DAS SCHIFFFAHRTMUSEUM IM DÜSSELDORFER SCHLOSSTURM

LEINEN LOS UND TURM AHOI!

Am Rheinufer ragt der letzte sichtbare Rest des ehemaligen Stadtschlosses empor. Er beherbergt das Schifffahrtmuseum.
Am Rheinufer ragt der letzte sichtbare Rest des ehemaligen Stadtschlosses empor. Er beherbergt das Schifffahrtmuseum.
Ein Museum im Turm, aber nicht im Elfenbeinturm – das ist das Düsseldorfer Schifffahrtmuseum. Anders als in manch weltabgewandtem Kulturtempel stehen Ausstellung und reales Leben hier in direktem Zusammenhang. Zum Beweis genügt ein Blick durchs Fenster, vor dem die Frachtkähne, Ausflugsdampfer und Motorjachten auf dem Rhein zum Greifen nah vorbeiziehen. Wer sich nach Erkundung der jüngst mit vielen interaktiven Stationen neu gestalteten Museumsräume hoch oben im Turmcafé mit einem Kaffee belohnt, der kann außerdem noch eine beeindruckende Rundumsicht über Stadt und Fluss genießen. In einem Satz: Klarmachen zum Überblickgewinnen!

Im Museum geht es um die Frage, wie der Mensch die natürlichen Grundlagen des Rheins verändert hat.
Im Museum geht es um die Frage, wie der Mensch die natürlichen Grundlagen des Rheins verändert hat.
Gut 30 Meter ragt der Museumsturm empor, aber für die Besucher geht es zuerst einige Meter in die Tiefe, wo erstmals seit zwei Jahrzehnten ein uralter Gewölbekeller unterhalb des Rheinniveaus wieder öffentlich zugänglich ist. Hier erfährt man viel über die natürlichen Grundlagen des Rheinverlaufs und zugleich über die Techniken, mit denen der Mensch sie verändert hat – durch Flussbegradigungen, Ausbaggerungen und Deichbau. Gleich nebenan stellt sich der Rhein als "Pulsader Europas" vor. Sie war schon vor Jahrhunderten so lebenskräftig, dass auf ihr ganze Wälder flussabwärts schwammen. Übertrieben? Keineswegs: Gigantische Flöße, die das Holz von über 150 Hektar Waldfläche zu bündeln vermochten und bis zu 500 Mann Besatzung hatten, bildeten auf dem Rhein einst einen vertrauten Anblick. Im Schifffahrtmuseum ist eine der schwimmenden Inseln, deren Ziel meist die Niederlande waren, als vier Meter langes Modell zu bestaunen.

Fliegende Brücken

Eine Sammlung von Schiffsmodellen bildete einst den Grundstock des Museums.
Eine Sammlung von Schiffsmodellen bildete einst den Grundstock des Museums.
Eine bereits in den 1930er-Jahren begründete und seitdem immer wieder ergänzte Sammlung wertvoller Modelle bildet bis heute den Grundstock der Ausstellung. Zusätzlich zu den detailgetreuen Segeljachten, Schiffsmühlen und schwimmenden Baggern soll die neue Präsentation Kinder und Erwachsene aber auch zum Mitdenken durch Mitmachen anregen. Daher kann man im neu gestalteten Schifffahrtmuseum zum Beispiel in einem Bootsmannstuhl Platz nehmen, der das Prinzip eines Flaschenzuges buchstäblich am eigenen Leib fühlbar werden lässt. Aber keine Angst: Zum Erklimmen des Turms sind keine Flaschenzüge nötig, es stehen ganz gewöhnliche Treppen und sogar ein Lift zur Verfügung.

Kinder kommen im Schifffahrtmuseum auf ihre Kosten, wie etwa beim Steuern eines virtuellen Rheinschiffs.
Kinder kommen im Schifffahrtmuseum auf ihre Kosten, wie etwa beim Steuern eines virtuellen Rheinschiffs.
Erlaubt ist im Museum auch der Griff zum Steuerruder. Damit kann man entweder ein an die Wand projiziertes Dampf- oder Containerschiff innerhalb vorgegebener Zeit kollisionsfrei in den Düsseldorfer Hafen zu steuern versuchen. Oder man lernt Düsseldorfs 1699 in Betrieb genommene "fliegende Brücke" kennen. Eigentlich war es eine Fähre, von Fachleuten als "Gierfähre" bezeichnet. Sie hing an einem langen Seil, das sich aber nicht über den Strom spannte, sondern mit einem Anker in der Flussmitte befestigt war. Durch einfaches Bewegen des Steuerruders trieb die Strömung die Plattform wie von Zauberhand ans linke oder rechte Ufer. Noch heute arbeiten manche Fähren in Deutschland nach diesem Prinzip.


Fürst zu Wasser

Moderne Schifffahrt und Museum gehen am Düsseldorfer Schlossturm eine enge Verbindung ein. Vom Turm zum nächsten Landungssteg sind es nur wenige Schritte.
Moderne Schifffahrt und Museum gehen am Düsseldorfer Schlossturm eine enge Verbindung ein. Vom Turm zum nächsten Landungssteg sind es nur wenige Schritte.
Anders als das größere Duisburger Museum der Deutschen Binnenschifffahrt konzentriert sich das Schifffahrtmuseum in der Landeshauptstadt ganz auf den Rhein und kann dabei viele Entwicklungen anhand von Düsseldorfer Beispielen illustrieren. Dass auch das höfische Leben in der ehemaligen Residenzstadt auf den Fluss hinausdrängte, beweisen unter anderem die spektakulären Feiern anlässlich einer herzoglichen Hochzeit im Jahr 1585 (siehe Infobox weiter unten). Ein Jahrhundert später ankerten auf dem Rhein die prunkvollen "Staatenjachten" des Kurfürsten Johann Wilhelm. Auch diese Staatsschiffe konnten aber nicht aus eigener Kraft flussaufwärts fahren, sondern mussten wie alle Segelschiffe "getreidelt" werden. Wer heute bei Spaziergängen an Flussufern bisweilen auf die Bezeichnung Leinpfad trifft, flaniert genau dort, wo einst Pferde und Menschen per Muskelkraft Schiffe an langen Leinen gegen die Strömung zogen.

Im 19. Jahrhundert revolutionierte der Dampfkessel die Rheinschifffahrt. Er machte das Treideln überflüssig, schuf neue Kapazitäten für den Warenverkehr und lockte nicht zuletzt einen neuen Typus des Reisenden an, den Touristen. Die zuerst von englischen Autoren und Künstlern als Sehnsuchtsort entdeckte Rheinlandschaft wurde durch den Tourismus zu einem der ersten jener typischen Reiseziele, die man gesehen haben musste, weil sie schön waren – und weil andere sie auch schon gesehen hatten. Was beweist, dass der Ausdruck "Touristen-Strom" für den Rhein seinen besonderen historischen Sinn hat.

Fotos: Werner Stapelfeldt
Blick nach Duisburg

Der Bilgenentöler des Duisburger Museums beseitigte früher veröltes Flusswasser. (Foto: Thomas Willemsen)
Der Bilgenentöler des Duisburger Museums beseitigte früher veröltes Flusswasser. (Foto: Thomas Willemsen)
Ein Besuch im Düsseldorfer Schifffahrtmuseum lässt sich gut mit einem Besuch im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt in der Nachbarstadt Duisburg verbinden. Dieses – ebenfalls maßgeblich von der NRW-Stiftung geförderte – Museum ist im Stadtteil Ruhrort in Hafennähe in einem beeindruckenden Jugendstilgebäude aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts untergebracht. Das denkmalgeschützte Bauwerk diente früher als Hallenbad mit getrennten Damen- und Herrenbecken. Es bietet heute viel Platz für die Schifffahrtsausstellung.
Der Wal, der Drache und die tote Herzogin

Die Fürstenhochzeit von 1585 wurde durch ein zeitgenössisches Prachtalbum im Bild festgehalten. Neben den Spektakeln auf dem Rhein ist auch das Stadtschloss mit seinem Schlossturm zu sehen. (Foto: www.zeno.org)
Die Fürstenhochzeit von 1585 wurde durch ein zeitgenössisches Prachtalbum im Bild festgehalten. Neben den Spektakeln auf dem Rhein ist auch das Stadtschloss mit seinem Schlossturm zu sehen. (Foto: www.zeno.org)
Manch einer hat den alten Turm am Düsseldorfer Rheinufer wohl schon für einen verirrten Leuchtturm gehalten. Ein Leuchtfeuer hat es wenige Schritte entfernt tatsächlich einmal gegeben, aber nur als Dekoration auf einem 1941 zerbombten Restaurant. Der Rundturm aus dem 16. Jahrhundert gehörte hingegen ursprünglich zum Schloss der Herzöge von Berg. Höfisches Leben und höfische Dramen spielten sich hier ab, inklusive Haft und Tod der unglücklichen Herzogin Jakobe. 1585 heiratete sie Herzog Johann Wilhelm, und die Feierlichkeiten überboten sich dabei mit mehrtägigen Spektakeln – inklusive eines von Feuerwerk begleiteten Kampfes zwischen einem Wal und einem Drachen, die auf Flößen montiert im Rhein umherschwammen. In späteren Jahren verfiel der Herzog zunehmend dem Wahnsinn, während man seine des Ehebruchs bezichtigte Frau im Schlossturm gefangen hielt. Hier wurde sie am 3. September 1597 tot aufgefunden, und es sprach viel für Mord. Seitdem, so heißt es, spuke Jakobe ruhelos im Turm umher.

Das Schloss selbst fiel zusammen mit dem Herzogtum Berg im 17. Jahrhundert an das Haus Pfalz-Neuburg, dem Düsseldorf seinen populärsten Herrscher verdankt: Kurfürst Johann Wilhelm, genannt "Jan Wellem", der die Stadt zusammen mit seiner Frau Anna Maria Luisa de’ Medici zur Kunstmetropole machte. Als er 1716 nach vielen rauschenden Festen starb, kehrte seine Witwe nach Florenz zurück, während seine Nachfolger fortan in Mannheim residierten und nur noch selten nach Düsseldorf kamen. Das von ihnen verlassene Schloss erlitt 1794 durch französische Kanonen schwere Schäden, diente aber im 19. Jahrhundert – Düsseldorf war inzwischen preußisch geworden – noch jahrzehntelang als Sitz der Kunstakademie. Es war die Zeit, als in Düsseldorf auch die Künstlervereinigung "Malkasten" gegründet wurde. Im Jahr 1872 zerstörte ein verheerendes Feuer das Schloss, sodass schließlich nur der Turm dem endgültigen Abriss entging. Außer ihm erinnern heute der Düsseldorfer Hofgarten, das tempelartige Ratinger Tor von 1811-15, die Andreaskirche – Grablege Jan Wellems – sowie Schloss Benrath vor den Toren der Stadt an Düsseldorfs fürstliche Zeiten.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2015/2


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Die NRW-Stiftung unterstützte den Verein der Freunde und Förderer des Schifffahrtmuseums im Düsseldorfer Schlossturm e.V. bei der Neugestaltung des Museums, das sich im Herzen der Düsseldorfer Altstadt unmittelbar in der Nähe des Rheins befindet. Das Museum ist seit Juni 2015 wieder eröffnet.
www.freunde-schifffahrtmuseum.de

Googlemap aufrufenSchifffahrtmuseum im Schlossturm
Burgplatz 30
40213 Düsseldorf
Telefon: 0211 8994195
www.freunde-schifffahrtmuseum.de

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