MAGERWEIDEN BEI BAD BERLEBURG

BLÜTENLESE IM WITTGENSTEINER LAND

Die Blütezeit des Breitblättrigen Knabenkrauts (Dactylorhiza majalis) – hier zusammen mit Spitzwegerich – beginnt im Mai.<br />
<small>Bild: Ursula Siebel</small>
Die Blütezeit des Breitblättrigen Knabenkrauts (Dactylorhiza majalis) – hier zusammen mit Spitzwegerich – beginnt im Mai.
Bild: Ursula Siebel
Wer schon einmal auf dem europäischen Fernwanderweg E1 das Siegerland durchquert hat, der ist auch am "Stünzel" vorbeigekommen. Auf einem Hochplateau zwischen Bad Berleburg und Laasphe gelegen, ist das Örtchen im weiten Umkreis für seinen traditionsreichen Viehmarkt bekannt, der alljährlich mehrere Tausend Gäste anlockt. Zum benachbarten Naturschutzgebiet finden glücklicherweise deutlich weniger Besucher. Die "Buchenwälder und Wiesentäler bei Stünzel" - so der offizielle Name - würden einen solchen Ansturm auch nicht vertragen.

Über den Wiesen rund um Stünzel ist der Rotmilan ein regelmäßiger Gast. Beim langsamen Succhflug steuert er mit dem tief gegabelten Schwanz.<br />
<small>Bild: Frank Grawe</small>
Über den Wiesen rund um Stünzel ist der Rotmilan ein regelmäßiger Gast. Beim langsamen Succhflug steuert er mit dem tief gegabelten Schwanz.
Bild: Frank Grawe
In dem fast 480 Hektar großen Naturschutzgebiet hat die NRW-Stiftung einige besonders schöne Teilflächen erworben, damit das Gebiet bei einer natur-verträglichen Bewirtschaftung dauerhaft einen geeigneten Lebensraum für gefährdete Tiere und Pflanzen bietet. Manche Weideflächen in den Hochlagen des Wittgensteiner Landes verdanken ihre Eigenart der althergebrachten extensiven Nutzung. Genau genommen waren es der Mangel an Dünger und die Weidetiere, die mit ihrer Vorliebe für bestimmte Pflanzen die Landschaft prägten. Wo sie nach schmackhaften Gräsern und Kräutern suchen und unergiebig, bittere oder harte Pflanzen schonten, entwickelten sich im rauen Berglandklima charakteristische Borstgrasrasen. In solchen Magerweiden, zum Beispiel am "Drehbach" westlich von Stünzel, kommen noch heute Arnika, Wald-Läusekraut und Kreuzblümchen vor.

Artenvielfalt durch Verzicht auf Düngung

Damit solche Besonderheiten nicht aus unserer Landschaft verschwinden, vereinbart Ursula Siebel von der Biologischen Station des Kreises Siegen-Wittgenstein mit den örtlichen Landwirten eine späte Mahd oder schonende Beweidung der Flurstücke: "Statt einer ganzen Herde stehen hier höchstens zwei Rinder oder Pferde auf einem Hektar, mehr Tiere würden auf so einem Magerrasen auch gar nicht satt", erläutert sie. Nicht zu düngen bedeutet für die Landwirte zwar einen Verzicht auf Mehrertrag, aber genau diese Diffe-renz bekommen sie aus dem Kulturlandschaftsprogramm des Landes ersetzt. Würden die Flächen überhaupt nicht mehr beweidet, wäre die Folge, dass Arnika und Co. verschwänden, denn bald schon würden sich konkurrenzkräftigere Horstgräser, Stauden und Weidengebüsche ausbreiten. Die Biologin Siebel bringt es auf den Punkt: "Wer den Artenreichtum bewahrt, hat einen Bonus verdient."Ein zweiter Bereich bunter Wiesen und Weiden erstreckt sich, gegliedert von schmalen Ginsterhecken, entlang einer Quellmulde östlich des Ortes. Am Rande der freundlich anmutenden Landschaft hält ein alter verwitterter Gedenkstein die Erinnerung an ein ungesühntes Verbrechen wach. Im März 1678 wurde hier der Fuhrmann Georg Ludwig von einem Räuber erschossen, als er sein prächtiges Pferd nicht freiwillig herausgeben wollte.

Ein reich gedeckter Tisch

Arnika ...<br />
<small>Bild: Peter Fasel</small>
Arnika ...
Bild: Peter Fasel
Der vielfältge Pflanzenwuchs bedingt eine erstaunlich reiche Insektenfauna. Bei windstillem, sonnigem Wetter geben sich an den Blüten von Hornklee, Sumpf-Kratzdistel und Flockenblumen die unterschiedlichsten Schmetterlinge ein Stelldichein: Hauhechel-Bläuling und Kleiner Feuerfalter, Schornsteinfeger, Schachbrett und Ochsenauge sind nur einige von ihnen. Das reiche Angebot an Kerbtieren wiederum garantiert den Insektenfressern unter den Vögeln einen gedeckten Tisch. Wiesenpieper und Braunkehlchen kennen zudem die Stellen, an denen ihre Nester vor den Hufen der Weidetiere sicher sind – gerne brüten sie gut versteckt unter einem Gräserbult oder am Fuß eines Weidezauns.
... und Waldeidechse kommen mit dem rauen Berglandklima gut zurecht,  solange sie hin und wieder Sonne tanken können.<br />
<small>Bild: Frank Grawe</small>
... und Waldeidechse kommen mit dem rauen Berglandklima gut zurecht, solange sie hin und wieder Sonne tanken können.
Bild: Frank Grawe
Selbst in den Wiesen droht ihnen wenig Gefahr, denn gemäht wird hier oben erst im Juli, und da ist der Nachwuchs bereits flügge. Den Mahdtermin scheint auch ein Greifvogel genau zu kennen: der Rotmilan. Der große elegante Segler ist zuverlässig zur Stelle, wenn der Trecker anrückt. Dann werden dem Milan Käfer, Regenwürmer oder Mäuse wie auf dem Präsentierteller serviert. Nicht selten schaukelt er im Suchflug nur wenige Meter hinter dem Mähwerk her, um sich verletzte Kleintiere ja nicht entgehen zu lassen.
Versteckspiel am Mädesüß

<small>Bild: Piclease</small>
Bild: Piclease
Eine ganze Reihe von Tagschmetterlingen besitzt auf der Unterseite ihrer Hinterfügel scharf begrenzte, silbrig-weiße Flecken, sie werden deshalb im Deutschen "Perlmutterfalter" genannt. Nur beim Mädesüß-Perlmutterfalter sind diese Flecken eher violett als silbern.
In früheren Zeiten war die Art im Süderbergland eine Rarität, weil Feuchtwiesen und Bachböschungen mit der namengebenden Futterpflanze meist vollständig gemäht wurden. Seitdem Hochstaudenfluren mit Mädesüß entlang von Gräben und Bächen vielerorts zur Entwicklung kommen, ist die Art häufiger geworden, auch in den Feuchtwiesen bei Stünzel.Bei der Wahl seiner Kinderstube ließ sich der Mädesüß-Perlmutterfalter übrigens lange Zeit nicht in die Karten schauen. Selbst geduldige Schmetterlingskundler konnten bis vor 30 Jahren nicht sagen, wo und wie die Weibchen ihre Eier ablegten. Des Rätsels Lösung: Die Falterdamen tasten mit ihrem Körper die Oberseiten von Mädesüßblättern gezielt nach den Fraßlöchern ab, die andere Insekten, zum Beispiel Blattkäfer, dort hinterlassen haben. Durch diese Öffnungen schieben sie anschließend ihre Hinterleibsspitze und heften ihre hell gefärbten Eier einzeln auf den weißlichen Filz der Blattunterseiten. Dort sind sie kaum zu entdecken.
Genauso rätselhaft war bis in die jüngste Zeit, in welchem Entwicklungsstadium das Tier den Winter überdauert. Mittlerweile ist klar, dass es die allerersten Larvenstadien sind. Allerdings verharren sie so lange in ihrer Eihülle, bis im Frühjahr ihre Nahrungspflanzen austreiben. Erst wenn die Vegetationszeit beginnt, sprengen die winzigen Räupchen ihre Eihülle und setzen ihren Entwicklungszyklus fort.

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


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*BILD6*Im Naturschutzgebiet "Buchenwälder und Wiesentäler bei Stünzel" (Kreis Siegen-Wittgenstein) besitzt die NRW-Stiftung mehrere artenreiche Grünland-Parzellen, die nach den Vorgaben des Naturschutzes und der Landschaftspflege bewirtschaftet werden. Die Betreuung erfolgt über die Biologische Station Siegen Wittgenstein.

www.biologische-station-siegen-wittgenstein.de

Googlemap aufrufenDer Ort Stünzel mit seinen 70 Einwohnern liegt etwa zehn Kilometer vom Zentrum Bad Berleburgs in 600 Meter Meereshöhe.

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