HÖHLENLAND SÜDWESTFALEN

IM LAND DER HÖHLENWUNDER

Die Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe wirkt mit ihren bizarren Tropfsteinen wie eine vorzeitliche Welt.<br />
<small>Bild: Werner Stapelfeldt</small>
Die Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe wirkt mit ihren bizarren Tropfsteinen wie eine vorzeitliche Welt.
Bild: Werner Stapelfeldt
Steter Tropfen höhlt den Stein? Ja, aber stete tropfen formen auch Steine - Tropfsteine, um genau zu sein, die durch Kalkablagerungen zwar allenfalls einen Zehntelmillimeter pro Jahr wachsen, im Laufe tausender Jahre aber trotzdem beachtliche Größen erreichen können. In den unterirdischen Märchenlandschaften Südwestfalens, wo 80 Prozent aller nordrhein-westfälischen Höhlen liegen, sind manche der meterhohen Tropfstein-formationen sogar schon mehrere Hunderttausend Jahre alt. Nicht zuletzt diesen fantastischen Gebilden verdankt das "Höhlenland Südwestfalen" Ausflugsziele von majestätischer Schönheit.

Sämtliche Himmelsrichtungen in einer einzigen Ortsangabe – die Region Südwestfalen macht es möglich, denn fährt man in ihren Nordosten, so befindet man sich den Regeln der Logik zufolge im nordöstlichen Südwestfalen. Die Kreise Siegen-Wittgenstein, Olpe, Soest sowie der Märkische und der Hochsauerlandkreis haben sich allerdings nicht zur "Region Südwestfalen" zusammengetan, um Himmelsrichtungen durcheinanderzuwürfeln. Vielmehr werden auf ihrem Gebiet Projekte im Rahmen der Regionale 2013 entwickelt, einer vom Land NRW initiierten Strukturfördermaßnahme. Eines der Ziele lautet dabei, das "Höhlenland Südwestfalen" künftig auf neue Weise zu präsentieren.

Schatzkammer der Natur

Zusammen mit dem Bergischen Land ist das südliche Westfalen – wozu insbesondere das Sauerland zählt – eine der höhlenreichsten Gegenden Deutschlands. Mehr als 1.000 von der Natur geschaffene Hohlräume gibt es hier, 17 davon mit Gangsystemen von über einem Kilometer Länge. Ihre Entstehung verdanken sie in erster Linie dem Wasser. Anders als an Felsküsten, die oft durch die mechanischen Kräfte der Brandung ausgehöhlt werden, spielen im Binnenland jedoch die sogenannten Karsthöhlen die Hauptrolle. Verkarstung nennt es der Geologe, wenn Kalkstein durch kohlensäurehaltiges Wasser langsam aufgelöst wird. Lagert sich gelöster Kalk tropfenweise wieder ab, dann wachsen Tropfsteine.

Höhlenforschung, aber auch praktische Fertigkeiten wie die Durchführung von Rettung-saktionen werden in den "Speläogruppen" gepflegt.<br />
<small>Bild: Olaf Neumann</small>
Höhlenforschung, aber auch praktische Fertigkeiten wie die Durchführung von Rettung-saktionen werden in den "Speläogruppen" gepflegt.
Bild: Olaf Neumann
Die meisten der vielen südwestfälischen Höhlen sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Zwar gibt es in der Region keine so gigantischen Hohlräume wie die Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen, die wegen der spektakulären Bergung eines verletzten Forschers jüngst wiederholt durch die Medien ging. Doch auch die Erkundung kleinerer Höhlen birgt erhebliche Unfallrisiken. Genauso wichtig: Die unterirdischen Schatzkammern der Natur sollen vor beabsichtigten und unbeabsichtigten Beschädigungen bewahrt werden, denen leicht unwiederbringliche Informationen zum Opfer fallen könnten. Denn Tropfsteine und Höhlensedimente eröffnen den Forschern Blicke in weit zurückliegende Erdzeiten. Zudem stoßen sie immer wieder auf Überreste ausgestorbener Tierarten wie den Höhlenbären und auf Relikte vorzeitlicher Menschen. Ja, sogar Knochen von Dinosauriern tauchen öfters auf, ein Zeichen dafür, dass manche südwestfälische Höhle schon in der Kreidezeit entstanden ist und eine Art "Knochenfalle" der an Land lebenden Dinosaurier wurde. Die meisten Höhlen sind aber erst viel später im Eiszeitalter entstanden.

Hölle, Höhlen, Hehler

Stille Wunder,... <br />
<small>Bild: Lars Langemeier</small>
Stille Wunder,...
Bild: Lars Langemeier
Lange Zeit waren Höhlen vor den Menschen allein schon durch ihre furchterregende Lichtlosigkeit weitgehend geschützt. Der ähnliche Klang der Worte Höhle und Hölle ist ja kein Zufall, denn als Bezeichnungen unterirdischer, finsterer Welten sind beide Begriffe miteinander verwandt. Der "Hehler" allerdings, der ebenfalls in diese Wortfamilie gehört, scheute gerade die "unverhohlene" Öffentlichkeit. Kein Wunder also, wenn auch die Höhlen Südwestfalens zuweilen als Schlupfwinkel für Rechtsbrecher dienten. So glaubt man etwa in der Honerthöhle im Hönnetal sowie im Hohlen Stein bei Kallenhardt Spuren von Falschmünzer-Werkstätten aus dem 18. Jahrhundert gefunden zu haben. Wurden die Zeiten sehr unsicher, dann dienten einige Höhlen aber auch als Zufluchtsorte für die ganz normale Bevölkerung. Für die Kluterthöhle in Ennepetal ist das schon Ende des 17. Jahrhunderts belegt, und noch im Zweiten Weltkrieg verwendete man sie als Luftschutzraum.

... aber auch klangvolle Kulturereignisse von der Bläsermusik bis zum Hip-Hop-Konzert – im Höhlenland Südwestfalen können die Besucher beides erleben. <br />
<small>Bild: Schützenbruderschaft St. Sebastian Balve e. V.</small>
... aber auch klangvolle Kulturereignisse von der Bläsermusik bis zum Hip-Hop-Konzert – im Höhlenland Südwestfalen können die Besucher beides erleben.
Bild: Schützenbruderschaft St. Sebastian Balve e. V.
Im 18. Jahrhundert, als es vor allem bei Intellektuellen und Dichtern allmählich in Mode kam, sich den Schönheiten der Natur nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf den eigenen Füßen zu nähern, begann das Interesse an den von der Natur oft so fantastisch geformten unterirdischen Sälen, Kammern und Schluchten zu wachsen. Erst im 19. Jahrhundert setzte aber ein Höhlentourismus auf breiter Front ein. Nachdem man 1868 auf die Dechenhöhle bei Iserlohn gestoßen war, strömte die Schar der Neugierigen dann schon derartig rasch zusammen, dass man die Neuentdeckung binnen kurzer Frist trittsicher ausbauen und zudem beleuchten lassen musste – seit 1871 sogar mit elektrischem Licht.

Das Dunkel wird hell

<small>Bild: Regionale Südwestfalen</small>
Bild: Regionale Südwestfalen
Die Dechenhöhle ist eine jener Schau- und Besucherhöhlen in Südwestfalen, die heute ganz unterschiedlichen Zwecken dienen, weil hier außer Führungen oft Konzerte und andere Veranstaltungen stattfinden. Gleichwohl sollen die – meist von "Speläogruppen", also Höhlenforschervereinen betreuten – Schauhöhlen vor allem ein Licht auf die sonst so dunklen Geheimnisse der Höhlenwelt werfen und sie für die Besucher auf gefahrlose Weise zugänglich machen. Sie tragen so gleichzeitig zur Schonung der vielen anderen Höhlen bei, die dadurch von menschlichen Besuchen weitgehend verschont bleiben können. Wer mehr über all diese Zusammenhänge wissen will, dem sei der Besuch im "Deutschen Höhlenmuseum" empfohlen, das sich in Iserlohn-Letmathe direkt neben der Dechenhöhle befindet.

Das Deutsche Höhlenmuseum bei der Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe.<br />
<small>Bild: Regionale Südwestfalen</small>
Das Deutsche Höhlenmuseum bei der Dechenhöhle in Iserlohn-Letmathe.
Bild: Regionale Südwestfalen
Museumsleiter Stefan Niggemann war auch Ideengeber für das Projekt "Höhlenland Südwestfalen", bei dem es in erster Linie darum geht, der Isolierung einzelner Höhlen in der öffentlichen Wahrnehmung entgegenzutreten. Stattdessen soll der Raum Südwestfalen als eine von Höhlen in einzigartiger Weise geprägte Region herausgestellt werden. Die Vorbereitung eines gemeinsamen Internetauftritts spielt dafür ebenso eine Rolle wie der Druck von Infobroschüren. Nicht zuletzt aber sind Maßnahmen der Besucherführung und Investitionen etwa in die LED-Lichttechnik notwendig, um die Präsentationen heutigen Ansprüchen anzupassen. Auch künftig sollen sich Menschen schließlich für die unterirdischen Welten begeistern, in denen man den Horizont zwar nicht sehen, aber trotzdem erweitern kann.
Höhlen für Besucher

Im Deutschen Höhlenmuseum wird die Tierwelt veranschaulicht, die einst in den Höhlen anzutreffen war. Man sieht in der Ausstellung dabei nicht nur Knochenfunde, ...<br />
<small>Bild: Regionale Südwestfalen</small>
Im Deutschen Höhlenmuseum wird die Tierwelt veranschaulicht, die einst in den Höhlen anzutreffen war. Man sieht in der Ausstellung dabei nicht nur Knochenfunde, ...
Bild: Regionale Südwestfalen
Fünf Schauhöhlen haben sich dem Projekt "Höhlenland Südwestfalen" angeschlossen: Die Dechenhöhle in Iserlohn, die Heinrichshöhle in Hemer, die Balver und die Reckenhöhle in Balve sowie die Bilsteinhöhle in Warstein. Jede von ihnen weist Besonderheiten auf, die zum Teil mit ihrer Naturgeschichte zu tun haben, zum Teil auch mit der menschlichen Nutzung.

... sondern auch lebendig wirkende Präparate.<br />
<small>Bild: Regionale Südwestfalen</small>
... sondern auch lebendig wirkende Präparate.
Bild: Regionale Südwestfalen
So gilt die Balver Höhle als eine der bedeutendsten Kulturhöhlen Europas, einerseits weil darin zahlreiche Spuren vorzeitlicher Menschen gefunden wurden, andererseits weil die Natur hier eine riesige unterirdische Halle geschaffen hat, die schon 1922 erstmals für Theateraufführungen genutzt wurde. Heute bietet sie ein breites Programm zwischen Oper und Hip-Hop. Die benachbarte Reckenhöhle wurde 1888 entdeckt und ist schon seit 1890 als Schauhöhle in Betrieb, also bereits fast so lange wie die Dechenhöhle, an die das vor einigen Jahren neu gestaltete Deutsche Höhlenmuseum angeschlossen ist. Fast zur gleichen Zeit wie die Reckenhöhle wurde auch die Warsteiner Bilsteinhöhle für das Publikum erschlossen, in der noch heute ein fließender Bach das Gestein immer weiter auswäscht. Die Heinrichshöhle in Hemer ist hingegen nicht zuletzt wegen ihres über 2,35 Meter großen Höhlenbärenskeletts ein beliebtes Ausflugsziel.

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


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Die NRW-Stiftung hat das Projekt "Höhlenland Südwestfalen" bei der Verbesserung der Infrastruktur für die oben genannten Höhlen gefördert.

Googlemap aufrufenDechenhöhle
Dechenhöhle 5
58644 Iserlohn
www.dechenhoehle.de


Heinrichshöhle
Felsenmeerstraße 7
58675 Hemer
www.hiz-hemer.de


Balverhöhle
Helle 2
58802 Balve
www.balver-hoehle.de


Bilsteinhöhle
Im Bodmen 54
59581 Warstein
www.bilsteintal.de/

Allgemeine Informationen über das Projekt: www.sauerland-hoehlen.de

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