeln ersetzt. "Was wir noch aufsammeln sind aber die Exuvien" erklärt Claus-Jürgen Conze, einer der besten Libellenkenner und Mitautor des neuen Atlas, "Exuvien sind die leeren Larvenhäute, wenn wir die an einem Gewässerufer finden, können wir die Arten damit genauso sicher bestimmen – und außerdem beweisen sie, dass sich eine Art an Ort und Stelle fortgepflanzt hat. Ein erwachsenes Tier kann ja auch zugeflogen sein."

Das Who’s who der NRW-Libellen

Über 450 gestochen scharfe Farbfotos machen das Blättern im neuen Atlas zu einem besonderen Genuss. Die Texte sind verständlich und höchst informativ. Wieviel Fachwissen, Freizeit und Herzblut notwendig waren, um das großformatige Werk fertigzustellen, lässt sich nur erahnen. Fast 180.000 Einzelbeobachtungen von mehr als 12.500 Fundorten wurden zusammengetragen, um auf dieser Basis detaillierte Karten zu erstellten. Sie zeigen, welche Arten landesweit verbreitet und welche auf bestimmte Regionen begrenzt sind. So lebt die Grüne Flussjungfer an Lippe, Rur, Rhein und Sieg, während die Gefleckte Smaragdlibelle auf wenige Moorgebiete beschränkt ist oder die Quelljungfern ihren Schwerpunkt an den sauberen Waldbächen haben. Es gibt aber auch anspruchslose Arten, die selbst kleinste Tümpel besiedeln und denen schon ein Gartenteich von wenigen Quadratmetern reicht.
Die Stiftung sagt >Danke< !

Es ist geschafft! Stolz präsentiert das Autorenteam das fertige Werk. (Foto: LWL)
Es ist geschafft! Stolz präsentiert das Autorenteam das fertige Werk. (Foto: LWL)
Bereits in der Vergangenheit hat die NRW-Stiftung durch Flächenkäufe zum Erhalt wertvoller Libellen-Lebensräume beigetragen, so etwa im Zwillbrocker Venn bei Ahaus, in den Fleuthkuhlen bei Issum, in der Wahner Heide und der Senne, in der Lippeaue und am Rand des Hohen Venns. Der neue Atlas bescheinigt diesen Gebieten eine herausragende Qualität und Bedeutung. Ihr Zustand hat sich in den letzten Jahren zum Teil deutlich verbessert. Aktuell stellte die NRW-Stiftung dem "Verein zur Förderung des LWL-Museums für Naturkunde" in Münster einen Zuschuss von 10.000 Euro zur Verfügung. Mit dem Geld wurde der Druck einer Teilauflage des neuen Buches "Die Libellen Nordrhein-Westfalens" finanziert. So konnten alle 400 an der Kartierung beteiligten Ehrenamtliche ihr persönliches Freiexemplar erhalten.
Libellenatlas

 
 
 
 
Der große Libellenatlas mit vielen tollen Farbfotos und Verbreitungskarten kann zum Preis von 24,90 Euro (zzgl. Versand) beim LWL-Museum für Naturkunde in Münster oder direkt beim Arbeitskreis unter www.ak-libellen.de bestellt werden.

Stand der Angaben: 1/2017


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Der Arbeitskreis Libellen NRW e. V. konnte gemeinsam mit dem LWL-Museum für Naturkunde und mithilfe der NRW-Stiftung eine Bestandsaufnahme veröffentlichen. Die NRW-Stiftung verhalf jedem der rund 400 ehrenamtlichen Kartierern zu einer eigenen Ausgabe des Werkes.

www.ak-libellen-nrw.de
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