NEUE ZUGÄNGE ZUR WAHNER HEIDE

ZEITGEMÄSSE "WAHN"-VORSTELLUNGEN

Die Lager der Wahner Heide und der Besucherportale.
Die Lager der Wahner Heide und der Besucherportale.
Seit dem vergangenen Jahr gehört die Wahner Heide im Osten Kölns zu den Schutzgebieten des nationalen Naturerbes. Passend zu diesem Ritterschlag wurden kürzlich vier sogenannte "Eingansgportale" eröffnet, in denen sich Besucher über die Heidelandschaft informieren können. Dort werden die außergewöhnliche Flora und Fauna der Heide, aber auch ihre bewegte Geschichte und die Naturschutzbemühungen im Gebiet bei Wahn vorgestellt - "Wahn-Vorstellungen" dürfen hier also einmal ganz wörtlich genommen werden. Die Portale zeigen, dass die rechtsrheinische Heideterrasse nicht nur ein außergwöhnlicher Naturschatz ist, sondern auch eine Kulturlandschaft mit spannenden historischen Spuren.

Die Ausstellung in Gut Leidenhausen bei Porz-Eil behandelt die "Kontraste" zwischen der Natur und den menschlichen Eingriffen. <br />
<small>Bild: Tassilo Bouwman</small>
Die Ausstellung in Gut Leidenhausen bei Porz-Eil behandelt die "Kontraste" zwischen der Natur und den menschlichen Eingriffen.
Bild: Tassilo Bouwman
Im Uhrzeigersinn finden sich die vier Portale im Steinhaus bei Bergisch Gladbach, im Turmhof bei Rösrath, in der Troisdorfer Burg Wissem und im Gut Leidenhausen im Kölner Stadtteil Porz-Eil. Alle vier liegen unmittelbar am Rand der Heide oder des Königsforstes und eignen sich deshalb hervorragend als Startpunkte für Wanderungen. Obendrein bieten sie Ausstellungen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten und sind Treffpunkte für Exkursionen und Veranstaltungen.

Multitalent Wald

Steinhaus bei Bergisch Gladbach bildet ein Tor zum Königsforst. Deshalb sind hier die Funktionen dieses großen Kölner Waldgebiets Thema.<br />
<small>Bild: Burkhard Bunse</small>
Steinhaus bei Bergisch Gladbach bildet ein Tor zum Königsforst. Deshalb sind hier die Funktionen dieses großen Kölner Waldgebiets Thema.
Bild: Burkhard Bunse
Eine Gemeinsamkeit der neuen Portale sind begehbare Luftbilder. Mithilfe weißer Tabletts, die man in den Strahlengang von Projektoren hält, kann man auf ihnen Informationen zu einzelnen Objekten einfangen. So erfährt man beispielsweise im Steinhaus bei Bergisch Gladbach, dass der Königsforst, jenes große Waldgebiet im Norden der Wahner Heide, ein wahres Kölner Multitalent ist: Staubfänger und Trinkwasserfilter, Klimaanlage, Naherholungs- und Naturschutzgebiet in einem. Aber der Königsforst hieße nicht "-forst", wenn er nicht auch der Holzproduktion und der Jagd diente. All diese Einzelfunktionen vertragen und ergänzen sich, wenn sie mit Weitsicht betrieben werden. Steinhaus ist zudem der richtige Ort, dies zu zeigen, denn das ehemalige klösterliche Hofgut ist seit 200 Jahren selbst Dienstsitz der Forstverwaltung.

Fluch und Segen des Militärs

Im Turmhof bei Rösrath geht es um "Dynamik", also um die Frage, welche Kräfte in der Landschaft der Heide wirken.<br />
<small>Bild: Inga Sprünken</small>
Im Turmhof bei Rösrath geht es um "Dynamik", also um die Frage, welche Kräfte in der Landschaft der Heide wirken.
Bild: Inga Sprünken
Während die Geschichte des Königsforstes durch herrschaftliche Jagdprivilegien geprägt war, wurde die Wahner Heide selbst fast 200 Jahre lang für militärische Übungen in Anspruch genommen. Mit der zunehmenden Reichweite der Artilleriegeschosse wuchs der Flächenbedarf des preußischen Schießplatzes mehrfach. Den Anwohnern und der Natur verlangte man seither schwere Opfer ab: Menschen und Höfe wurden umgesiedelt, Moore entwässert oder zugeschüttet, Dünen eingeebnet, und die Heide zwängte man in ein Korsett von Fernverkehrswegen. Manche Wunden scheinen heute vergessen oder vernarbt, andere verursachen der Natur jedoch chronische Schmerzen, wie der Verkehrsflughafen Köln-Bonn. Mit seinem Bau in den 1950er-Jahren begrub man im Zentrum des Naturschutzgebietes den Sandbach, die Kielsheide und die Hohnswiesen-Weiher.

Die "Geschichte(n)" der Heide werden in Burg Wissem (Troisdorf) spannend erzählt.<br />
<small>Bild: Stadt Troisdorf</small>
Die "Geschichte(n)" der Heide werden in Burg Wissem (Troisdorf) spannend erzählt.
Bild: Stadt Troisdorf
Umweltschützer und Anwohner, die seit Jahrzehnten für den Erhalt der Heide eintreten, sind sich dabei durchaus bewusst, dass der Flug- und Übungsbetrieb eine andere Nutzung der Heidelandschaft weitgehend ausschloss. Die malträtierte und amputierte Heide verdankt ihr Überleben also auch den NATO-Panzern. Widersprüche wie diesen versucht das Portal in Gut Leidenhausen unter der Überschrift "Kontraste" fassbar zu machen. Denn: Nach wie vor ist die Wahner Heide eines der größten und artenreichsten Naturschutzgebiete Nordrhein-Westfalens.

Sie halten jung: Wind, Wasser, Weidetiere

Wieso ist die Heide eigentlich so ein besonderes Ökosystem, und weshalb leben hier so viele Pflanzen und Tiere, die man anderswo vergeblich sucht? Im Portal Turmhof, einem ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb außerhalb von Rösrath, wird diese Frage beantwortet. Eine Ursache ist zweifellos der bewegliche Sandboden und seine Attraktivität für "Lückenbüßer". Ein großer Teil der Organismen in Heidelandschaften sind Arten mit kurzem Lebenszyklus. Als Erstbesiedler bringen sie neues Leben auf unbewachsenen Boden. Stabilisiert sich ein Standort, werden die Pioniere von einer langlebigen Konkurrenz abgelöst. Da der Sand aber hier und da von den Naturkräften Wind und Wasser wieder freigelegt wird, behalten die Pioniere ihre Planstellen. Auch weidende Tiere befördern die Artenvielfalt. Sie sorgen in der Heidevegetation für Licht, indem sie den Bewuchs kurz fressen, sie hinterlassen zudem durch den Tritt ihrer scharfkantigen Hufe auch offene Bodenstellen, und beiläufig verschleppen sie Pflanzensamen und sorgen mit ihrem Kot für die Umverteilung von Nährstoffen. Ohne weidende Tiere würden Sandmagerrasen und Zwergstrauchheiden, die auf ständige Verjüngung angewiesen sind, verschwinden – die halboffenen Dünen würden innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem dichten Wald.

Die erfolgreichen Beweidungsprojekte haben also die Existenzgrundlage für Nachtschwalbe und Neuntöter bewahrt. Für andere kommt der Einsatz von Schafen, Ziegen, Glanrindern, Eseln und neuerdings Wasserbüffeln zu spät. Birkhuhn und Brachpieper bleiben wohl für immer verschwunden.

Moggelnde Bleimöpse

Heiden sind in Mitteleuropa keine unberührte Natur, sondern alte Kulturlandschaften. Wenn sie nicht genutzt und Gehölze nicht regelmäßig entfernt werden, bewalden sie sich wieder. ...<br />
<small>Bild: Günter Matzke-Hajek</small>
Heiden sind in Mitteleuropa keine unberührte Natur, sondern alte Kulturlandschaften. Wenn sie nicht genutzt und Gehölze nicht regelmäßig entfernt werden, bewalden sie sich wieder. ...
Bild: Günter Matzke-Hajek
Verschwunden ist im Lauf des 20. Jahrhunderts auch mancher historische Erwerbszweig. Die Heide lieferte Brennholz und Torf für die Hausfeuerungen, Ginster- und Birkenreisig für Besenbinder, Weidenruten für Korbflechter, und sie ernährte Imker, Köhler, Töpfer, Hirten und Vogelfänger. Die meisten Anlieger arbeiteten in der Landwirtschaft oder in den lokalen Gewerbebetrieben wie Ziegeleien und Töpfereien, in Quarzsandgruben und Alaunhütten sowie in Webereien und in der Sprengstoffindustrie.
... Wie in früheren Jahrhunderten lässt man deshalb Schafe, Ziegen und Rinder, neuerdings auch Esel und Wasserbüffel an geeigneten Stellen weiden.<br />
<small>Bild: Günter Matzke-Hajek</small>
... Wie in früheren Jahrhunderten lässt man deshalb Schafe, Ziegen und Rinder, neuerdings auch Esel und Wasserbüffel an geeigneten Stellen weiden.
Bild: Günter Matzke-Hajek
Solche Geschichte(n) präsentiert das vierte Portal in Burg Wissem. Da es räumlich mit dem Troisdorfer Museum für Stadt- und Industriegeschichte verbunden ist, lag dieses Thema nahe. Nicht zuletzt erfahren die Besucher dort, was es mit einer besonderen Form des Altmetall-Recyclings auf sich hat, lange bevor dieser Begriff in den deutschen Wortschatz rückte: "Bleimöpse" nannten sich schon im 19. Jahrhundert jene bettelarmen Anwohner, die auf dem Schießplatz mit oder ohne Duldung der Militärs "moggelten", das heißt verschossene Munition suchten. Um die Herkunft ihrer gemopsten Funde beim Verkauf in Köln nicht zu verraten, schmolzen sie die Projektile vorher ein.
Stille Post vor 180 Jahren

 
 
1832 wurde zwischen Berlin und Koblenz eine "optische Telegrafenlinie" eingerichtet. Sie bestand aus 61 exponierten Holztürmen, die in Fernrohr-Sichtweite, also circa zehn Kilometer, voneinander entfernt standen. Auch der 134 Meter hohe Rotterberg in der Wahner Heide wurde seinerzeit zum Telegrafenberg. Jeder Turm trug einen Mast mit sechs verstellbaren Armen. Die Kombination der Winkelstellungen erlaubte mehrere Tausend unterschiedliche Botschaften. Nur 30 Minuten soll die Übertragung einer Nachricht über die 600 Kilometer lange Strecke gedauert haben, vorausgesetzt, die Telegrafisten waren auf Zack und es herrschte gute Sicht. Die elektrische Telegrafie machte die Kette bereits 1851 überflüssig. In der Folgezeit diente das Haus neben dem Turm als Dienstwohnung eines Försters und als Gastwirtschaft. Noch heute heißt das Ausflugslokal bei Troisdorf-Spich deshalb "Forsthaus Telegraph".

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


Kommentare

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31.10.2016, Hans Lenz

zwei Dinosaurier stehen sich gegenüber

Bild: Dinosaurier



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Die NRW-Stiftung förderte die Ausstattung der vier neuen Portale zur Wahner Heide. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen informieren sie an den Zugängen zu dem Naturschutzgebiet in Bergisch Gladbach, Rösrath, Troisdorf und im Kölner Stadtteil Porz-Eil über Natur- und Kulturthemen der vielfältigen Heidelandschaft. Weitere Informationen unter:

www.wahnerheide-koenigsforst.de

Googlemap aufrufenwww.wahnerheide-koenigsforst.de

Die vier Besucherportale:

Besucher-Portal Gut Leidenhausen
Gut Leidenhausen 1
51147 Köln-Porz
Tel.: 0 22 03 / 35 76 51
www.gut-leidenhausen.de

Besucher-Portal Turmhof
Kammerbroich 67
51503 Rösrath
Tel.: 0 22 05 / 9 47 78 00
www.turmhof.net

Besucher-Portal Steinhaus
Steinhaus 1
51429 Bergisch Gladbach
Tel.: 0 22 04 / 83 07 20
www.wahnerheide-koenigsforst.de

Besucher-Portal Burg Wissem
Burgallee 1
53840 Troisdorf
Tel.: 0 22 41 / 90 04 25
www.wahnerheide-burgwissem.de

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