DAS ADSCHEIDER TAL BEI HENNEF

FREIFLUG ZUM QUELLBACH

Rückwärtsgang und Vollgas – zum Ablegen ihrer Eier rammt die Quelljungfer ihren Hinterleib immer wieder in den Boden des Quellbachs.<br />
<small>Bild: waldschrat-online.de/H.–Willi Wünsch</small>
Rückwärtsgang und Vollgas – zum Ablegen ihrer Eier rammt die Quelljungfer ihren Hinterleib immer wieder in den Boden des Quellbachs.
Bild: waldschrat-online.de/H.–Willi Wünsch
Der Wald an den Hängen des Adscheider Bachtals ist stellenweise licht und parkartig.<br />
<small>Bild: Barbara Bouillon</small>
Der Wald an den Hängen des Adscheider Bachtals ist stellenweise licht und parkartig.
Bild: Barbara Bouillon
Libellen sind wahre Flugkünstler. Kavalierstarts und abrupte Richtungswechsel, Schwirrflug auf der Stelle, ja sogar rückwärts fliegen - all das gehört für die großen Insekten zum Einmaleins des Manövrierens. Scheitern können sie dagegen an gang banalen Hindernissen, zum Beispiel wenn mitten in "ihrem" Tal eine dichte, dunkelgrüne Wand aus standortfremden Fichten den Flugweg zu einem Quellbach versperrt. Am Beispiel der Zweigestreiften Quelljungfer im Adscheider Tal wird deutlich, wie sehr Wohl und Wehe mancher Organismen von einem intakten Lebensraum abhängen.

Wanderer, die in letzter Zeit das Adscheider Bachtal unweit von Stadt Blankenberg besuchten, dürften sich gewundert haben: Wieso werden ausgerechnet in die-sem idyllischen Seitentälchen der Sieg gesunde Bäume gefällt? Kann der Einsatz von Motorsäge und Vollernter mitten in einem Schutzgebiet überhaupt erlaubt und sinnvoll sein? Er kann. Als im Jahr 1995 die Nebenbäche der Sieg bei Hennef Teil des europaweiten Schutzgebietssystems "Natura 2000" wurden, erkannten Fachleute zugleich, dass die standortfremden Fichten und Douglasien beseitigt werden müssten, wenn man die gebietstypischen Lebensgemeinschaften fördern wollte.

Barrierefreie Natur

Sumpfdotterblume... <br />
<small>Bild: Günter Matzke-Hajek</small>
Sumpfdotterblume...
Bild: Günter Matzke-Hajek
... und Kuckucks-Lichtnelke sind in den Feuchtwiesen nicht zu übersehen, ...<br />
<small>Bild: Günter Matzke-Hajek</small>
... und Kuckucks-Lichtnelke sind in den Feuchtwiesen nicht zu übersehen, ...
Bild: Günter Matzke-Hajek
Quelljungfern sind anspruchsvolle Insekten. Sie mögen nur saubere, nicht zu schnell fließende Bäche mit intakten Quellen. Trotz ihrer Größe und der Färbung einer Warnbake sind die wendigen Flieger nicht leicht zu beobachten. Im Licht und Schatten der Auengehölze verschmilzt das schwarz-gelbe Streifenmuster der ruhig sitzenden Libelle vollkommen mit der Umgebung, und im Flug ist das pfeilschnelle Insekt kaum mehr als ein schlanker halbtransparenter Schatten. Obendrein trifft man das Tier nicht immer im Zentrum eines Bachtales, denn es wechselt zwischen den Teillebensräumen des Biotops wie ein Hausbewohner zwischen Küche, Wohn- und Kinderzimmer. So begeben sich die Quelljungfern zum Jagen gern über offene Lichtungen oder Waldwie-sen. Die können auch gern ein paar Hundert Meter entfernt liegen. Paarungswillige Libellen begegnen sich dagegen nur in Bachnähe, denn dort gehen die Männchen im langsamen Suchflug auf Brautschau. Nach der Hochzeit müssen die Weibchen in einen weiteren Raum wechseln. Sie erkunden dann die Quellbereiche, um an geeigneten Stellen ihre Eier zu platzieren. Ein dunkler Fichtenriegel auf einem dieser Wege kann leicht die gleiche Wirkung haben wie eine abgeschlossene Tür, zu der man keinen Schlüssel besitzt.

Wertvolle Vielfalt

... während Feuersalamander meist verborgen leben und einem am ehesten bei Regenwetter begegnen.<br />
<small>Bild: Günter Matzke-Hajek</small>
... während Feuersalamander meist verborgen leben und einem am ehesten bei Regenwetter begegnen.
Bild: Günter Matzke-Hajek
Der Barriere-Effekt dichter Nadelholzparzellen ist aber nur ein Manko für die Lebensgemeinschaften der Bachtäler. Im Dauerschatten der Koniferen verarmt die Krautschicht, und für die Bewohner der unteren Etagen in der Nahrungspyramide ist die harzige Nadel-streu eine nur schwer verdauliche Kost. Im abwechslungsreichen Talzug des Adscheider Baches ist die Zweigestreifte Quelljungfer deshalb nur eines von vielen Lebewesen, dem die Beseitigung der Nadelbäume zugutekommt. Angepflanzt hatte man die schnell wachsenden Fichten, als sich die Landwirtschaft vor Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Tal zurückzuziehen begann. Das Grünland im Talgrund war nur umständlich zu erreichen und schlecht zu befahren. Der unbefestigte Bach mit Abbrüchen und Treibgut war eher Hindernis als Leitlinie. Die uneinheitliche Vegetation aus Feuchtwiesen, Binsenbeständen, HHochstaudenfluren und lockeren Erlen-Eschen-Galerien war schwer zu bewirtschaften. Aber gerade dieser kleinräumige Wechsel macht das Gebiet heute aus Sicht des Naturschutzes so reiz- und wertvoll.
Eine Jungfer mit viel Geduld

Bis zu vier Stunden dauert das Schlüpfen aus der Larvenhülle, anschließend müssen die Flügel noch aushärten.<br />
<small>Bild: waldschrat-online.de/Heide Gospodinova</small>
Bis zu vier Stunden dauert das Schlüpfen aus der Larvenhülle, anschließend müssen die Flügel noch aushärten.
Bild: waldschrat-online.de/Heide Gospodinova
Verglichen mit der Lebensdauer vieler ihrer Beutetiere wie Mücken, Schnaken und Kleinschmetterlinge schwirren die Quelljungfern recht lange durch die Sommerluft: Knapp drei Monate, etwa von Juli bis September, dauert ihr Dasein als Fluginsekten. Doch diese Zeitspanne macht nur ein Zwanzigstel ihrer gesamten Lebenszeit aus! Denn bevor sie ihre zu eng gewordene Larvenhaut abstreifen und erstmals ihre Flügel entfalten, leben die Quelljungfern mindestens fünf, manchmal sogar sechs oder sieben Jahre im Bodensediment der Quellbäche.
Die Rinnsale sind oft so arm an Beute-Organismen, dass die Larven eine extrem "langweilige" Kindheit und Jugend haben. Und wie gehen die Libellenweibchen vor, wenn sie ihre Eier ausgerechnet an solch unkomfortablen Stellen hinterlassen? Ihre Technik ist ziemlich einzigartig: Aus der Luft rückwärts mit "Vollgas" beschleunigend stoßen sie ihren schlanken Hinterleib senkrecht ins flache Bachbett und beimpfen den überrie-selten Boden so mit einzelnen Eiern. Die buchstäblich rücksichtslosen Manöver führen denn auch fast immer zu Kratzern und Beulen am Hinterleib.

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


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Die NRW-Stiftung erwarb im "Naturschutzgebiet Ahrenbachtal und Adscheider Tal" Grundeigentum, um es dauerhaft für den Naturschutz zu sichern und für gefährdete Lebensgemeinschaften aufzuwerten. Das Gebiet wird von der Unteren Landschaftsbehörde und der Biologischen Station des Rhein-Sieg-Kreises betreut. Es ist zugleich Teil des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000.

Googlemap aufrufenDas Adscheider Tal liegt bei Hennef zwischen den Ortsteilen Stadt Blankenberg, Adscheid und Bierth.

Adscheider Weg
53773 Hennef (Ortsteil Adscheid)

Biologische Station Rhein-Sieg-Kreis
www.biostation-rhein-sieg.de/

Untere Landschaftsbehörde Rhein-Sieg-Kreis
www.rhein-sieg-kreis.de

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