HORST WACKERBARTH ERSTELLT FOTOGRAFISCHES LANDESPORTRAIT

DIE ROTE COUCH UNTERWEGS IN NRW

Die Couch in der Dorstener Zeche Fürst Leopold.
Die Couch in der Dorstener Zeche Fürst Leopold.
Eine Couch dient meistens zum gemütlichen Entspannen in den eigenen vier Wänden, was nicht unbedingt den Horizont erweitert, dafür aber umso geruhsamer ist. Selten geben Sofas Anlass, rot zu sehen. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Die berühmte Couch des Fotografen Horst Wackerbarth ist seit drei Jahrzehnten zum knallroten Blickpunkt rund um den Globus geworden. Nun reist Wackerbarth ein Jahr lang durch Nordrhein-Westfalen, um mithilfe des fotogenen Sitzmöbels Orte und Menschen ins Bild zu rücken. Das fotografische Landesporträt entsteht anlässlich zweier runder Geburtstage: 2016 wird NRW 70, die NRW-Stiftung 30 Jahre alt.

Es ist eine "Galerie der Menschheit", an der Horst Wackerbarth arbeitet – eine ständig wachsende Sammlung von Lebenswegen und Schicksalen, gespiegelt in künstlerischen Fotografien. Die Anfänge des Langzeitprojekts führen bis ins Jahr 1979 zurück, als Wackerbarth zusammen mit seinem US-Kollegen Kevin Clarke in Amerika tätig war. Damals entstanden Bilder von Menschen in ihren typischen Lebensumfeldern – Arbeitsplätzen, Wohnvierteln oder Landschaften. Die rote Couch, auf der die beiden Fotografen in einem New Yorker Zimmer anfangs lediglich ihre Schlafsäcke ausgerollt hatten, war durch ein Gelegenheitsfoto auf der Crosby Street in Soho eher zufällig Teil des Projekts geworden. Bald zeigte sich jedoch, dass sie nicht nur einen optischen Effekt abwarf.
Auf Kohle geboren – Schwarzkaue im Bergwerk Prosper Haniel, Bottrop.
Auf Kohle geboren – Schwarzkaue im Bergwerk Prosper Haniel, Bottrop.
Gerade in ungewöhnlichen Umgebungen spielte das Sofa seine Stärke als fotografischer Ankerpunkt aus, der den Menschen half, im Bild buchstäblich ihren Platz zu finden.

Der Fotoband "The Red Couch – A Portrait of America" von Wackerbarth und Clarke erschien nach mehrjähriger Arbeit 1985 beim New Yorker Verlagshaus Harper & Row. Das Buch galt schon bald als Meilenstein der künstlerischen Fotografie und begründete eine anhaltende Erfolgsgeschichte. Letztere wurde fortan von Horst Wackerbarth allein weitergeschrieben. Nie zuvor dürfte jemand die Tatsache, dass das Wort Möbel von "mobil" kommt, in so spektakulärer Weise beherzigt haben wie der Mann, der seine Rote Couch im südamerikanischen Regenwald ebenso postierte wie im eisigen Alaska, der sie in westlichen Metropolen ebenso aufbaute wie in sibirischen Dörfern. Das Wichtigste jedoch: Überall gelang es ihm, Menschen dafür zu gewinnen, auf, neben oder hinter dem Sofa Platz zu nehmen, um von sich und ihrer Welt zu erzählen.

Fotos und Fragen

Josefine Kienitz macht ein freiwilliges Öko-Jahr in der Senne.
Josefine Kienitz macht ein freiwilliges Öko-Jahr in der Senne.
Das Erzählen spielt in Wackerbarths Werk eine zentrale Rolle, beschränkt er sich doch nicht auf stumme fotografische Augenblicke, sondern ergänzt Bilder um Interviews mit den abgebildeten Personen. "Wer fragt mich denn schon?" lautete 2006 bezeichnenderweise der Titel einer Ausstellung über "Heimkinder", die eben nicht nur fotografiert, sondern zugleich auch um Auskünfte gebeten worden waren. Die Antworten auf seinen Katalog universeller Fragen nach Liebe, Glück oder Tod dokumentiert Wackerbarth in Form von Textprotokollen oder als Videos. Sein Know-how als Videokünstler konnte er im Übrigen auch in den "Rote-Couch-Geschichten" ausspielen, einer Fernsehserie, die in den frühen 90er-Jahren für ZDF, Arte und 3sat gedreht wurde.

Hannah Runde lebt in Münster – ohne Arbeit und Wohnung. Horst Wackerbarth interviewte sie am Rüschhaus.
Hannah Runde lebt in Münster – ohne Arbeit und Wohnung. Horst Wackerbarth interviewte sie am Rüschhaus.
Menschen aus unterschiedlichsten Weltgegenden hat Horst Wackerbarth für seine "Gallery of Mankind" aufgenommen, darunter zahlreiche Prominente wie etwa Peter Ustinov, Michail Gorbatschow oder auch Dallas-Bösewicht J.R. Ewing alias Larry Hagman. In der Wackerbarthschen Kunst dient Prominenz allerdings nicht dazu, Menschen-Bilder in Rangfolgen zu ordnen. Ganz im Gegenteil, die Rote Couch ist ein gemeinsamer Nenner, eine gemeinsame Bühne, die Menschen auf Augenhöhe bringt. "Prominente oder öffentlich Unbekannte, Gesunde, Kranke, Wahnsinnige, Spießer oder Finanzbeamte, Erwachsene oder Kinder" – für sie alle wird der leuchtend rote Bezugsstoff des Sofas zum gemeinsamen Bezugsrahmen und zum konstanten fotografischen Bezugspunkt!

Die rote Couch in NRW

Horst Wackerbarth lebt seit rund 30 Jahren in Düsseldorf, unterbrochen von zahlreichen großen Reisen, etwa für die sieben Jahre dauernden Arbeiten an einem seiner Hauptwerke, dem hochgelobten "Porträt Europas und seiner Bewohner". Wegen der häufigen Abwesenheit galt es für ihn schließlich, Nordrhein-Westfalen neu zu erobern. Das NRW-Kapitel in dem 2006 erschienenen Band "Zuhause in Deutschland", für das die Rote Couch in Bonn aufgestellt wurde, war dabei eine noch eher tastende Annäherung, wohingegen die im gleichen Jahr entstandene Bildserie über die niederrheinische Stadt Goch sich bewusst einer konzentrierten Lokalperspektive verschrieb.

"Mr. 4 Prozent" – vier Prozent unserer Gene enthalten Neandertaler-DNA – posiert mit Faustkeil und Sofa lässig vor dem Neandertal-Museum, in dem er zu Hause ist.
"Mr. 4 Prozent" – vier Prozent unserer Gene enthalten Neandertaler-DNA – posiert mit Faustkeil und Sofa lässig vor dem Neandertal-Museum, in dem er zu Hause ist.
Der Blick weitete sich mit der Ausstellung "Here and There", die während des Kulturhauptstadtjahrs RUHR.2010 im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum gezeigt wurde. Migration und Integration waren das Thema des Projekts, für das Wackerbarth außer im Ruhrgebiet auch in Duisburgs internationalen Partnerstädten fotografierte, inklusive der chinesischen Millionenstadt Wuhan. Zugleich dehnte er den fotografisch erfassten Lebensraum aber noch in völlig anderer Weise aus, indem er auch Tiere des Duisburger Zoos ins Bild setzte. Stellvertretend für die vom Menschen in neue Zusammenhänge verfrachtete Kreatur standen hier Nashörner und Löwen – die allerdings höchst unterschiedlich auf die Rote Couch reagierten. Während die Nashörner eher zur ruhigen Betrachtung neigten, stellten die Raubkatzen umgehend ihre analytischen Gaben unter Beweis, oder zumindest ihre Intuition dafür, dass der Begriff Analyse wörtlich nichts anderes bedeutet als "Zerlegen".

Die rote Couch auf den Externsteinen in Horn-Bad Meinberg.
Die rote Couch auf den Externsteinen in Horn-Bad Meinberg.
Zum Glück ließ sich die Couch wieder restaurieren und so für neue Aufgaben vorbereiten. Es handelte sich aber ohnehin nicht mehr um das amerikanische Originalmöbel, mit dem im Jahr 1979 alles begann, sondern bereits um seine vierte, seit 1996 im Einsatz befindliche Reinkarnation. Die drei Vorgänger hatten sich zuvor bei diversen Unfallszenarien aus dem Kreativprozess verabschiedet, denen ein gewisser Action-Charakter nicht abzusprechen ist. Durch Feuer zerstört, versehentlich als Sperrmüll entsorgt oder im Pazifik über Bord gegangen – die abenteuerlichen Schicksale der Roten Couch unterscheiden sich unverkennbar von den schlichteren Lebenswegen weniger weit gereister Kunstutensilien.

Zurück am Ursprung

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes NRW, und Harry Kurt Voigtsberger, Präsident der NRW-Stiftung, beim Fototermin an der Drachenburg.
Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes NRW, und Harry Kurt Voigtsberger, Präsident der NRW-Stiftung, beim Fototermin an der Drachenburg.
Mit dem neuen Fotoprojekt "heimat.nrw" kehrt die Rote Couch endgültig zu ihrem Ursprung zurück. Pünktlich zum 70. Geburtstag des Landes NRW und zum 30. Jubiläum der NRW-Stiftung startet im September 2016 eine Ausstellung, in der sich die Fotos und Videos von Horst Wackerbarth zu einem fotokünstlerischen Porträt des Landes zusammenfügen – zahlreiche Förderprojekte der NRW-Stiftung eingeschlossen. Gezeigt wird die Ausstellung zunächst im Landtag und danach vom 17. September bis 23. Oktober 2016 im NRW-Forum Düsseldorf. Anschließend tourt sie durch Nordrhein-Westfalen, Deutschland und Europa. Schon jetzt erlaubt die zugehörige Website Einblicke, in welchen Gegenden Nordrhein-Westfalens die Couch bereits unterwegs war und welche Menschen dabei fotografiert wurden. Zusätzlich zu den Bildern stehen hier auch die parallel geführten Interviews bereit.

Dass die Rote Couch nicht nur als Basis für Einzelporträts taugt, sondern Menschen ebenso zusammenbringen kann, beweisen gleich mehrere der in NRW entstandenen Aufnahmen. Besonders eindrucksvoll nimmt sich dabei die "Couchpartnerschaft" von drei Vertretern der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam aus. Es sind der Rabbiner Yaacov Zinvirt, der Imam Yusuf Incegelis und der evangelische Pfarrer Frank Hufschmidt, die vor der Kulisse des Duisburger Landschaftsparks Nord auf der Roten Couch Platz genommen haben. Lessings Drama "Nathan der Weise" von 1779, das von der Gleichberechtigung der Religionen handelt, könnte einem angesichts dieser Fotografie in den Sinn kommen.
Vertreter monotheistischer Religionen im Duisburger Landschaftspark Nord.
Vertreter monotheistischer Religionen im Duisburger Landschaftspark Nord.
Wobei Lessings Dichtung übrigens zusätzlich zu entnehmen ist, dass man früher nicht "das Sofa", sondern "der Sofa" sagte. Aber auch an Goethes 1819 erschienenen "West-östlichen Divan" darf man denken, eine dichterische Reflexion über das Verhältnis von Christentum und Islam. Denn Goethes Buch erinnert uns daran, dass der Begriff Diwan nicht nur wie allgemein bekannt für ein orientalisches Sofa steht, sondern auch so viel wie "Versammlung" bedeutet – und damit das Geschehen auf der Roten Couch in verblüffender Weise zu einem einzigen Begriff zusammenfasst! Zweifellos genug Stoff, um sich zum Nachdenken in die Polster eines bequemen Ruhemöbels sinken zu lassen ...
Der Künstler Horst Wackerbarth

Künstler Horst Wackerbarth bei einem Fototermin mit der Roten Couch an den Externsteinen in Horn-Bad Meinberg.
Künstler Horst Wackerbarth bei einem Fototermin mit der Roten Couch an den Externsteinen in Horn-Bad Meinberg.
Horst Wackerbarth wurde 1950 im nordhessischen Fritzlar geboren und studierte an der Kunsthochschule in Kassel. Dort lernte er den Amerikaner Kevin Clarke kennen, mit dem zusammen er 1985 in den USA den Bildband "The Red Couch – A Portrait of America" realisierte. Noch vor der Drucklegung trennten sich die Wege der beiden Fotografen allerdings wieder. Wackerbarth lotet das Potenzial der Roten Couch seitdem alleine aus. Neben Ausstellungen unter anderem in Moskau, Peru und Florenz resultierte daraus im Jahr 2003 der Band "Die Rote Couch. Ein Porträt Europas und seiner Bewohner". Wackerbarth war darüber hinaus auch in der Werbung tätig, arbeitete für das Fernsehen und rief die "LeadAcademy" ins Leben, die mit den "LeadAwards" einen bedeutenden deutschen Medienpreis vergibt.

In Wackerbarths Werk sind unterschiedlichste Einflüsse bemerkbar. Er selbst nennt zum Beispiel den Fotografen August Sander (1876 –1964), der durch seine Porträts und Stadtansichten (insbesondere von Köln) berühmt wurde. Unübersehbar knüpft die Rote Couch aber auch an das Objet trouvé bzw. das Readymade an, das heißt den vorgefundenen Gegenstand, der in ein Kunstwerk integriert wird. Eine Eigenheit von Wackerbarths Bildern, die selbst Laien sofort ins Auge fällt, ist die Vermischung von Porträt- und Landschaftsfotografie, was zu einer häufigen Abkehr vom porträttypischen Hochformat führt.

Horst Wackerbarth lebt seit 30 Jahren in Düsseldorf. Dort präsentierte er 2014 seine Bilder in einer "Vertical Gallery" – verteilt über zehn Etagen eines Hotels. Nach verschiedenen Einzelprojekten in NRW arbeitet der vielfach preisgekrönte Fotograf derzeit an einer Gesamtperspektive auf das Land. Auf NRW-Boden fiel jüngst überdies eine technische Entscheidung: Nach Vergleichsaufnahmen an der Zeche Zollverein entschloss sich Wackerbarth, der jahrzehntelang mit einer Plattenkamera gearbeitet hatte, erstmals zu einem digitalen Equipment. Der Tendenz zur optischen "Flachheit" digitaler Bilder gilt es aus der Sicht des Profis allerdings gezielt entgegenzuwirken.

Fotos: Horst Wackerbarth

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2


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70+30=100 Jahre Heimat

2016 feiert NRW seinen 70. Geburtstag und die NRW-Stiftung wird 30 Jahre alt. Zusammen errechnet sich daraus das Motto "100 Jahre Heimat"! Aus diesem Anlass entsteht ein fotokünstlerisches Porträt landestypischer Themen, Menschen und Orte, inklusive rheinischer Ecken, westfälisch-lippischer Kanten – und natürlich zahlreicher erfolgreicher Stiftungsprojekte. Der Künstler Horst Wackerbarth fährt für "heimat.nrw" ein Jahr lang durch die Regionen, im Gepäck die berühmte Rote Couch, die nach vielen internationalen Reisen an ihren Ursprung zurückkehrt. Das Projekt der NRW-Stiftung wird von der RAG-Stiftung und der Firma Evonik unterstützt. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nahm als Schirmherrin zum Auftakt in Königswinter am 20. August 2015 als Erste auf der Roten Couch Platz.
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