DIE KÖNIGSBURG IN VIERSEN-SÜCHTELN

DAS RABITZGEWÖLBE IN DER STADT DER MUURESOAT

Eindrucksvolle Rauminszenierung während der Renovierungsarbeiten in der Süchtelner Königsburg. (Foto: Bernd Hohntstock)
Eindrucksvolle Rauminszenierung während der Renovierungsarbeiten in der Süchtelner Königsburg. (Foto: Bernd Hohntstock)
Rabitzgewölbe? Muuresoat? War da etwa der Druckfehlerteufel am Werk? Keineswegs, man muss nur zum richtigen Ort fahren, um des Rätsels Lösung zu finden – nach Süchteln, in die Heimat des karnevalistischen Möhrenkultes. Der Ausdruck Muuresoat, hochdeutsch: "Möhrensaat", dient hier als närrische Erinnerung an ein wichtiges Kapitel der städtischen Vergangenheit. Der Begriff Rabitzgewölbe stammt hingegen aus der Architekturgeschichte. In der Süchtelner "Königsburg" verbindet man damit besonderen Wohlklang.

Das ehemalige Kino soll später für Kulturveranstaltungen genutzt werden können.
Das ehemalige Kino soll später für Kulturveranstaltungen genutzt werden können.
Süchteln gehört heute zur niederrheinischen Stadt Viersen. 1405 hatte es selbst Stadtrechte erlangt und sich im 19. Jahrhundert zu einem Standort der Textilindustrie entwickelt. Für das örtliche Kulturleben mit seinen Gesangsvereinen und Theatergruppen stand seit 1908 ein hochwertiger Veranstaltungssaal zur Verfügung. Bei Konzerten, Aufführungen und Tanzabenden bewies dieser Saal, der zur Gaststätte "Königsburg" gehörte, eine hervorragende Akustik. Sie war vor allem dem Rabitzgewölbe zu verdanken – einer Deckenkonstruktion aus Metallträgern und -gittern mit aufgetragenem Putzmörtel. Der Berliner Maurermeister Carl Rabitz hatte das Bauverfahren 1878 erfunden. Auch im Viersener Stadtbad wurde es verwendet.

400 Kilogramm Kinogeschichte

Während der Restaurierung entstehen ungewöhnliche Fotos. Einige dienen auch als Kalendermotive. (Foto: NRW-Stiftung / Vera Spitz)
Während der Restaurierung entstehen ungewöhnliche Fotos. Einige dienen auch als Kalendermotive. (Foto: NRW-Stiftung / Vera Spitz)
Während des Zweiten Weltkriegs diente der Saal der Königsburg zeitweilig als Wehrmachtsquartier und zur Unterbringung von Zwangsarbeitern. 1951 wurde er dann vom Düsseldorfer Architekten Alfons Nehaus zu einem Lichtspieltheater mit Philips-Tonfilmapparaten umgebaut. Doch das Kinosterben schlug zwanzig Jahre später auch in Süchteln zu – seit 1972 blieb der Saalbau ungenutzt. Später setzte Verfall ein: Das Rabitzgewölbe ging verloren, und irgendwann wäre der denkmalgeschützte Bau mit der Jugendstilfassade wohl völlig marode geworden. Zum Glück konnte ihn der Verein "Königsburg 2.0" im Mai 2015 erwerben, um die Sanierung in Angriff zu nehmen. Die Rekonstruktion des Rabitzgewölbes gehört mit zu dem großen Rettungsvorhaben, für das der Verein um den Vorsitzenden Thomas Musen in kurzer Zeit viele Helfer und Förderer gewonnen hat. So wurde das Projekt zum Beispiel in das Programm "Initiative ergreifen" des NRW-Städtebauministeriums aufgenommen. Auch die NRW-Stiftung leistet Hilfe, damit der Saalbau künftig wieder in altem Glanz für Theater, Film, Musik, Ausstellungen, Tagungen und Feiern zur Verfügung steht. Schon jetzt gibt es Veranstaltungen und Infotermine in provisorischer Kulisse, die für beste Unterhaltung sorgen und zugleich für die Königsburg werben. Sogar die alten Projektoren samt Filmrollen und Zubehör sind wieder aufgetaucht und erzählen 400 Kilogramm Kinogeschichte.

Närrisches Möhrenschälen

Stiftungspräsident Harry Kurt Voigtsberger (Mitte) und Regionalbotschafter Armin Huber (re.) bei der Übergabe der schriftlichen Förderzusage. (Foto: NRW-Stiftung / Vera Spitz)
Stiftungspräsident Harry Kurt Voigtsberger (Mitte) und Regionalbotschafter Armin Huber (re.) bei der Übergabe der schriftlichen Förderzusage. (Foto: NRW-Stiftung / Vera Spitz)
Wie in vielen Orten hat auch in Süchteln die Innenstadt mit allerlei Sorgen zu kämpfen: Einkaufsmöglichkeiten gingen verloren, Leerstand bedrohte Immobilien. Die Initiative "Königsburg 2.0" kam da wie gerufen. Sie veranlasste den Süchtelner Karnevalsprinz Uwe Holzke Ende 2015 zu dem Ausruf, die Freude sei riesengroß, denn "in der Königsburg ist wieder was los" – bekräftigt mit "Dreimal Soetelsche Muuresoat", dem Narrengruß, den die Süchtelner statt Alaaf und Helau verwenden. Es ist eine Anspielung auf den Züchter Paul Luhnen, der in den 1870er-Jahren in Süchteln eine erfolgreiche Futtermöhre züchtete, die heute als "Rheinische Gelbe" bekannt ist. Alljährlich gehört das Möhrenschälen des Festausschusses zu den Höhepunkten des karnevalistischen Treibens in Süchteln. Und da Möhren laut Volksmund gut für die Augen sein sollen, kann man sie wohl auch den Liebhabern der Lichtspielkunst in der Königsburg ans Herz legen.

Text: Ralf J. Günther
Irmgardisstadt Süchteln

Die heilige Irmgardis von Süchteln speist die Armen. Niederländische Illustration aus dem Jahr 1899.
Die heilige Irmgardis von Süchteln speist die Armen. Niederländische Illustration aus dem Jahr 1899.
Der Name Irmgard bzw. Irmgardis ist in Süchteln allgegenwärtig – vom St. Irmgardis-Krankenhaus über die Irmgardiskapelle bis hin zum Altenheim Irmgardis-Stift. Die heutige Stadtpatronin soll im 11. Jahrhundert als fromme Einsiedlerin bei Süchteln gelebt haben. Ihre Verehrung lässt sich hier schon im 15. Jahrhundert nachweisen, und noch heute hat der Irmgardiskult in Süchteln auch seinen Hauptort. Begraben wurde die Volksheilige im Kölner Dom, wo ihre Reliquientumba aus der Zeit um 1280 steht. Und wie könnte es anders sein: Das Saalgebäude der Königsburg grenzt natürlich an die Irmgardisstraße. Dort wird künftig ein Hublift für Rollstuhlfahrer den barrierefreien Zugang zu dem Saal ermöglichen.

Stand der Angaben: 1/2017


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Mit großen Engagement und mithilfe der NRW-Stiftung haben im Viersener Stadtteil Süchteln die Mitglieder des Vereins Königsburg 2.0. e.V. damit begonnen, das ehemalige Kino in der Innenstadt komplett zu restaurieren. Das Gebäude soll später für unterschiedliche Kulturveranstaltungen genutzt werden können.

Weitere Infos unter www.koenigsburg.org
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