WALDERLEBNISSCHULE BOCHUM

"SO SIEHT ES ALSO AUS IM WALD?!"

Für seine jungen Gäste nennt sich Werner Zalisz einfach "Werner Wiesel".
Für seine jungen Gäste nennt sich Werner Zalisz einfach "Werner Wiesel".
Staunend gesprochene Sätze wie diesen hört Werner Zalisz immer wieder, wenn er mit Schülern aus dem Ruhrgebiet ins Berghofer Holz geht. Der Bochumer Naturfreund führt regelmäßig Großstadtkinder in eine für sie wenig bekannte Welt. Zalisz ist einer von mehreren ehrenamtlich tätigen Umweltpädagogen der Walderlebnisschule im Osten von Bochum. Seit 15 Jahren lernen dort Kinder, Jugendliche und Familien, dass man Kröte, Bärlauch und Eiche nicht nur auf Bildern betrachten, sondern auch beobachten und anfassen kann – mitten im Ruhrgebiet.

Dabei steht naturkundliches Wissen oft gar nicht im Mittelpunkt. Manchmal dient der erste Waldbesuch allein dazu, dass die kleinen Gäste ihre Unsicherheit im ungewohnten Terrain ablegen. "Kinder sind sooo wissbegierig, aber am Anfang oft sehr unsicher – deshalb kriegt jeder zu Beginn einen Tiernamen", berichtet Zalisz. "Erstens haben die dann weniger Hemmungen, mich etwas zu fragen, und zweitens kann ich mir die Namen viel leichter merken."

"Bäume fällen", ein Kinderspiel

Dann geht es raus – die Natur will beschnuppert und belauscht, beobachtet und begriffen werden. Mit verbundenen Augen tasten die Kinder entlang eines Seils durch den Wald, befühlen Stämme und müssen diese später mit offenen Augen wiedererkennen. Beim Spiel "Baum fällt" werden keine echten Gehölze umgesägt, vielmehr lassen sich die Mutigen von einem Baumstumpf aus mit geschlossenen Augen in die Arme ihrer Mitschüler plumpsen. Solche gemeinsamen Mutproben stärken die Solidarität, die Verantwortung und das Selbstwertgefühl.
Für die Stadtkinder aus dem Ruhrgebiet ist ein Tag in der Walderlebnisschule unvergesslich.
Für die Stadtkinder aus dem Ruhrgebiet ist ein Tag in der Walderlebnisschule unvergesslich.
Später werden auch ökologische Themen behandelt. "Wir sehen uns Tierspuren an, lernen etwas über essbare Wildpflanzen oder wir untersuchen die Organismen im Bach, da sind die Schüler unglaublich eifrig." Obwohl das Berghofer Holz von den Revierstädten Bochum, Castrop-Rauxel und Dortmund umzingelt scheint, finden sich die Gruppen mitten im Grünen wieder. Die Lage in Nachbarschaft des Naturschutzgebiets Oberes Oelbachtal ist ideal, und obendrein ist der Standort auch mit dem Bus leicht zu erreichen. "Das ist für Schulklassen und Kindergärten natürlich ganz wichtig, weil sie wenig Zeit für die Anfahrt verlieren."

Einst Schuppen, jetzt Schule

Die Walderlebnisschule dient als außerschulischer Lernort.
Die Walderlebnisschule dient als außerschulischer Lernort.
Gründer der Walderlebnisschule war der Bochumer Förderkreis "Lernort Natur". Er brachte ortskundige Förster, Jäger und andere Naturinteressierte zusammen und motivierte sie, naturpädagogische Veranstaltungen für Familien, Schulen und Kindergärten anzubieten, stets rein ehrenamtlich. Die Garagen und Unterstände, die sie dafür nutzen, gehörten bis 1999 dem Forstbetriebshof Nord. Als der geschlossen wurde, vereinbarte der Förderkreis mit der Stadt Bochum, die hufeisenförmig stehenden Zweckbauten zu pachten. Sie waren gut geeignet, um die kleinen Gäste auch bei Schmuddelwetter beschäftigen zu können. Aus Garagen und Schuppen wurden einfache Unterrichtsräume, und in den Nebenräumen war Platz für Büro, Küche und Toiletten. Als nach 15 Jahren die Dächer langsam undicht wurden, kam der Verein auf die NRW-Stiftung zu. Die beteiligte sich gern an den Kosten für die Sanierung und Erweiterung der Schulungsräume. In den Augen der neuen pädagogischen Leiterin Lina Vieres ist die wiedereröffnete Erlebnisschule nicht nur ein Gewinn für den Naturkundeunterricht. Sie sieht darin vor allem ein großes Geschenk an die jungen Gäste: "Ich begegne hier oft Kindern, die es nicht einfach haben – Notendruck, sozialer Druck und Familienzwist belasten sie. Wenn sie hier sind, fragt niemand, woher sie kommen, sie können sich einfach ausprobieren!"

Grüne Medizin

"Werner Wiesel" erzählt Kindern Spannendes über die Tierwelt.
"Werner Wiesel" erzählt Kindern Spannendes über die Tierwelt.
Was die Bochumer vielen anderen "grünen Klassenzimmern" voraushaben, sind ihre Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen, die sich nur mit Mühe konzentrieren und sich nicht lange einer Sache widmen können. "Wald statt Ritalin" hieß dann auch plakativ eine Studie, die vom Fachbereich Heilpädagogik der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Zusammenarbeit mit der Walderlebnisschule Bochum vor einigen Jahren durchgeführt wurde. Dabei kam heraus, dass es Kindern und Jugendlichen in der Natur deutlich leichter fällt, ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum auf einen Gegenstand zu lenken, und dass Naturerlebnisse gleichzeitig helfen, die Konzentrationsfähigkeit zu regenerieren. Besonders eifrig bei der Sache sind die rastlosen Waldfans bei kreativen Aufgaben, zum Beispiel wenn sie gemeinsam eine "Waldgardine" gestalten: Dazu hängen sie Fichtenzapfen, Farnwedel, Holzstücke, Federn und andere Fundstücke mit dünnen Schnüren an ein zwischen zwei Bäumen gespanntes Seil. Der Reiz einer solchen Natur-Installation überrascht die jungen Künstler oft selbst. Heilsam scheint die Arbeit in der Walderlebnisschule auch für den 76-jährigen Werner Zalisz: "Der Unterricht im Grünen hält mich jung, und wenn es am Rücken mal zwackt, ist ‚Dr. Wald‘ immer noch der beste Arzt."

Fotos: Stefan Ziese

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2


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Zertifizierte Natur- und Landschaftsführer der Walderlebnisschule Bochum bieten Schulen, Kindergärten, Vereinen und Familien naturkundliche und naturpädagogische Führungen, Seminare und Ferienaktionen an. Die NRW-Stiftung förderte die Renovierung und Modernisierung der Walderlebnisschule. Von ihrem Engagement zeugt seither auch ein "Nicki-Nuss-Raum".

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Googlemap aufrufenWalderlebnisschule Bochum-Harpen
Harpener Hellweg 301
44805 Bochum
Telefon: 0234-233177
www.walderlebnisschule-bochum.org

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