NATURSCHUTZ AM KLEEBERG BEI LENGERICH

DER SCHATZ IM SILBERSEE

Viele Jahrzehnte war der Teutoburger Wald von Uhus verwaist. Im Steinbruch am Kleefeld brütet er jetzt wieder. (Foto: Sunbird / Arco / Hilsmann)
Viele Jahrzehnte war der Teutoburger Wald von Uhus verwaist. Im Steinbruch am Kleefeld brütet er jetzt wieder. (Foto: Sunbird / Arco / Hilsmann)
Der Blick über die Felskante erinnert ein wenig an den Drehort eines alten Karl-May-Films. Wenn man ausblendet, dass die Autobahn A1 und das westfälische Lengerich nur ein paar Hundert Meter entfernt sind, wirkt der Blick auf den türkisfarbenen See vor der hellen Felswand geradezu exotisch. "Canyon" wird der ehemalige Steinbruch am Hang des Teutoburger Waldes in der Region deshalb auch genannt. Wegen seiner artenreichen Pflanzen und Tierwelt ist das 80 Hektar große Mosaik aus Magerrasen, Gebüschen, Stillgewässern, Felsen und Halden seit 1989 als Naturschutzgebiet "Steinbruch im Kleefeld" gesichert.

Auf den Rohböden wachsen zierliche Orchideen wie die Bienen-Ragwurz. Ihre Blüten sehen aus wie pelzige Insekten. Das finden auch die Männchen gewisser Hautflügler, die die Blüten bestäuben. (Foto: Frank Grawe)
Auf den Rohböden wachsen zierliche Orchideen wie die Bienen-Ragwurz. Ihre Blüten sehen aus wie pelzige Insekten. Das finden auch die Männchen gewisser Hautflügler, die die Blüten bestäuben. (Foto: Frank Grawe)
Dabei ist der Canyon alles andere als ein natürlich entstandener Lebensraum: Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts grasten auf dem Kleeberg Schafe und Ziegen. Dann begann der industrielle Gesteinsabbau und fraß eine einen Kilometer lange, mehr als 100 Meter breite und etwa 30 Meter tiefe künstliche Schlucht in den Berg, deren Boden sich schließlich mit Wasser füllte. Der Schatz, den man hier 75 Jahre lang suchte, waren die feinkörnigen kreidezeitlichen Kalke, ein begehrter Rohstoff der Zementindustrie. Vor fast 100 Millionen Jahren waren die hellgrauen Gesteinsschichten als Sedimente eines warmen Meeres entstanden.

Der Schatz lebt!

Als der Steinbruchbetrieb im Jahr 1977 eingestellt wurde, waren die steilen Hänge des Canyons so gut wie kahl. Erst in den Folgejahren siedelte sich eine schüttere Pioniervegetation an. Anfangs hatte man sogar versucht, die schwer zugänglichen Böschungen künstlich zu begrünen, doch das misslang. Zum Glück, muss man heute sagen, denn als Rohboden- und Felsbiotop übte der Steinbruch am Kleeberg eine hohe Anziehungskraft auf gefährdete Tier- und Pfl anzenarten aus. Allerdings nicht nur auf die. Im Hochsommer kamen trotz entsprechender
Der Bergmolch mit seinem orangefarbenen Bauch ist eine von vier schutzwürdigen Molcharten im Steinbruch. (Foto: blickwinkel / A. Hartl)
Der Bergmolch mit seinem orangefarbenen Bauch ist eine von vier schutzwürdigen Molcharten im Steinbruch. (Foto: blickwinkel / A. Hartl)
Betretungsverbote immer wieder "Strandbesucher", die sich das Eintrittsgeld fürs Freibad sparen wollten. Dass sie dabei die Pioniervegetation zertrampelten und den Fortpflanzungserfolg störungsempfindlicher Tiere gefährdeten, war ihnen nicht bewusst, von achtlos zurückgelassenem Abfall gar nicht zu reden. Das änderte sich auch nicht, als der Steinbruch und seine unmittelbare Umgebung 1989 unter Schutz gestellt wurden. Die "Blaue Lagune" am Grund des Canyons hatte sich mittlerweile zu einem wichtigen Laichgewässer für Amphibien entwickelt. Der neue Schatz im Lengericher Silbersee bestand jetzt unter anderem aus dem gemeinsamen Vorkommen aller vier heimischen Molcharten, darunter dem streng geschützten und gefährdeten Kammmolch.

Erst Zementindustrie, jetzt Ziegen

Die Aussichtsplattform bietet einen fantastischen Blick über das türkis schimmernde Wasser der "Blauen Lagune". (Foto: Detlef Dowidat)
Die Aussichtsplattform bietet einen fantastischen Blick über das türkis schimmernde Wasser der "Blauen Lagune". (Foto: Detlef Dowidat)
Naturfreunde, die sich an der landschaftlichen Eigenart des Gebiets erfreuen wollen, sind durchaus willkommen, nur eben nicht als Badende, sondern auf den markierten Wegen. "Betreten erwünscht" heißt es auch, wenn die "Interessengemeinschaft Teutoburger Wald e. V.", wieder einmal zu einem Pflegeeinsatz einlädt, bei dem beispielsweise die allzu wuchskräftigen Birken beseitigt werden. Zuletzt stellten die Landschaftsschützer auch einen Weidezaun auf. Der soll zum einen verhindern, dass sich im Sommer weiterhin unerlaubt Badegäste ins Schutzgebiet "verirren", zum anderen begrenzt er den Claim einer Ziegenherde, die während der Vegetationsperiode auf den Hängen des Canyons weidet. Weil Ziegen bevorzugt das Laub von Sträuchern und niedrigen Bäumen abknabbern, sind sie die wichtigsten Verbündeten beim Kampf gegen den imaginären Feind namens Sukzession. Mit diesem Fachwort bezeichnen Ökologen das natürliche, aber an dieser Stelle unerwünschte Wiederaufwachsen von Wald. Der würde nämlich den lichthungrigen Kalkmagerrasen die Lebensgrundlage nehmen.

Viel spannender als der schweißtreibende Besuch an einem heißen Sommertag ist für Naturfreunde übrigens eine Rundwanderung bei klarer und kühler Witterung. Mit etwas Glück ist in der Dämmerung der Uhu, der seit einigen Jahren regelmäßig am Felshang brütet, in Balzstimmung und sein sonorer Ruf hallt durch den Canyon.

Text: Günter Matzke-Hajek

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1


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Auf Antrag der Interessengemeinschaft Teutoburger Wald e. V. stellte die NRW-Stiftung für Pflegemaßnahmen im Naturschutzgebiet "Steinbruch im Kleefeld" in Lengerich Fördergelder zur Verfügung, die von der Europäischen Union mit weiteren Fördergeldern ergänzt wurden. Naturschützer und Steinbruchbetreiber haben sich zusammengeschlossen und betreiben eine gemeinsame Internetseite www.ig-teuto.de/

Googlemap aufrufenAm Kleeberg, 49525 Lengerich

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