DAS LEPRAMUSEUM IN MÜNSTER

GOTTES KINDER VOR DEN TOREN DER STADT

Historische Lepraklapper, mit der die Aussätzigen sich bemerkbar machen mussten.<br />
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Bild: Henri Kugener
Historische Lepraklapper, mit der die Aussätzigen sich bemerkbar machen mussten.

Bild: Henri Kugener
Münster im Jahr 1628: Als der Barbier Jost Heerde, der seit einiger Zeit kränkelt und unter Hautveränderungen leidet, zum Stadtarzt geht, bestätigt sich ein schlimmer Verdacht – Lepra! Jost weiß, dass das den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutet, schließlich nennt man seine Krankheit nicht umsonst den "Aussatz". Nur wenn er es schafft, im Leprosenheim unterzukommen, wird ihm die völlige Verelendung erspart bleiben. Nach einer weiteren Untersuchung in der Nachbarstadt Hamm nimmt ihn das Heim auch tatsächlich auf, allerdings nur vorläufig, denn das letzte Wort haben die Leprabeschauer in Köln. Die jedoch halten Jost für gesund! Er muss zurück in sein Haus, wo sich sein Zustand rasch verschlechtert. Die Nachbarn meiden ihn, seiner Familie aber droht nun ebenfalls die Ansteckung.

Der "Klappermann" von Köln-Melaten begleitete die Kranken außerhalb ihres Bezirks.<br />
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Bild: Ralf J. Günther
Der "Klappermann" von Köln-Melaten begleitete die Kranken außerhalb ihres Bezirks.

Bild: Ralf J. Günther
Da Jost Heerde das Bürgerrecht in Münster besaß, stand ihm das Leprosenhaus vor der Stadt prinzipiell offen. Notwendig war allerdings eine anerkannte Einstufung als "melatisch", wie eine alte Form von "malade", also krank, lautete. Die Entscheidung wurde in Köln gefällt, wo einerseits die Universitätsmediziner, andererseits aber auch die Aussätzigen selber über Verdachtsfälle urteilten – Letztere, weil sie als Bewohner des größten Siechenheims in Deutschland erzwungenermaßen große Erfahrung mit der Lepra hatten. Dieses Siechenheim lag westlich der Stadt auf dem Gelände des jetzigen Kölner Zentralfriedhofs. Noch immer kann man auf dem "Melatenfriedhof", der heutzutage vor allem als Ruhestätte prominenter Persönlichkeiten wie Willy Millowitsch oder Dirk Bach bekannt ist, die Kapelle der einstigen Siechenanstalt besuchen.

Zwischen Leben und Tod

Es klingt makaber, dass sich in unmittelbarer Nähe zum Kölner Leprosenheim eine Richtstätte befand, die unter anderem durch Hexenverbrennungen traurige Berühmtheit erlangte. Doch hatte die Gesellschaft auch über die Aussätzigen ein Urteil gesprochen: Rechtlich gesehen zählte man sie zu den Verstorbenen. Zwar bildete das Melaten-Leprosorium eigentlich eine durchaus lebendige Ansiedlung mit Wohnhäusern, Scheunen und Ställen, ja sogar einem Wirtshaus. Der gesamte Komplex wurde aber durch eine Mauer von der Außenwelt abgeschlossen.
Das Lazarushäuschen in Kinderhaus. <br />
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Bild: Bernd Hegert
Das Lazarushäuschen in Kinderhaus.

Bild: Bernd Hegert
Das entsprach einer kirchlichen Bestimmung von 1179, die den Aussätzigen die Gemeinschaft mit den Gesunden untersagte, zugleich aber auf die Schaffung von Siechenanstalten drang, damit die Betroffenen nicht irgendwo dahinvegetieren mussten.

In NRW erinnern noch viele Stätten an das Schicksal der Aussätzigen. So findet man zum Beispiel in Essen-Rüttenscheid eine Siechenkapelle aus dem 15. Jahrhundert. Ähnlich wie der Kölner Melatenfriedhof erinnert überdies in Aachen das "Gut Melaten" an ein ehemaliges Leprosorium. Auch im Arnsberger "Seufzertal" mussten die Erkrankten früher ein mitunter recht langes Leben im Abseits führen. Denn anders als die Pest, deren Seuchenzüge in rasendem Tempo zahlreiche Opfer hinwegraffen können, tötet die Lepra nicht kurzfristig. Für die meisten Menschen ist sie sogar völlig ungefährlich. Aber auch die etwa fünf Prozent der Infizierten, die – manchmal erst Jahre oder Jahrzehnte nach der Ansteckung – tatsächlich erkranken, können danach noch lange leben.

Eine Moulage, ein Wachsmodell, das lepröse Hautveränderungen demonstriert. <br />
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Bild: Bernd Hegert
Eine Moulage, ein Wachsmodell, das lepröse Hautveränderungen demonstriert.

Bild: Bernd Hegert
Bricht die Lepra aus, überschwemmen bei manchen Verlaufsformen Billiarden (!) von Bakterien den Körper. Knotige Hautveränderungen entstellen dabei zusammen mit einem Einsinken der Nase die Gesichtszüge. Bei anderen Leprainfektionen, die zu Nervenentzündungen und Lähmungen führen, spüren die Betroffenen keine Verletzungen und Verbrennungen mehr und büßen dadurch oft Finger oder sogar ganze Gliedmaßen ein. Der Tod tritt meist erst durch Folgeerkrankungen ein, die der geschwächte Körper nicht mehr einzudämmen vermag.
Gliedmaßen gehen nicht direkt durch Lepraerreger (hier rot unter dem Mikroskop) verloren, sondern weil Verletzungen und Entzündungen nicht mehr wahrgenommen werden.<br />
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Bild: Bernd Hegert
Gliedmaßen gehen nicht direkt durch Lepraerreger (hier rot unter dem Mikroskop) verloren, sondern weil Verletzungen und Entzündungen nicht mehr wahrgenommen werden.

Bild: Bernd Hegert
Gegen den Lepraerreger, den der Norweger Gerhard Hansen 1873 erstmals isolierte, gibt es inzwischen sehr wirkungsvolle Arzneikombinationen. Immer noch infizieren sich aber weltweit Jahr für Jahr zweihunderttausend Menschen, vor allem in Entwicklungsländern. In Europa erreichte die Lepra im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Im 17. und 18. Jahrhundert begann sie bei uns aus nicht völlig geklärten Gründen allmählich zu verschwinden.

Die Kinder Gottes

Ein Schuh für krankheitsbedingt deformierte Füße.<br />
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Bild: Bernd Hegert
Ein Schuh für krankheitsbedingt deformierte Füße.

Bild: Bernd Hegert
Das Leprosenhaus bei Münster wurde erstmals im Jahr 1333 erwähnt. Sein Name ist heute auf einen ganzen Stadtteil übergegangen: Münster-Kinderhaus. Denn als "arme Kinder Gottes" wurden die Kranken früher oft bezeichnet. Das Haus, in dem sie lebten, wurde zwar 1840 abgerissen, aber auf dem umgebenden Gelände stößt man immer noch auf beeindruckende Spuren der Vergangenheit. So ist in einer Mauer die ehemalige Durchreiche zu erkennen, durch die Lebensmittelspenden in den Isolationsbereich gelangen konnten. Nur wenige Meter entfernt steht das dem Lepraschutzheiligen geweihte Lazarushäuschen. Mit Inschriften forderte es die Vorbeikommenden zu Geldspenden auf, die in den "Armenpost" geworfen werden konnten, einen eigens dafür vorgesehenen Sammelkasten. Dominiert wird das historische Ensemble am nördlichen Stadtrand Münsters von einem langgestreckten Fachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert, der damals allerdings nicht mehr als Leprosorium, sondern als Armenhaus genutzt wurde. In einem direkt anschließenden kleineren Gebäude, in dem früher die Dienstwohnung der Verwalter lag, hat seit 1986 das Museum der "Gesellschaft für Leprakunde" seinen Sitz. Texttafeln und Vitrinen konnten jüngst mithilfe der NRW-Stiftung neu gestaltet und durch ein Leitsystem besser erschlossen werden. Deutlich wird dabei, wie groß das Problem Lepra in Ländern wie etwa Nepal nach wie vor ist.

Risiko Gürteltier

Das Lepramuseum in Münster von außen.<br />
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Bild: Bernd Hegert
Das Lepramuseum in Münster von außen.

Bild: Bernd Hegert
Das Museum in Münster befasst sich mit der lokalen und der globalen Geschichte der Lepra, mit ihren Spiegelungen in der Kunst und mit medizinischen Aspekten. Man erfährt zum Beispiel, warum das Hantieren mit Klappern einst zu den Pflichten der Kranken gehörte, wie der Tagesablauf in einem Leprosorium aussah und dass Gürteltiere Lepra verbreiten können, ohne selbst Symptome zu entwickeln.
Dr. Ralf Klötzer, Vorsitzender der Gesellschaft für Leprakunde, und GfL-Vorstandsmitglied Petra Jahnke.<br />
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Bild: Bernd Hegert
Dr. Ralf Klötzer, Vorsitzender der Gesellschaft für Leprakunde, und GfL-Vorstandsmitglied Petra Jahnke.

Bild: Bernd Hegert
Keinesfalls darf man den Besuch im direkt benachbarten Kinderhauser Heimatmuseum versäumen – dort setzt sich die Lepraausstellung fort, zusätzlich enthält die reiche heimatgeschichtliche Sammlung weitere Exponate zum münsterschen Leprosorium. Natürlich hört man in Münster-Kinderhaus auch mehr über das Schicksal des eingangs erwähnten Barbiers Jost Heerde: Aufgrund seiner verzweifelten Eingaben an den Rat der Stadt Münster fand er schließlich doch noch dauerhafte Aufnahme im Leprosorium. Dort lebte er immerhin noch über zweieinhalb Jahrzehnte, bis er 1657 starb.
Die grosse Siechenbande

Die Siechenschau beurteilte, ob tatsächlich Aussatz vorlag.
Die Siechenschau beurteilte, ob tatsächlich Aussatz vorlag.
Krankheit als Tarnung – das war das kriminelle Konzept einer Bande, die von 1698 bis 1712 im Rheinland zahlreiche Raubmorde beging. Ihre Mitglieder benutzten Leprosenheime in Köln, Düsseldorf, Ratingen und anderswo als Rückzugsbastionen vor einer Justiz, die im Umfeld der gefährlichen Lepra offenbar ungern Ermittlungen anstellte. Erst die prahlsüchtigen Enkel des Bandenchefs, die sich mit den Untaten ihres Großvaters brüsteten, ließen die Räuber schließlich auffliegen. Im 18. Jahrhundert wurde die Lepra im Übrigen so selten, dass in vielen Siechenhäusern kaum noch wirkliche Kranke lebten. Stattdessen gab sich manch einer als aussätzig aus, nur um sich eine bequeme Versorgung zu sichern. Auch deswegen wurden schließlich die meisten Lepraanstalten endgültig aufgelöst.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2013/3


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Der Eintritt ist generell frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte die Gesellschaft für Leprakunde e. V. bei der Neugestaltung des Museums und seiner Außenanlagen. Das 1986 gegründete, ehrenamtlich organisierte Museum im Norden der Stadt Münster gilt als bundesweit einzigartig.

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Kinderhaus 15
Coermühle 100
48159 Münster
Tel.: 02 51 / 52 52 95
www.lepramuseum.de

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