GEO-TAG DER ARTENVIELFALT

WAS BLÜHT, KRABBELT UND FLIEGT DENN DA?

Eine feine Pinzette hat der Zoologe Christian Schmidt immer zur Hand. (Foto: Solvin Zankl / GEO)
Eine feine Pinzette hat der Zoologe Christian Schmidt immer zur Hand. (Foto: Solvin Zankl / GEO)
Im Jahr 1999 rief die Zeitschrift Geo erstmals zu einem "Tag der Artenvielfalt" auf. Seither findet jedes Jahr ein solcher Aktionstag statt. In einem vorgegebenen Gebiet versuchen Dutzende von Zoologen und Botanikern in einer 24-stündigen Inventur, möglichst viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten zu finden. Dabei ist das Zählen kein Selbstzweck. Ziel ist es, die Öffentlichkeit über die Bedeutung der einheimischen Artenvielfalt zu informieren und die Notwendigkeit ihres Schutzes ins Bewusstsein zu rücken. Damit das gelingt, werden zeitgleich auch an vielen anderen Orten im Land ähnliche Erhebungen organisiert – von Schulklassen und Firmen, Behörden, lokalen Naturschutzgruppen und engagierten Hobbyforschern.

Mit dem Kescher auf Libellenpirsch. Nach der Bestimmung dürfen die Tiere wieder fliegen. (Foto: Melanka Helms / GEO)
Mit dem Kescher auf Libellenpirsch. Nach der Bestimmung dürfen die Tiere wieder fliegen. (Foto: Melanka Helms / GEO)
Nach nunmehr 17 Jahren hat sich die regelmäßige gemeinsame Artensuche zur größten Feldforschungsaktion in Mitteleuropa entwickelt. Allein im Jahr 2015 machten dabei etwa 12.000 Naturfreunde mit. Zugleich ist der Tag der Artenvielfalt ein wichtiges Forum, auf dem sich Umweltverbände oder lokale Vereine der interessierten Öffentlichkeit präsentieren und Experten mit neugierigen Naturfreunden ins Gespräch kommen – ein bemerkenswerter Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit und ein spannendes
Auch nachts wird geforscht, die Lichtfalle zieht viele Falter und Hautflügler an. (Foto: Heiner Müller-Elsner / Agentur Focus / GEO)
Auch nachts wird geforscht, die Lichtfalle zieht viele Falter und Hautflügler an. (Foto: Heiner Müller-Elsner / Agentur Focus / GEO)
Erlebnis für alle Besucher.

Schon eine Stunde vor Sonnenaufgang stehen am Stichtag die ersten Unverzagten mit Fernglas und Bestimmungsbuch parat, um die Musikanten des morgendlichen Vogelkonzerts zu registrieren. Als die Gruppe zwei Stunden später beim Treffpunkt zurück ist, gibt es erst einmal Tee und Kaffee. Wir haben fast 30 unterschiedliche Vogelarten gehört oder gesehen", staunt eine Teilnehmerin, "ich hätte nicht gedacht, dass es hier so viele gibt." Im Laufe des Tages werden von anderen Kennern weitere 14 gemeldet, 43 sind es bis zum Abend.


Verstecken ist zwecklos

Um ihn genauer betrachten zu können, wird ein Perlmutterfalter kurz festgesetzt. (Foto: Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer)
Um ihn genauer betrachten zu können, wird ein Perlmutterfalter kurz festgesetzt. (Foto: Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer)
Während die einen ihre Ferngläser in die Baumkronen richten, durchstreifen andere den ganzen Tag mit Keschern das Gesträuch oder pulen Käfer aus morscher Baumrinde. Um die kleinen Krabbler gezielt zu erwischen, arbeiten Experten mit einem Exhaustor: "Das ist ein Ministaubsauger mit Lungenmotor" erklärt ein "Käferer" schmunzelnd. Ein flexibler Schlauch am unteren Ende wird vorsichtig dem Insekt genähert und dann plötzlich Luft angesaugt. Damit die Beute nicht aus Versehen inhaliert wird, ist die Auffangkammer am oberen Ende mit einem feinen Gaze-Netz verschlossen. Im durchsichtigen Fangzylinder lassen sich die gefangenen Tierchen dann in Ruhe bestimmen. Diejenigen, die ihre Identität nicht gleich preisgeben, landen unter einer 60-fachen Stereolupe.

Biologe Aksel Uhl hat eine Gebänderte Prachtlibelle entdeckt, neben dem frisch geschlüpften Tier hängt die leere Larvenhaut. (Foto: Thomas Stephan)
Biologe Aksel Uhl hat eine Gebänderte Prachtlibelle entdeckt, neben dem frisch geschlüpften Tier hängt die leere Larvenhaut. (Foto: Thomas Stephan)
Der Anspruch lautet immer wieder: Wir wollen genauer wissen, was bei uns wächst und gedeiht, kreucht und fleucht. Im Fokus stehen schließlich nicht Tropenwald und Tiefsee, sondern Weiher, Wald und Wiese vor der eigenen Haustür. Selbst in diesen ganz nahe liegenden Lebensräumen ist durchaus noch Neues zu entdecken. Oft genug liefern die Untersuchungen Hinweise auf Bestandsveränderungen in Flora und Fauna, es gelingen spektakuläre Wiederfunde verschollen geglaubter Arten oder neue Nachweise junger Einwanderer. Solche Informationen tragen dazu bei, die Bedeutung der Artenvielfalt für den Naturhaushalt in der Öffentlichkeit stärker zu verankern. Meist steht die jährliche Aktion unter einem besonderen Leitthema. Beispiele aus vergangenen Jahren sind "Natur in der Stadt", "Artenvielfalt in Schutzgebieten" oder "Lebensraum Süßwasser".

In diesem Jahr sind Schulklassen und Teilnehmergruppen aufgerufen, eigene Aktionen zum Thema "Biotopvernetzung" zu dokumentieren und als Wettbewerbsbeiträge einzureichen.

Ergebnisse und Erlebnisse

In diesem Jahr sind die Heideterassen zwischen Düsseldorf und Siegburg das Hauptziel des "Geo-Tags der Artenvielfalt". (Foto: Holger Sticht)
In diesem Jahr sind die Heideterassen zwischen Düsseldorf und Siegburg das Hauptziel des "Geo-Tags der Artenvielfalt". (Foto: Holger Sticht)
Wer glaubt, dass die Naturfreunde und -forscher den Abend wie bei einem Betriebsausflug gemütlich ausklingen lassen, irrt. Zusammen mit einem Fledermauskenner steht eine Gruppe Interessierter an einem Weiher. Vor dem letzten Gegenlicht des Abendhimmels huschen immer wieder Flattertiere dicht über die glatte Oberfläche des Teichs. Die leisen Stakkati aus dem Bat-Detektor verraten, wer da unterwegs ist: Wasserfledermäuse bei ihrer Jagd nach Mücken. Zweihundert Meter entfernt, am Rand eines Magerrasens erreichen die Nachtfalterexperten und ihre Speziallampen gerade erst Betriebstemperatur. Vor sich haben sie eine Art weißes Zelt, das von innen mit einem bläulichen Licht erhellt ist. Nach einer halben Stunde wimmelt es auf der Leinwand von Eulenfaltern, Spinnern und Spannern. Bis Mitternacht wird im Lampenschein weiter bestimmt, in Spezialliteratur geblättert oder im Laptop nach Vergleichsfotos gesucht. Manche Jugendliche können sich kaum losreißen, so angetan sind sie von den vielen neuen Eindrücken: "Die wissen hier noch mehr als unser Bio-Lehrer!"

Text: Günter Matzke-Hajek
Das Logo des Geo-Tages

Das Logo des GEO-Tags der Artenvielfalt zeigt einen Käfer, der eine wichtige Funktion im Ökosystem erfüllt.
Das Logo des GEO-Tags der Artenvielfalt zeigt einen Käfer, der eine wichtige Funktion im Ökosystem erfüllt.
Wer oder was ziert eigentlich das Logo des Geo-Tages? Wir wissen es: Der Käfer gehört zur Gattung Silpha. Sein Name spielt auf die Sylphen an, seelenlose Naturgeister aus der Mythologie. Symbol des Geo-Tages ist also ein Aasfresser mit Zombie-Image. Als Abfallentsorger erfüllt er aber eine wichtige Funktion im Ökosystem – in der Natur zählt eben jede Art. Auch deshalb verdient der Geo-Tag Unterstützung.

www.geo.de/natur

Stand der Angaben: 2016 / Nr. 1


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Die NRW-Stiftung hat den Geo-Tag der Atenvielfalt 2016 finanziell unterstützt.
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