DAS JUNGE THEATER BONN

BONNER PREMIEREN

Der Tag der Aufführung ist noch fern, doch schon jetzt strömen die Menschen ins Theater. Es sind junge Leute, sogar Kinder, die da aufgeregt auf Einlass warten – allerdings nicht, um sich mit einer bloßen Zuschauerrolle zu begnügen. Sie alle möchten selbst auf der Bühne stehen und den Beifall des Publikums ernten. Womit wir den Vorhang lüften können: Die Rede ist vom JTB, dem Jungen Theater Bonn. Deutschlands erfolgreichste Kinder- und Jugendbühne hat ein Profi-Ensemble, setzt aber bei vielen Produktionen auch auf das schauspielerische Talent von Kindern und Jugendlichen. Bei der Rollenvergabe sind 120 Bewerberinnen und Bewerber keine Seltenheit.

Die berühmten drei Fragezeichen und der Fluch des Piraten - anders als in den ???-Büchern leisten im JTB auch Mädchen entscheidende Detektivarbeit. (Foto: Rolf Franke/actorsfactory)
Die berühmten drei Fragezeichen und der Fluch des Piraten - anders als in den ???-Büchern leisten im JTB auch Mädchen entscheidende Detektivarbeit. (Foto: Rolf Franke/actorsfactory)
Vor über 45 Jahren wurde das JTB gegründet, das Gebäude, in dem es zu Hause ist, stammt sogar noch aus dem 19. Jahrhundert. Trotzdem nennt sich das Theater mit Recht "jung" – einerseits wegen seines Programms und andererseits wegen der Erfolgsidee, die Rollen von Kindern und Jugendlichen mit Darstellern in passendem Alter zu besetzen. Ob bei Musicalproduktionen nach Vorlagen der "Tintenherz"-Autorin Cornelia Funke oder bei der aktuellen Detektivgeschichte "Die drei ??? und der Fluch des Piraten" – das Konzept des JTB sorgt für stolze Eltern, begeisterte Kritiker und viel Publikumsresonanz. Die Inszenierung "Geheime Freunde" nach einem Roman von Myron Levoy wurde trotz des schwierigen Themas Antisemitismus und Exil mit wechselnden Darstellern schon vor über 35.000 Zuschauern aufgeführt. Mit knapp 140.000 Besuchern pro Spielzeit ist das JTB sogar das bestbesuchte Kinder- und Jugendtheater Deutschlands.

Lehrreicher Unterrichtsausfall

Ganz großes Kino - aber inzwischen ein Theater für Schauspiel und Musicals: Blick in den Zuschauersaal des ehemaligen Rheingold-Kinos in Bonn-Beuel, heute Spielstätte des Jungen Theaters Bonn, wo Schüler und Profischauspieler zusammen auf der Bühne stehen.
Ganz großes Kino - aber inzwischen ein Theater für Schauspiel und Musicals: Blick in den Zuschauersaal des ehemaligen Rheingold-Kinos in Bonn-Beuel, heute Spielstätte des Jungen Theaters Bonn, wo Schüler und Profischauspieler zusammen auf der Bühne stehen.
All das verdient Beifall – aber kann man Schülerinnen und Schüler tatsächlich so einfach über Monate hinweg bei Theaterproduktionen einsetzen? Schon die Proben für ein Stück beanspruchen bis zu neun Wochen mit jeweils mehreren Stunden Arbeit täglich. Ferien reichen dafür nicht aus. Während der Spielzeit können die Mitglieder des Nachwuchsensembles sogar einmal pro Woche vom Schulunterricht beurlaubt werden. Um Versetzungen nicht zu gefährden, müssen die hoffnungsvollen Bewerberinnen und Bewerber beim Casting daher nicht nur schauspielerisches Talent beweisen, sondern auch Fragen zu ihrem schulischen Leistungsstand beantworten. Nur wer Unterrichtsausfälle ohne Probleme kompensieren kann, darf im JTB auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Alle Rollen werden hier außerdem doppelt besetzt.

Im ehemaligen Rheingold-Kino hat heute das Junge Theater Bonn seine Spielstätte.
Im ehemaligen Rheingold-Kino hat heute das Junge Theater Bonn seine Spielstätte.
Auf seine Weise ist das Junge Theater selbst ein einzigartiger Lernort. Welche schulische Theater-AG könnte schon eine so intensive Begegnung mit ausgebildeten Schauspielern, Regisseuren und Theatertechnikern bieten? Unterrichtet wird ganz gezielt aber seit 2002 auch in der JTB-Werkstatt, der bundesweit größten Schauspielschule für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihr Angebot reicht von Schnupper-Workshops über Grundkurse und Summerschools bis hin zu Musicalseminaren, Stimmbildung, Kameratraining und vielem mehr. Wichtig: Um eine Rolle zu erobern, ist ein Kursbesuch keine zwingende Voraussetzung, die Castings sind offen – und aufregend. Den Satz "Ich bin schrecklich nervös" haben jedenfalls fast alle Bewerberinnen und Bewerber fest im Repertoire, wenn es an die erste Leseprobe vor Theaterintendant Moritz Seibert und seinen Mitarbeitern geht.

Text: Ralf J. Günther
Frisch saniert und barrierefrei

Das frisch sanierte Foyer. (Foto: Walter Thies, Architekten)
Das frisch sanierte Foyer. (Foto: Walter Thies, Architekten)
Das 1969 von Helmut Tromm und seiner Frau Heidi Scholz-Tromm gegründete JTB hatte anfangs keine feste Spielstätte, sondern feierte in einer Aula Premiere. 1979 konnte es in das ehemalige Rheingold-Kino im Bonner Ortsteil Beuel einziehen, das 400 Zuschauern Platz bietet. Im Sommer schloss das Theater elf Wochen lang seine Pforten, um eine umfassende Sanierung inklusive verbesserten Brandschutzes und Barrierefreiheit zu ermöglichen. Dabei wurde u. a. die Theatergaststätte zum ebenerdigen Foyer-Café umgebaut. Inklusion ist für das JTB ein wichtiges Thema – einige Vorstellungen werden zum Beispiel für Hörgeschädigte simultan in Gebärdensprache übersetzt. Das Ensemble gibt im Übrigen auch Gastspiele an anderen Bühnen und nutzt darüber hinaus regelmäßig den Bonner Thalia-Kuppelsaal für Aufführungen.

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 2


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Die NRW-Stiftung ermöglichte die weitgehend barrierefreie Gestaltung des JTB. Partner bei der Sanierung waren unter anderem die Stadt Bonn und die Aktion Mensch. Das Theater deckt 85 Prozent seiner Einnahmen durch Kartenverkauf und Spenden. Das Theatergebäude gehört der JTB-Stiftung.

www.jt-bonn.de
www.jtb-stiftung.de

Googlemap aufrufenJunges Theater
Hermannstraße 50
53225 Bonn
Telefon: 0228 / 463672
www.jt-bonn.de

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