STERNENPARK NATIONALPARK EIFEL

STERNE OHNE GRENZEN

Ein unvergesslicher Anblick: Unzählige Sterne bilden diese "Wolken" am klaren Nachthimmel über dem Nationalpark Eifel. <br />
<small>Bild: Harald Bardenhagen</small>
Ein unvergesslicher Anblick: Unzählige Sterne bilden diese "Wolken" am klaren Nachthimmel über dem Nationalpark Eifel.
Bild: Harald Bardenhagen
Ob Matthias Claudius sein populäres Abendlied wohl auch gedichtet hätte, wenn er nicht im 18. Jahrhundert, sondern heute gelebt hätte? Mittlerweile wird der Nachthimmel fast überall so stark vom Lichtschein unserer Siedlungen behelligt, dass natürliche Dunkelheit kaum mehr ungetrübt erlebbar ist. Gegen­den, von denen aus die Milchstraße und Tausende Gestirne "... am Himmel hell und klar ..." zu sehen sind, schrumpfen in unserem Land immer mehr. Der Natio­nalpark Eifel in Nordrhein­-Westfalen ist glücklicherweise noch eine Oase nächt­licher Dunkelheit. Deshalb bekam er im Februar 2014 den internationalen Titel "Dark Sky Park" und ist damit einer der ersten Sternenparks in Deutschland.

Den Titel verleiht die Internationale Dark Sky Association (IDA) nur dann, wenn bestimmte nächtliche Licht-­Grenzwerte un­terschritten werden. Dafür darf diffuses Kunstlicht benachbarter Siedlungen kaum wahrzunehmen sein. Die Sternenparks sind aber nicht nur Inseln für die ungestörte Be­trachtung eines natürlich schönen Nachthimmels, sie sollen auch das Bewusstsein für einen angemessenen Umgang mit künst­licher Beleuchtung schärfen.

DUNKELHEIT ERHELLT DEN GEIST

Über dem Kirchturm von Wollseifen zielt der Fotograf auf den "ruhenden Pol" des Nachthimmels, den Polarstern. Um ihn scheinen sich die anderen Sterne zu drehen. Bei der langen Belichtungszeit zeichnen sie Kreissegmente. <small>Bild: Harald Bardenhagen</small>
Über dem Kirchturm von Wollseifen zielt der Fotograf auf den "ruhenden Pol" des Nachthimmels, den Polarstern. Um ihn scheinen sich die anderen Sterne zu drehen. Bei der langen Belichtungszeit zeichnen sie Kreissegmente. Bild: Harald Bardenhagen
Nächtliche Beleuchtung wird oft als Zeichen von Wohlstand, Sicherheit und Modernität verstanden. Dass Dunkelheit ein schutzwür­diges Naturphänomen ist und die Sicht zu den Sternen eine elementare menschliche Er­fahrung, wird allzu leicht vergessen. In vielen dicht besiedelten Gebieten ist der Nachthim­mel in den letzten Jahrzehnten zu einer von diffusem Licht vernebelten Käseglocke aus Halbdunkel verkommen. Ursache ist das Streulicht, ein optisches Dauerrauschen, das aus Städten, von Verkehrswegen und Indus­trieanlagen nutzlos in alle Richtungen strahlt und so das natürliche Funkeln der Sterne völlig überdecken kann. Wer die Milchstraße noch nie gesehen hat oder nur als romanti­sche Urlaubserinnerung kennt, vermisst ihren Anblick vielleicht gar nicht. Aber ganz sicher ist ein Naturschutzgebiet wie der Nati­onalpark Eifel der geeignete Ort, um Natur­freunde für Sternenlicht und natürliche Dun­kelheit zu sensibilisieren.

VOM LICHT DER STÄDTE VERSTRAHLT

Die "Beförderung" des Nationalparks ist vor­läufig, der Titel gilt zunächst für drei Jahre. In dieser Zeit soll der Träger des Schutzge­biets auf die Verminderung des Streulichts hinwirken. Als erster Schritt wurde beispiels­weise in der rund 110 Quadratkilometer gro­ßen Kernzone die Außenbeleuchtung der Forsthäuser gedimmt. Weiteres Potenzial be­steht beim Gebäudekomplex von Burg Vogel­sang und in einigen Dörfern, die, obwohl selbst nicht dem Schutzgebiet zugehörig, wie Halbinseln in die Kernzone ragen. Jetzt sol­len sich die Gemeinden in einem mindestens 15 Kilometer breiten Gürtel um den National­park herum daran beteiligen, die nächtlichen "Störfeuer" zu reduzieren.

Wenn das gelingt, winkt sogar die Ernen­nung zur "International Dark­Sky Reserve". Dieser Titel wurde in Deutschland erst für zwei Regionen vergeben, das Biosphärenre­servat Rhön und den Naturpark Westhavel­land. Obwohl das letztere Gebiet nur eine Stunde von Berlin entfernt liegt, hat es einen der dunkelsten Nachthimmel Deutschlands. Die Eifel erreicht diese Werte noch nicht ganz. Ursache sind unter anderem die weit strahlenden Lichtkuppeln von Aachen, Bonn und Köln. Die Großstädte am Rhein liegen in östlicher Richtung – der Spruch "ex oriente lux" gilt eben auch in der Eifelnacht.

STERNE OHNE GRENZEN

Der Sternenhaufen Plejaden über dem Nationalpark Eifel <small>Bild: fotolia/herraez</small>
Der Sternenhaufen Plejaden über dem Nationalpark Eifel Bild: fotolia/herraez
Dass auch die Städte am Rhein viel Streu­licht vermeiden könnten, weiß der Mann, der die Eifel als "Dark Sky Area" ins Ge­spräch brachte, nur zu gut: Harald Barden­hagen ist Leiter der Astronomie­-Werkstatt "Sterne ohne Grenzen". Wo immer möglich, wirbt er für den zurückhaltenden und be­wussten Umgang mit künstlichem Licht in der Nacht: "Wenn wir heute nichts gegen die zunehmende Lichtverschmutzung tun, ver­lieren wir auch den Eifler Sternenhimmel", sagt der erfahrene Himmelsbeobachter. Nicht zuletzt bedeutet die Überbelichtung unserer Straßen und Städte eine erhebliche Energieverschwendung, und bei der Strom-produktion fallen klimaschädliche Treib­hausgase in Menge an. Problematisch sind darüber hinaus die Auswirkungen auf viele Organismen, auch auf uns selbst: Einen ge­sunden Schlaf haben Menschen nur, wenn sie in absoluter Dunkelheit schlafen und der zirkadiane Rhythmus nicht durch künst­liches Licht in der Nacht gestört wird. Kom­men die "inneren Uhren" durcheinander, dann drohen ernste gesundheitliche Probleme.

MIT ABBLENDLICHT ZUR MILCHSTRASSE

Dennoch geht es nicht um das Abschalten jeglichen Kunstlichts, sondern vielmehr um das rechte Maß. Eine Anpassung der Be­leuchtung muss nämlich nicht zulasten von Komfort oder Sicherheit gehen. Schon die Wahl einer guten Lichtgeometrie sorgt für eine deutliche Reduktion und für mehr Licht­qualität durch geringere Blendung. Voll abge­schirmte Leuchten, die nur nach unten strah­len und mit ihrem Lichtkegel so weit wie möglich unter der Horizontale bleiben, und eine zeitliche Steuerung mit Dimmung oder Abschaltung sind ideal. Häufig kann auf Beleuchtung in der späten Nacht vollständig verzichtet werden. Das betrifft auch die Wer­bebeleuchtung, die einige Unternehmen auch schon abgeschaltet haben. Schließ­lich gilt es, Lampen mit einem geeigneten Farbspektrum zu wählen. So ist kalt­-weißes Licht mit einem hohen Ultraviolett­- und Blau­anteil im Außenbereich viel störender für Mensch und Tier als längerwelliges Licht, amber­- oder bernsteinfarbenes Licht ohne Blauanteil ist die ideale Lösung.

In der Astronomie-Werkstatt können Kinder die Bahnen von Planeten und Monden an Modellen lernen. <small>Bild: Harald Bardenhagen</small>
In der Astronomie-Werkstatt können Kinder die Bahnen von Planeten und Monden an Modellen lernen. Bild: Harald Bardenhagen
Schon jetzt werden im Nationalpark Eifel Veranstaltungen angeboten, welche die "dunkle" Seite der Umwelt "beleuchten", natürlich nur im übertragenen Sinne. Dazu gehören unter anderem Fledermaus­-Exkur­sionen und von Rangern geführte Nachtwan­derungen. Auf der Sternwarte der Astrono­mie­-Werkstatt "Sterne ohne Grenzen" in Vogelsang IP können Besucher den Sternen­himmel beobachten und werden unterhalt­sam zum Thema "Wert der natürlichen Nacht" informiert. "Wir haben außer-ordentlich positi­ve Erfahrungen mit diesen Aktivitäten", freut sich Vogelsang-­Geschäftsführer Albert Moritz, "das hat uns ermutigt, die Lichtverschmut­zung weiter zu reduzieren und dem Nacht­himmel in unserem Programm mehr Raum zu geben."
"LICHT AUS!"

Viele Tiere reagieren empfindlich auf Kunstlicht. Einige Beispiele:

<small>Bild: picture alliance / dpa / Ole Spata</small>
Bild: picture alliance / dpa / Ole Spata

• Zugvögel besitzen einen Lichtkompass, der auf das Licht der Sterne am Nachthimmel geeicht ist. 
Scheinwerfer, wie sie zur Beleuchtung größerer Gebäude benutzt werden, können dieses Organ erheblich stören. Die Nachtzieher kommen dadurch für längere Zeit von ihrer ursprünglichen Flugrichtung ab.

• Fledermäuse fliegen aus hell beleuchteten Gebäuden, beispielsweise aus Kirchtürmen, deutlich später 
aus. Damit verpassen sie die Dämmerungsstunden, in denen besonders viele Beuteinsekten unterwegs sind. Manche Fledermausarten haben zwar auch gelernt, dass die Jagd unter Straßenlaternen effektiv ist, da dort mehr Nachtfalter herumschwirren, doch dies birgt auch Gefahren: Langsam fliegende Fledermäuse werden im Scheinwerferlicht selbst zur leichten Beute, zum Beispiel für Eulen.

• Fische reagieren stark auf Licht, zum Beispiel sind viele Jungfische lichtscheu, da sie in der Dunkelheit besser vor Räubern geschützt sind. Auch manche Wanderfische wie der Aal schwimmen nur im Schutz der Dunkelheit flussaufwärts. Helle Lampen an Ufern und auf Brücken veranlassen sie, ihre Wanderung vor solchen "Lichtschranken" zu unterbrechen. Die unfreiwilligen Aufenthalte kosten sie wichtige Energiereserven.

• Etwa 60 Prozent der heimischen Insekten sind nachtaktiv. Nicht nur Nachtschmetterlinge finden aus dem Sog künstlicher Lichtquellen nicht in die Dunkelheit zurück. Fachleute sprechen vom Staubsauger-effekt mit einer Reichweite von bis zu 800 Metern. Eine einzige Straßenlaterne in Bachnähe kann pro Nacht
so viele Köcherfliegen anlocken und töten, wie im gleichen Zeitraum auf 200 Meter Uferlänge schlüpfen. Nahrungssuche und Fortpflanzung geraten aus dem Takt, Tausende Tiere sterben an Erschöpfung.

Das Satellitenbild verrät, wo mit Licht noch nicht gespart wird: ... <br />
<small>Bild: Bardenhagen/NASA/Google Earth Pro</small>
Das Satellitenbild verrät, wo mit Licht noch nicht gespart wird: ...
Bild: Bardenhagen/NASA/Google Earth Pro
... Das Ruhrgebiet und die Rheinschiene sind ebenso "überbelichtet" wie große Teile von Belgien und Holland. Der Nationalpark (gelb markiert) liegt dagegen im Dunkeln. <br />
<small>Bild: Bardenhagen/NASA/Google Earth Pro</small>
... Das Ruhrgebiet und die Rheinschiene sind ebenso "überbelichtet" wie große Teile von Belgien und Holland. Der Nationalpark (gelb markiert) liegt dagegen im Dunkeln.
Bild: Bardenhagen/NASA/Google Earth Pro

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2014/2


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Die NRW-Stiftung unterstützt mit der EU (LEADER-Region Eifel) und dem Kreis Euskirchen das Projekt "Sternenregion Eifel" des Naturparks Nordeifel e. V. Partner sind der Nationalpark Eifel, die Städte Schleiden und Heimbach, die Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang und die Vogelsang IP gGmbH, die fachliche Begleitung übernimmt die Astronomie-Werkstatt "Sterne ohne Grenzen".

Nationalpark Eifel
Sternwarte der Astronomie-Werkstatt "Sterne ohne Grenzen"
Vogelsang IP inmitten des Sternenpark Nationalpark Eifel

www.nationalpark-eifel.de
www.sterne-ohne-grenzen.de

Anreise: www.vogelsang-ip.de/anreise.htm

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