VERBREITUNGSATLAS DER BRUTVÖGEL IN NRW

... UND DIE GANZE VOGELSCHAR

Mindestens 6.000 Paare der Schafstelze brüten heute wieder in NRW.<br />
<small>Bild: Frank Grawe</small>
Mindestens 6.000 Paare der Schafstelze brüten heute wieder in NRW.
Bild: Frank Grawe
Was kommt dabei heraus, wenn 700 nordrhein-westfälische Ehrenamtliche insgesamt 46.000 Stunden durchs Land pirschen und von März bis Juni jeden Vogel registrieren, der ihnen vors Fernglas kommt? Antwort: ein großformatiger, 480 Seiten dicker Atlas der Brutvögel unseres Bundeslandes. Die Ornithologen zwischen Rhein und Weser haben eine Momentaufnahme von beeindruckender Qualität vorgelegt. Das Buch zeigt exakt, wo welche Vogelarten in welcher Anzahl brüten. Zusätzlich macht es Aussagen über die Trends der vergangenen Jahrzehnte und benennt Ursachen, die zum Verschwinden oder Zunehmen einzelner Arten führen.

"Die Rieselfelder Münster" sind ein besonders attraktiver Brutplatz für Sumpf- und Wasservögel.<br />
<small>Bild: Biologische Station Rieselfelder Münster/Thomas Kepp</small>
"Die Rieselfelder Münster" sind ein besonders attraktiver Brutplatz für Sumpf- und Wasservögel.
Bild: Biologische Station Rieselfelder Münster/Thomas Kepp
Für die häufigsten Vögel konzentrierten die Beobachter sich dabei auf zahlreiche kleine Landschaftsausschnitte, die über das ganze Land verteilt waren. Verbreitung und Gesamtzahlen ließen sich durch das Hochrechnen dieser repräsentativen Stichprobe zuverlässig schätzen. Am unteren Ende der Häufigkeitsskala versuchten die Vogelkenner hingegen, möglichst jedes einzelne Exemplar dieser Raritäten zu registrieren. Nur so können die besonders bedrohten Arten gezielt geschützt werden. Kurioserweise ist jetzt jeder einzelne Wanderfalke und jede Schwarzkopfmöwe im Land persönlich bekannt, während für popu-läre Stadtvögel wie Haussperling oder Mauersegler nur grobe Spannen angegeben sind. "Wir können natürlich nicht an jeder Haustür klingeln und fragen, ob wir den Hinterhof inspizieren dürfen", erläutert Josef Knoblauch aus Olpe. Er ist einer der lokalen Ehrenamtlichen, die am Atlas mitgearbeitet haben: "Beim Mauersegler kommt hinzu, dass die Elternvögel, wenn es kühl und bedeckt ist, manchmal tagelang wegbleiben. Trotzdem können die Nester besetzt sein, da muss man dann bei schönem Wetter noch mal hin."

Landesweite Rasterfahndung

Ohne Fernglas oder Spektiv lassen sich  störungsempfindliche Vögel nicht erfassen.<br />
<small>Bild: Werner Stapelfeldt</small>
Ohne Fernglas oder Spektiv lassen sich störungsempfindliche Vögel nicht erfassen.
Bild: Werner Stapelfeldt
Um die Vogelwelt von NRW möglichst flächendeckend zu erfassen, unterteilten die Kartierer das Land in quadratische Rasterfelder und führten in den Jahren 2005 – 2009 systematische Begehungen durch. Die Koordination und Auswertung übernahmen Fachleute der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft e. V. (NWO) und des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz.

Farbige Rasterkarten zeigen, wo die Arten brüten und wie häufig sie sind.
Farbige Rasterkarten zeigen, wo die Arten brüten und wie häufig sie sind.
Besonderes Augenmerk galt den mittelhäufigen Arten. Bei ihnen lässt der Vergleich mit der letzten "Volkszählung" die genauesten Rückschlüsse auf Landschaftsveränderungen zu. Wo Feldschwirl und Sumpfrohrsänger verschwinden, sind sehr wahrscheinlich Gräben geräumt und Brachestreifen zugunsten von Mais und Raps beseitigt wor-den. Und die zunehmende Ausbreitung mancher exotischen Gänse ist ein Zeichen für die Überdüngung von Teichen und Seen. Aber es gibt auch gute Nachrichten: Vormals rückläufige Arten wie Kolkrabe, Dorngrasmücke und Schafstelze befinden sich wieder im Aufwind.

Ausspähen und Abhorchen erwünscht

Der häufigste Vogel ist der Buchfink; ...<br />
<small>Bild: Michael Schmitz</small>
Der häufigste Vogel ist der Buchfink; ...
Bild: Michael Schmitz
Die beeindruckende Zahl von 700 ehrenamtlichen Kartierern zeigt, dass die Ornithologie ein weit verbreitetes Hobby ist. Auch Josef Knoblauch musste nicht zur Mitarbeit überredet werden: "Vögel zu beobachten macht mir schon immer Freude, und wenn die Ergebnisse dann auch noch in so ein überregionales Projekt einfließen, macht es doppelt Sinn." Die Begeisterung für die Vögel reicht als Qualifikation allerdings nicht. Die Kartierer müssen sowohl Aussehen und Verhalten der heimischen Vögel kennen als auch sicher einschätzen können, wo ein Vogel sein Revier hat. Dafür sollte man mit den typischen Rufen und Gesängen vertraut sein.
... Nilgänse  brüten erst seit 1986 bei uns.<br />
<small>Bild: Frank Grawe</small>
... Nilgänse brüten erst seit 1986 bei uns.
Bild: Frank Grawe
Denn nicht wenige Vögel verraten nur akustisch, dass sie nicht Durchreisende, sondern Anwohner sind. Außerdem ist es mit einer Begehung im Frühjahr nicht getan. Arten wie die Misteldrossel singen schon im Vorfrühling. Andere, wie Wachtelkönig oder Sumpfrohrsänger, kommen erst drei Monate später aus dem Winterquartier zurück. Nur wer von Ende Februar bis Ende Juni regelmäßig im Gelände ist, hat die Chance, die ganze Vogelschar zu erwischen.

Wer einen Vogel hat, ist drin ...

Vom Steinkauz gibt es zwischen 5.200 und 5.700 Paare in unserem Land. Die höchste Dichte erreicht er am Niederrhein. <br />
<small>Bild: Frank Grawe</small>
Vom Steinkauz gibt es zwischen 5.200 und 5.700 Paare in unserem Land. Die höchste Dichte erreicht er am Niederrhein.
Bild: Frank Grawe
Zur Finanzierung des Projekts konnten Spender der Redaktion ihren Lieblingsvogel mitteilen. Im Gegenzug wurden sie im Atlas bei "ihren" Arten namentlich genannt. Bei beliebten Vögeln wie Steinkauz und Rotkehlchen standen die Paten Schlange, aber auch Kulturfolger wie Haussperling und Weißstorch haben überdurchschnittlich viele Fans. In der Onlineversion des Atlas kann man sich mit einer Spende auch weiterhin registrieren lassen und angeben, was einen mit dem Lieblingsvogel verbindet. "Ich bin Patin der Krickente, weil das in Anbetracht meines Namens ein Muss ist", schreibt Bianca Kricke aus Essen. Der Schützling von Karl-Heinz Diez aus Duisburg dagegen hat eher Vorbildfunktion: "Ich bin Pate des Waldkauzes, weil man als Natur schützer einen genauso dicken Kopf haben muss."
Wussten Sie schon, ...

.. dass sich in NRW Jahr für Jahr 180 verschiedene Vogelarten fortpflanzen? Weitere 14 Arten brüten nur sporadisch.
... dass Buchfink, Amsel und Kohlmeise unsere drei häufigsten Vögel sind?
Zusammen mit den sieben nächstplatzierten Arten Haussperling, Zilpzalp,
Rotkehlchen, Ringeltaube, Zaunkönig, Mönchsgrasmücke und Blaumeise machen
die Top 10 etwa 60 Prozent aller Brutvögel aus.
... dass in den letzten 50 – 150 Jahren über 55 Prozent der Arten bei uns dramatisch
zurückgegangen oder ausgestorben sind? Zu Letzteren gehören Birkhuhn, Wiedehopf
und Rotkopfwürger. Ein hoher Anteil dieser Verlierer lebte in Mooren und Heiden.
... dass fast jede zehnte unserer Vogelarten aus fernen Regionen der Welt stammt? Dazu gehören beispielsweise Kanadagans, Nilgans, Jagdfasan und Halsbandsittich. Daneben gibt es Neuankömmlinge aus Nachbarländern, so etwa Schnatterente, Kranich, Heringsmöwe und Orpheusspötter.

Stand der Angaben: Stifungsmagazin 1/2014


Kommentare

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Die NRW-Stiftung unterstützte die Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft bei der Erstellung des Verbreitungsatlasses.

Googlemap aufrufenDer Atlas ist im Buchhandel erhältlich.
(ISBN 978-3-940726-24-7, Preis: 24,90 EUR).
Eine Bestellung bei der Ornithologengesellschaft ist auch möglich.
Weitere Informationen sowie eine Online-Ausgabe des Atlasses: atlas.nrw-ornithologen.de

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