ARCHÄOLOGISCHE LANDESAUSSTELLUNG "REVOLUTION JUNGSTEINZEIT"

DER SESSHAFTE AUFBRUCH

Der Rekonstruk-tionsversuch eines 5.600 alten Schädels. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Der Rekonstruk-tionsversuch eines 5.600 alten Schädels. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Die Jungsteinzeit liegt schon Jahrtausende zurück und ist trotzdem noch immer gegenwärtig. Denn sie begründete eine Lebensweise, die der Mensch seitdem nie wieder aufgegeben hat. Vier Wände und ein Dach über dem Kopf? Typisch Jungsteinzeit. Brunnen und Räder? Ideen der Jungsteinzeit. Nahrhafte Produkte vom Acker? Aufgetischt zuerst in der Jungsteinzeit. Allerdings: Auch frühe Umweltzerstörungen gehören mit zum Neolithikum, wie eine andere Bezeichnung für die Epoche lautet. Die NRW-Landesausstellung "Revolution jungSteinzeit" schildert jetzt anhand faszinierender Funde die Modernität der Steinzeit – und unsere steinzeitliche Modernität.

Der 5.600 Jahre alte Schädel einer jungen Frau aus der Blätterhöhle bei Hagen. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Der 5.600 Jahre alte Schädel einer jungen Frau aus der Blätterhöhle bei Hagen. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Wenn es in Nordrhein-Westfalen um die Steinzeit geht, dann steht meist der 1856 im Rheinland entdeckte Neandertaler im Mittelpunkt. Doch für dieses Mal gönnen wir unserem prähistorischen Superstar eine wohlverdiente Pause, war er doch längst von der Erde verschwunden, als die Jungsteinzeit anbrach. Bis vor rund 30.000 Jahren hatte er existiert, ein Jäger und Sammler, so wie seit Jahrmillionen alle Menschen vor ihm – und noch viele danach. Denn auch der Homo sapiens lebte noch Jahrtausende vom Jagen und Sammeln, bevor die revolutionären Umbrüche der Jungsteinzeit alles veränderten.

Siedlungen und neue Wege

Rekonstruierter Vorderteil eines Langhauses vor dem LVR-LandesMuseum Bonn (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Rekonstruierter Vorderteil eines Langhauses vor dem LVR-LandesMuseum Bonn (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Revolution? Keulen schwingende Empörer, die den Aufstand probten? Nein, in der Jungsteinzeit ging es ganz im Gegenteil um das organisierte Niederlassen. Der Mensch begann jetzt erstmals Wälder zu roden und Felder anzulegen. Er baute Häuser, grub Brunnen und setzte auf Vorratshaltung. Kurz: Er wandelte sich vom umherstreifenden Nahrungssucher zum sesshaften Nahrungsproduzenten. Erste Nutzpflanzen und -tiere entstanden auf diese Weise bereits vor rund 12.000 Jahren im Vorderen Orient. Fünftausend Jahre später gelangte die neue bäuerliche Lebensweise dann auch in unsere Breiten – durch einwandernde Menschen, denn Sesshaftigkeit bedeutete nicht das Ende aller Aufbrüche. Sie förderte vielmehr das Bevölkerungswachstum und damit die Erschließung neuer Siedlungsräume und Handelswege. Vor allem aber die Natur wurde jetzt in noch nie da gewesener Weise verändert.

Sogenanntes Grab der "Lilith" aus Düren-Arnoldsweiler, ein typisches Einzelgrab der frühen Jungsteinzeit. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Sogenanntes Grab der "Lilith" aus Düren-Arnoldsweiler, ein typisches Einzelgrab der frühen Jungsteinzeit. (Foto: Jürgen Vogel, LVR-LandesMuseum Bonn)
Ganz ohne Eingriffe in die Natur waren die Menschen nie ausgekommen, doch durch Ackerbau und Viehzucht wurde der Landschaftswandel – vor allem aufgrund von Rodungen – zur unverzichtbaren Grundbedingung des Wirtschaftens. Der Satz "Macht euch die Erde untertan" entfaltete so seine landschaftsverändernde Wirkung, lange bevor er in der Bibel stand, ja, lange bevor ihn überhaupt irgendjemand hätte aufschreiben können. Denn anders als die Trickfilmsteinzeit von Fred Feuerstein kannten die echten prähistorischen Zeitalter noch keine Schrift. Man bezeichnet diese Epochen gerade deshalb als vorgeschichtlich, weil Geschichte im engeren Sinn schriftliche Überlieferung stets mit einschließt.

Steinzeit-Industrie

Nordrhein-Westfalen gehört bezüglich der Jungsteinzeit zu den besonders gut erforschten Weltgegenden. An spektakulären Funden mangelt es hier nicht. So wurde etwa der mit 15 Metern bislang tiefste neolithische Brunnen in Merzenich-Morschenich bei Düren entdeckt. Die nicht weniger eindrucksvolle Brunnenanlage in Erkelenz- Kückhoven bescherte den Ausgräbern sogar äußerst rare Überbleibsel aus organischen Materialien, darunter einen aus dünner Rinde zusammengenähten Beutel zum Wasserschöpfen. Aber auch das früheste NRW-"Industriedenkmal" stammt aus der Jungsteinzeit: Auf dem Lousberg nahe Aachen wurde im vierten vorchristlichen Jahrtausend Feuerstein systematisch per Tagebau gewonnen.

Später baute man Grabkammern für Hunderte Personen. (Foto: Benoit Clarys / Kerstin Schierhold)
Später baute man Grabkammern für Hunderte Personen. (Foto: Benoit Clarys / Kerstin Schierhold)
Die Steinzeit endete, als durch die Erfindung der Bronze – einer Legierung aus Kupfer und Zinn – die Metallzeiten heraufdämmerten. Die Grundprinzipien der neolithischen Lebensweise wurden dadurch aber nicht außer Kraft gesetzt, umso weniger, da Kupfer als solches in der ausgehenden Jungsteinzeit bereits bekannt war. Das kupferne Beil von Ötzi, dem vor rund 5.250 Jahren verstorbenen Alpenbewohner, ist nur ein Beweis dafür – neolithische Kupferklingen wurden zum Beispiel auch in Westfalen gefunden. Viel wichtiger für die Jungsteinzeit waren allerdings Keramikerzeugnisse, gingen Sesshaftigkeit und Töpferei in der Regel doch Hand in Hand. Die Ausbreitung neolithischer Kulturen lässt sich daher sehr gut anhand von Keramikfunden verfolgen, wobei die sogenannte Bandkeramik mit ihren charakteristischen Verzierungen eine besonders wichtige Rolle spielt.

Schleifstein und Pflugsimulator

Brunnenrest aus Erkelenz-Kückhoven - ein wichtiger Beleg für den jungsteinzeitlichen Brunnenbau. (Foto: St. Taubmann / RLMB)
Brunnenrest aus Erkelenz-Kückhoven - ein wichtiger Beleg für den jungsteinzeitlichen Brunnenbau. (Foto: St. Taubmann / RLMB)
Doch wo blieben eigentlich die Jäger und Sammler? Aufsehenerregende Hinweise zu dieser Frage verdanken wir der Blätterhöhle bei Hagen, genauer gesagt dem dort gefundenen Schädel einer etwa 20-jährigen Frau. Vor rund 5.600 Jahren gehörte sie nach genetischen und chemisch-physikalischen Befunden zur Gruppe der letzten Jäger und Sammler in Europa. Offenbar gab es in den Mittelgebirgen von Eifel und Sauerland immer noch Vertreter der alten Lebensweise, während in den Ebenen die Bauern schon jahrtausendelang ihre Felder bestellten. Kontakte darf man voraussetzen. Doch verliefen sie immer friedlich? Wurden die Jäger und Sammler schließlich allesamt Opfer eines unaufhaltsamen erdrängungsprozesses? Oder gingen sie irgendwann auch selbst zur Sesshaftigkeit über?

Abschließend lassen sich diese Fragen noch nicht beantworten. Sicher ist aber, dass sich das jungsteinzeitliche Lebensmodell in Mitteleuropa im vierten Jahrtausend v. Chr. endgültig durchsetzte. Bis heute folgen wir diesem Modell – und stapeln die Beweise dafür in Form von Agrarprodukten in Kühl- und Vorratsschränken auf. Allerdings erfordert unsere Hightechvariante der neolithischen Lebensweise nicht mehr die gleiche körperliche Anstrengung wie das prähistorische Original. Unter dem Motto "Anfassen erlaubt" können sich die Besucher der Landesausstellung davon im Selbstversuch überzeugen, etwa beim mühsamen Schleifen einer steinernen Beilklinge oder am schwergängigen "Pflugsimulator". Für Leichtigkeit haben die Ausstellungsmacher aber zum Glück auch gesorgt: Wer möchte, kann sich per Audioguide von Comedian Bernhard Hoëcker unterhaltsam durch die Jahrtausende leiten lassen.

Text: Ralf J. Günther
LANDESAUSSTELLUNG IM DOPPELPACK x 3

Modell eines 120 Mio. Jahre alten Flugsauriers im allg. Teil der Ausstellung mit Funden aus unterschiedlichsten Epochen. (Foto: LVR-LandesMuseum Bonn)
Modell eines 120 Mio. Jahre alten Flugsauriers im allg. Teil der Ausstellung mit Funden aus unterschiedlichsten Epochen. (Foto: LVR-LandesMuseum Bonn)
Alle fünf Jahre findet in NRW eine Archäologische Landesausstellung statt, die neue Funde und Befunde aus allen Epochen präsentiert – von der Vorzeit über die Antike bis hin zu Mittelalter und Neuzeit. Auch beim aktuellen Rückblick auf die Jahre 2010 -15 warten wieder beeindruckende Objekte auf die Besucher, darunter versteinerte Fischskelette ebenso wie römische Schildpatt-Götter oder mittelalterliche Schiefertafeln mit jüdischen Notizen. Erstmals wurde die Ausstellung außerdem zum Doppelpack erweitert. Die zusätzliche Schwerpunktschau "Revolution jungSteinzeit" richtet den Blick auf das Neolithikum. Durch die Konzentration auf eine einzelne Epoche lässt sich das Verständnis vertiefen, und es können Methoden der Archäologie zusammenhängender erläutert werden. Nach ihrer ersten Station im LVR-LandesMuseum Bonn (bis April 2016) gastiert die Doppelausstellung vom 2. Juli 2016 bis 26. Februar 2017 im Lippischen Landesmuseum Detmold und danach vom 3. Juni bis 22. Oktober 2017 im LWL-Museum für Archäologie in Herne.

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1


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Mit der Ausstellung "Revolution jungSteinzeit" förderte die NRW-Stiftung auf Antrag des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinland e. V. eine eindrucksvolle archäologische Bestandsaufnahme, die noch bis 2017 an zwei Standorten in Detmold und Herne zu sehen sein wird.

www.revolution-jungsteinzeit.de

Stationen der Ausstellung:

5.9.2015 - 3.4.2016
LVR-LandesMuseum Bonn
Rheinisches Landesmuseum für Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte
Colmantstraße 14-16, 53115 Bonn

3.6.2017 - 22.10.2017
LWL-Museum für Archäologie
Westfälisches Landesmuseum
Europaplatz 1, 44623 Herne

2.7.2016 - 26.2.2017
Lippisches Landesmuseum Detmold
Ameide 4, 32756 Detmold

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