DIE FOTOSAMMLUNG HERMANN REICHLING

VENNTÜTEN VOR DER KAMERA

Neben Aufnahmen von Landschaften fand auch der ein oder andere Mensch Einzug in seine Bilder.
Neben Aufnahmen von Landschaften fand auch der ein oder andere Mensch Einzug in seine Bilder.
Tier- und Landschaftsaufnahmen aus aller Welt sind heutzutage oft von atemberaubender Qualität. Genauso spannend kann aber auch die Pionierzeit der Naturfotografie sein, insbesondere wenn sie uns Einblicke in die Vergangenheit heimischer Landschaften gewährt. Das beweisen zum Beispiel die beeindruckenden Bilder, die der Naturschützer und Fotograf Hermann Reichling in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland machte, vor allem in Westfalen.

Als Hermann Reichling im Jahr 1890 geboren wurde, befand sich das Westfälische Provinzialmuseum für Naturkunde (heute LWL-Museum für Naturkunde), dessen Leiter er mit nur 29 Jahren werden sollte, noch im Aufbau. Museumsgründer und erster Direktor des Hauses war der legendäre, 1905 verstorbene Hermann Landois, der es wegen seines skurrilen Auftretens und seines Hangs zu exzentrischen Streichen später sogar zu literarisch-medialen Ehren als Roman- und Filmfigur brachte. Einen ähnlichen Bekanntheitsgrad erlangte Reichling zwar nicht, trotzdem war auch ihm das Publikumsecho keineswegs gleichgültig. Daher setzte er auf die Möglichkeiten der Fotografie, um für sein wichtigstes Anliegen, den Naturschutz, zu werben. So veranstaltete er zum Beispiel 1926 eine Ausstellung mit zahlreichen Landschaftsaufnahmen – wobei die Betonung auf "Landschaft" liegt, denn Reichling verstand Naturschutz nicht mehr, wie zu seiner Zeit oft noch üblich, nur als Bewahrung sogenannter "Naturdenkmäler", also etwa alter Baumriesen. Ihm ging es vielmehr um die Schaffung zusammenhängender Naturreservate – um Landschaften, nicht nur um einzelne Landschaftselemente.

Natur-Urkunden

Wallhecke bei Gelmer im Münsterland - auch dieses Bild stammt von einer Glasplatte.
Wallhecke bei Gelmer im Münsterland - auch dieses Bild stammt von einer Glasplatte.
Reichling war ein ausgewiesener Fachmann für Naturkunde und als Fotograf auch ein Pionier der "Natur-Urkunde". Dieser für unsere Ohren ungewohnte Ausdruck bezeichnete früher Dokumentaraufnahmen aus der Pflanzen- und insbesondere der Tierwelt, mit denen man mehr Verständnis für die Natur und ihren Schutz zu wecken versuchte. Bekannte Fotografen griffen das Thema bisweilen in ihren Büchern auf und gaben teilweise sogar Tipps für Leser, die ebenfalls per Kamera "Natur-Urkunden" anfertigen wollten. Besonders gerne wurde der Begriff beim 1899 gegründeten Bund für Vogelschutz verwendet, dem Vorläufer des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Der Sohn der Gründerin Lina Hähnle – Hermann Hähnle – baute ein großes Lichtbild-und Filmarchiv auf, das heute zu den Schätzen des "Deutschen Museums für Naturschutzgeschichte" auf der Drachenburg in Königswinter zählt. Auch Hermann Reichling glaubte an den Wert der "Natur-Urkunden" für die Verbreitung des Naturschutzgedankens. Als begeisterter Ornithologe befasste er sich ohnehin schon gerne mit "photographischen und kinematographischen Großaufnahmen" der gefiederten Welt – etwa der sogenannten "Venntüte", also des Großen Brachvogels. Doch ließ er es dabei nicht bewenden, sondern begann zusammen mit Assistent Georg Hellmund unter anderem auch den durch die Industrialisierung verursachten Landschaftswandel zu dokumentieren, was seinen Bilderserien heute besonderen Quellenwert verleiht. Der Mensch stand bei Reichling ebenfalls häufig im Mittelpunkt, etwa bei seinen frühen Szenen vom Wochenmarkt in Münster oder bei seinen zurückhaltenden Porträts nicht sesshafter "Landfahrer", denen er auf seinen Exkursionen begegnete.

Landschaftsgeschichte online

Das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen hat die Sammlung digital erfasst. Die Bilder wurden vor allem mit einer Glasplattenkamera gemacht. (Foto: Stephan Sagurna / LWL-Medienzentrum für Westfalen)
Das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen hat die Sammlung digital erfasst. Die Bilder wurden vor allem mit einer Glasplattenkamera gemacht. (Foto: Stephan Sagurna / LWL-Medienzentrum für Westfalen)
Die jahrzehntelange Arbeit mit der Kamera erbrachte reiche Ernte –Hermann Reichling hinterließ rund 10.000 Lichtbilder, ein Großteil davon auf Glasplatten. Da ein beträchtlicher Teil des Materials nach seinem Tod bei der Familie verblieb, stand es allerdings nur eingeschränkt für Wissenschaftler und Museen zur Verfügung. Erst vor wenigen Jahren konnte die Sammlung weitgehend beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) vereinigt und danach dem LWL-Medienzentrum zur Verfügung gestellt werden. Damit war auch der Zeitpunkt für die Digitalisierung der Fotos und Filme sowie ihre Bereitstellung im Onlinearchiv des LWL gekommen. Ausgewählte Werke werden außerdem per Ausstellung und Bildband einem größeren Publikum vorgestellt. Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützte das Vorhaben, so wie sie bereits andere Sammlungen zur Naturschutzgeschichte gefördert hat – darunter das Rheinische Herbar des Naturhistorischen Vereins der Rheinlande und Westfalens und die "Stiftung Naturschutzgeschichte" mit ihrem bereits erwähnten Museum auf dem Drachenfels. Hermann Reichling konnte auf seine Erfolge als Naturschützer durchaus stolz sein. Er hatte großen Anteil daran, dass um 1930 etwa ein Fünftel aller preußischen Naturschutzgebiete in der Provinz Westfalen lag. Doch schon wenige Jahre später markierte die Machtergreifung der Nationalsozialisten einen historischen Wendepunkt mit schwerwiegenden Konsequenzen, auch für Reichling persönlich. Nachdem er sich 1934 abschätzig über Regierungsmitglieder geäußert hatte, kam er ins KZ Esterwegen/Emsland, wo er schwere Verletzungen erlitt. Zwar wurde er im Herbst des gleichen Jahres wieder aus der Lagerhaft entlassen, erlebte in der Folgezeit aber eine weitgehende berufliche Isolation. Gesundheitlich angeschlagen blieben ihm nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs nur noch drei Jahre Lebenszeit, in denen er Zoodirektor und erneut Direktor des Naturkundemuseums war. 1948 starb er im Alter von nur 57 Jahren. Sein Sohn Helmut folgte später den Spuren des Vaters und arbeitete von 1960 bis 1980 ebenfalls als Direktor des Zoos Münster.

Text: Ralf J. Günther | Fotos: LWL-Medienzentrum für Westfalen
Krammetsvogel und Naturschutz

Krammetsvogelfang in Kattenvenne, Münsterland, 1917: Vogelfänger mit Jagdbeute.
Krammetsvogelfang in Kattenvenne, Münsterland, 1917: Vogelfänger mit Jagdbeute.
In der Sammlung Reichling begegnen sich Natur und Kulturgeschichte auf faszinierende Weise. Dabei geraten häufig Szenen ländlichen Lebens ins Bild, die heute weitgehend vergessen sind, so zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Krammetsvogelfang. Krammet ist eine alte Bezeichnung für den Wacholder, Krammetsvögel sind Wacholderdrosseln, die jahrhundertelang als Leckerbissen gefragt waren – in den Kochbüchern des frühen 20. Jahrhunderts findet man zuweilen entsprechende Rezeptvorschläge. Hermann Reichlings Fotos bieten uns detaillierte Einblicke in die historischen Methoden des Krammetsvogelfangs und in das Leben der Vogelfänger. Werben wollte er für deren Tätigkeit aber nicht, die ja klar den Naturschutzbestrebungen des Bundes für Vogelschutz zuwiderlief. Tatsächlich wurde der Vogelfang mithilfe von Schlagnetzen in Preußen 1929 gesetzlich verboten. Dies richtete sich insbesondere gegen die Jagd auf den Krammetsvogel.

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 2


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Die NRW-Stiftung unterstützte auf Antrag des Westfälischen Heimatbundes die Digitalisierung von rund 10.000 Fotos und Filmen von Hermann Reichling, von denen manche schon über 100 Jahre alt sind.

Googlemap aufrufenDie Fotosammlung ist für jeden über das Internet digital abrufbar. Ab März 2017 wird das LWL-Museumsamt für Westfalen die Ausstellung über Dr. Hermann Reichling in komprimierter Form als Wanderausstellung präsentieren. Weitere Informationen: www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-LMZ/Bildarchiv/fotoausstellungen/reichling

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