DAS METZGERAMTSHAUS IN LIPPSTADT

ZÜNFTIGE GESCHICHTEN

Im Metzgeramtshaus treffen sich Nachfahren und Verwandte alter Zunftfamilien.<br />
<small>Bild: Lippstädter Metzgeramt e. V.</small>
Im Metzgeramtshaus treffen sich Nachfahren und Verwandte alter Zunftfamilien.
Bild: Lippstädter Metzgeramt e. V.
Amtsräume sind keine Wohnzimmer und amtliche Handlungen keine Familienfeiern. Trotzdem gibt es Amtsstuben, die nicht für Behörden und Beamten bestimmt sind, sondern für das gesellige Beisammensein von Brüdern - Amtsbrüdern, wie sie sich selbst nennen. Wer den Traditionen nachspüren möchte, die dahinterstecken, findet im westfälischen Lippstadt einzigartiges Anschauungsmaterial. Denn in der einstigen Hansestadt erzählt ein über 300 Jahre altes Amtshaus buchstäblich zukünftige Geschichten. Handwerker spielen darin ebenso eine Rolle wie Feuerspritzen und dunkle Gassen. Das Wichtigste aber: Historische Bräuche müssen im Lippstädter Metzgeramtshaus nicht mühsam wieder zum Blühen gebracht werden. Sie sind hier nie verwelkt.

Ein prächtiges Traditionsfenster aus dem 19. Jahrhundert führt die Namen der Amtsbrüder auf.<br />
<small>Bild: Stefan Ziese</small>
Ein prächtiges Traditionsfenster aus dem 19. Jahrhundert führt die Namen der Amtsbrüder auf.
Bild: Stefan Ziese
Dass die Handwerker des Mittelalters in Zünften organisiert waren, hat man schon in der Schule gelernt. Ergänzen darf man dabei dreierlei: Zum einen endete die Zeit der Zünfte nicht schon mit dem Mittelalter, also um 1500, sondern erst im 19. Jahrhundert. Zum andern unterlagen keineswegs alle Gewerbe dem Zunftzwang. Und zum Dritten war der Ausdruck Zunft gar nicht überall gebräuchlich. Je nach Region oder Stadt hießen zunftartige Zusammenschlüsse unter anderem auch Gilden, Ämter oder Bruderschaften, was zugleich den Begriff "Amtsbruder" erklärt.Gemeinsam hatten all diese Vereinigungen, dass sie für handwerkliche Qualitätsstandards sorgten und sich für ihre Mitglieder einsetzten, indem sie Konkurrenten fernhielten und wohltätige Aktivitäten etwa zum Nutzen von Arbeitsunfähigen oder Witwen entfalteten. Anders als moderne Handwerkskammern nahmen die Zünfte außerdem erheblichen Einfluss auf das religiöse und gesellige Leben der Beteiligten, die zum Beispiel verpflichtet waren, an gemeinsamen Prozessionen, Messen oder Leichenbegängnissen teilzunehmen. Den Mittelpunkt des Korporationslebens bildeten in der Regel Zunftstuben oder Zunfthäuser beziehungsweise Amtsstuben oder Amtshäuser, in denen man sich versammelte, Rechnung legte und über neue Mitgliederentschied. Nicht zuletzt wurde hier ausgiebig gefeiert, denn Festmähler und Trinkgelage stärkten den Gemeinschaftssinn.

Feuer und Schlangenspritze

Die geöffnete Amtslade zeigt an: Zusammenkunft und gemeinsames Trinken finden unter Bewahrung alter Zunft-Traditionen statt.<br />
<small>Bild: Stefan Ziese</small>
Die geöffnete Amtslade zeigt an: Zusammenkunft und gemeinsames Trinken finden unter Bewahrung alter Zunft-Traditionen statt.
Bild: Stefan Ziese
Eine im wahrsten Sinne des Wortes zünftige Bruderschaft war auch das seit über 500 Jahren fassbare Amt der Lippstädter Fleischhauer, das heißt Metzger. Die tiefe Verankerung dieses Amtes in der städtischen Gesellschaft äußerte sich unter anderem darin, dass es 1746 eine "Schlangensprütze" zur Brandbekämpfung anschaffte, das heißt eine Feuerspritze mit langem Lederschlauch. Über 150 Jahre lang beteiligte sich das Metzgeramt von da an entscheidend an der Brandvorsorge in Lippstadt. Die Fleischhauer waren allerdings auch selbst gebrannte Kinder: 1656 war ihr eigenes Amtshaus bei einer verhee-renden Feuerkatastrophe in Flammen aufgegangen und erst drei Jahre später in den heutigen Formen wieder aufgebaut worden.

Als sich im 19. Jahrhundert das von Frankreich her kommende Prinzip der Gewerbefreiheit in Deutschland durchzusetzen begann, bedeutete das 1810 für die Lippstädter Zünfte das Ende. Nur das Metzgeramt umging die ihm unter französischer Herrschaft drohende Auflösung und Enteignung: Das Amtshaus wurde rechtzeitig zum Schein an einen Zunftgenossen verkauft, insgeheim aber beschlossen, die Bruderschaft weiterzuführen, "wie sie sonst gewesen". Gebühren aus dem Zunftzwang wurden fortan freiwillig gezahlt. Erst als es 1886 – elf Jahre vor der Einführung der Handwerkskammern im Deutschen Reich – zur Gründung der "Freien Fleischerinnung zu Lippstadt" kam, wandelte sich das Metzgeramt zu einem reinen Traditionsverband eingesessener Familien.

Sitzen nach der Ordnung

Über alle historischen Umbrüche hinweg haben sich im Lippstädter Metzgeramt bis heute uralte Rituale erhalten. Immer noch finden im Stammsitz regelmäßig Versammlungen statt – genannt zum Beispiel Amtsmorgensprachen. Mit den Worten "setzt Euch nach der Ordnung" begrüßt der "regierende Richtmann" dabei die Amtsbrüder, die vom "Schenke" – dem Laufburschen – zuvor durch persönliches Vorsprechen eingeladen werden müssen. Einmal jährlich wird außerdem das traditionelle Lukasmahl veranstaltet, ein Festschmaus, zu dem jedes Mitglied einen Gast mitbringen darf. Weiblich darf Letzterer übrigens nicht sein, schließlich gibt es der Tradition folgend auch keine "Amtsschwestern". Trotzdem wird dem 21. Jahrhundert im Amtshaus nicht grundsätzlich die Tür vor der Nase zu-geschlagen – seine Räume wurden auch schon für Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag zur Verfügung gestellt.
Die Gasse durchs Haus

Das Lippstädter Metzgeramtshaus mit der "Dunklen Halle" – dem Durchgang, der früher zu einer Gasse gehörte. Das gesamte Gebäude ist ein dreiteiliger Fachwerkkomplex<br />
<small>Bild: Lippstädter Metzgeramt e. V.</small>
Das Lippstädter Metzgeramtshaus mit der "Dunklen Halle" – dem Durchgang, der früher zu einer Gasse gehörte. Das gesamte Gebäude ist ein dreiteiliger Fachwerkkomplex
Bild: Lippstädter Metzgeramt e. V.
Das Lippstädter Metzgeramtshaus gilt bundesweit als einziges Gebäude seiner Art, das der direkten Rechtsnachfolgerin einer historischen Zunft gehört. Das Erdgeschoss, wo sich früher Ställe und Schlachtvorrichtungen befanden, ist heute vermietet, die Räume im Obergeschoss hingegen bewahren den Charakter des Zunfthauses. Der sogenannte Amtssaal mit seinen Wappenfenstern aus dem 17. Jahrhundert dient dabei noch immer für die Feierlichkeiten der Gemeinschaft, wohingegen in der kleineren "Amtsstube", die sich in einem südlich Anbau befindet, Sitzungen nach überliefertem Muster stattfinden. Wandgemälde von 1911 sorgen hier für eine historistische Raumgestaltung, während Verglasungen aus dem späten 19. Jahrhundert die Mitglieder des Metzgeramtes namentlich auflisten. Bei Stadtführungen steht das Gebäude auch für Besichtigungen offen. Eine Besonderheit ist der Durchgang durch das Amtshaus – er war früher Teil der "Dunklen Halle", einer besonders dicht bebauten, engen und lichtlosen Gasse.

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


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Die NRW-Stiftung unterstützt den Förderverein Metzgeramtshaus e. V. in Lippstadt beim Erhalt der Amtsstube im gleichnamigen Denkmal. Das Gebäude hat aus Sicht der Denkmalpfleger eine hohe Bedeutung für die Stadtgeschichte. Neben einem bereits zugesagten Sockel-Förderbetrag wird die NRW-Stiftung jeden weiteren Euro, der für den Zweck gespendet wird, bis zu einer Summe von maximal 30.000 Euro verdoppeln.

Googlemap aufrufenDas Gebäude steht der Öffentlichkeit über Stadtführungen offen und befindet sich stadtbildprägend im Zentrum der historischen Altstadt Lippstadts.

Metzgeramtshaus Lipppstadt
Poststraße 24
59555 Lippstadt
www.lippstadt.de

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