BERGISCHES SCHULMUSEUM

LEHRER AUS LEIDENSCHAFT

Lernen zur Kaiserzeit: Disziplin mit dem Rohrstock
Lernen zur Kaiserzeit: Disziplin mit dem Rohrstock
Im steifen schwarzen Frack steht Lehrer Carl Cüppers hinter dem Pult. Tadelnd hebt er den Zeigefinger, die andere Hand hat den Rohrstock fest im Griff. Zu spät Kommen und ständiges Schwätzen duldet er nicht, gleich erwartet die Schüler ein Donnerwetter. Doch die Standpauke ist nur Spaß, der Schauplatz das Schulmuseum in Bergisch Gladbach.

Das Lehrerpult stand erhöht, um jeden Schabernack zu sehen.
Das Lehrerpult stand erhöht, um jeden Schabernack zu sehen.
Ohne den strengen wie sympathischen Schulmeister Carl Cüppers, der 2008 im Alter von 88 Jahren verstorben ist, hätte es das Museum jedoch nicht gegeben. In seiner Zeit als Kreisschulrat in den 1960er-Jahren sammelte er alles, was bei der Auflösung der einklassigen Volksschulen weggeworfen werden sollte. Cüppers konnte es nicht ertragen, dass ein knappes Jahrhundert Schulgeschichte auf der Müllhalde zu landen drohte: "Da ist auf einmal was passiert mit mir. Ich fühlte mich plötzlich verantwortlich dafür, alles zu bewahren." Und darin war er konsequent. Mit seinem VW-Käfer nahm Cüppers aus den aufgelösten Schulen mit, was er tragen konnte. Zur Not schnallte er eben alles auf seinen Dachgepäckträger. Zum Glück war in Bergisch Gladbach eine alte Grundschule frei, und so ist das Schulmuseum entstanden.

Kleidung und Frisur der Schulkinder mussten stets tadellos sein.
Kleidung und Frisur der Schulkinder mussten stets tadellos sein.
Sämtliche Facetten der Schulgeschichte werden hier lebendig: Plüschsofa, Harmonium und Bücherschrank beschwören die Atmosphäre eines typischen Lehrerwohnzimmers aus Wilhelminischer Zeit herauf. Eine Sonderabteilung im Erdgeschoss widmet sich der Mädchenerziehung in der Schule. Im Obergeschoss lässt sich anhand alter Lehr-, Lern- und Arbeitsmittel verfolgen, wie sich das Bild der Welt im Laufe von 100 Jahren verändert hat. Besonders interessant sind Sammlungsstücke, die die Gesellschaft widerspiegeln: Wandbilder zeigen von der eiszeitlichen Landschaft über die Darstellung "deutscher Rassen" bis hin zum Weg des Postpakets alles, was einmal als lernenswert galt. Und so manches Unterrichtsmittel wurde damals noch vom Lehrer selbst gefertigt.

Bis 1917 lernten Schüler noch die Kurrentschrift.
Bis 1917 lernten Schüler noch die Kurrentschrift.
Der größte Erfolgsfaktor des Schulmuseums war der historische Schulunterricht bei Carl Cüppers. Der kaiserzeitliche Unterricht wurde mithilfe eines Schwalbenwandbildes inszeniert. Die Kinder liebten Cüppers’ klare, prägnante Merksätze über die Schwalbe, die sie laut im Chor nachsprachen. Auch die ärmlichen Lebensverhältnisse der Menschen früher vermittelte Museumslehrer Cüppers kindgerecht. "Früher war eine arme Zeit. Da hatten die Leute viel mehr Kinder und viel weniger Geld. Rechnet doch mal aus: Eine Familie hatte 12 Kinder, aber nur drei Betten? Richtig, vier Kinder mussten sich ein Bett teilen." Zwischendurch wurde Sportunterricht erteilt. Alle standen auf, und im Kasernenhofton hieß es dann: "Arme hoch – Kniebeugen – Arme runter – hinsetzen!"

Ein Spucknapf: Auf den Fußboden spucken streng verboten!
Ein Spucknapf: Auf den Fußboden spucken streng verboten!
An der Stirnseite des Klassenraums, neben dem Kreuz, hingen Porträts von Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau Auguste Viktoria. Lehrer Cüppers erklärte hierzu, wie "Kaisers Geburtstag" als großes Fest begangen wurde. Dann griff der Lehrer zur Geige und branchte der Klasse in kurzer Zeit das Liedchen bei: "Der Kaiser ist ein lieber Mann ...". Das Abschlussgebet endete mit dem im Chor gesprochenen Satz "Wir freuen uns auf den Frühling, denn Schwalben bringen Glück". Cüppers vergaß es nie, sich am Ende des Unterrichts mit einem Lob auf die braven Schüler zu verabschieden. Den Erfolg des kleinen Schulmuseums mag man ablesen an den begeisterten Gesichtern oder an der hohen Auslastung mit rund 10.000 Besuchern jährlich. Aber besonders glücklich war Sammler Cüppers, wenn Besucher sich später bei ihm meldeten, um ihm das eine oder andere historische Schätzchen für das Museum zu schenken.

Heute übernehmen 17 ehrenamtliche Mitglieder des Museumsarbeitskreises die Aufgaben des Schulmeister Cüppers. "Historischer Unterricht", Führungen durch die Dauerausstellung, die Veranstaltung von Sonderausstellungen und die Betreuung des Museumsshops, sind dabei nur einige wenige Tätigkeiten, die das Kollektiv wahrnimmt. Im historischen Schulunterricht sorgen die Mitglieder des Arbeitskreises dafür, dass die Merksätze des Schulmeisters auch weiterhin lebendig bleiben.

Mit einem neuen Anbau konnte das Museumsprogramm sogar erweitert werden. Neben dem Unterricht bietet das Museum nun auch Kurse in Kurrent- und Sütterlinschrift oder historischen Handarbeits- und Werkunterricht an. Fimvorführungen und Voträge zu früheren Unterrichtswelten ergänzen das Programm.


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung hat den Ausbau des Schulmuseums Bergisch Gladbach unterstützt, um mehr Platz für die Ausstellungsbereiche zu schaffen. In dem Schulmuseum, das von ehrenamtlichen Mitgliedern des Museumsarbeitskreises betrieben wird, findet regelmäßig für angemeldete Besuchergruppen ein "historischer Unterricht" statt. Außerdem hat die NRW-Stiftung mit einem Zuschuss einen Erweiterungsbau gefördert, der für Filmvorführungen, Vorträge und weitere Angebote genutzt wird.

Googlemap aufrufenSchulmuseum Bergisch Gladbach
(Sammlung Cüppers)
Kempener Straße 187
51467 Bergisch Gladbach
Telefon: 0 22 02 / 8 42 47
www.das-schulmuseum.de

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