BODENSAURE EICHENWÄLDER IM KREIS WESEL

IM REICH DER FLIEGENDEN HIRSCHE

Auch im Winter kann die Wanderung durch die Wälder bei Wesel ein Erlebnis sein.<br />
Bild: Hans Glader
Auch im Winter kann die Wanderung durch die Wälder bei Wesel ein Erlebnis sein.
Bild: Hans Glader
Würde uns ein Naturfreund erzählen, er habe gerade einen fliegenden Hirsch gesehen, würden wir ihm wohl einen Besuch beim Psychiater empfehlen. Bei den Niederländern dagegen gratuliert man derselben Person zu ihrer Beobachtung. Dort ist der "vliegend hert", also der fliegende Hirsch die Bezeichnung für den Hirschkäfer. Das imposante Insekt bei seinem Schwärmflug zu sehen, ist zweifellos ein besonderes Erlebnis, und in einigen Eichenwäldern am Niederrhein kann man dieses Glück haben. Wenn es nach Klaus Kretschmer, dem Leiter der Biologischen Station des Kreises Wesel, geht, soll die Begegnung mit der besonderen Art in Zukunft häufiger möglich sein. Mit einem EU-Naturschutzprojekt werden derzeit die Lebensbedingungen für die "bodensauren Eichenwälder" und ihre Bewohner verbessert.

Unweit der Stadt Wesel liegt eine der größten Wald- und Heidelandschaften am unteren Niederrhein, bestehend aus mehreren Naturschutzgebieten von landesweiter Bedeutung. Die Kette von Einzelflächen umfasst weit mehr als nur Eichenwälder auf Sandböden. Mosaikartig eingestreut sind Dünen mit Sandmagerrasen, Zwergstrauchheiden, Heideweiher, Zwischenmoore und Bruchwälder, landesweit selten gewordene Biotoptypen. "Ein solches Gebiet ist nicht zu ersetzen, wir tragen die Verantwortung dafür, diesen Schatz zu bewahren", sagt Klaus Kretschmer, der Koordinator des Projekts.

Es gibt zu viel zu tun ...

In bodensauren Wäldern bedeckt stets eine dicke Schicht aus Falllaub den Boden. Der mehr als hüfthohe Adlerfarn kommt damit gut zurecht.<br />
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Bild: Hans Glader
In bodensauren Wäldern bedeckt stets eine dicke Schicht aus Falllaub den Boden. Der mehr als hüfthohe Adlerfarn kommt damit gut zurecht.

Bild: Hans Glader
Zurzeit geht es darum, Versäumnisse und Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren. Einige Flächen sind vor Jahrzehnten mit gebietsfremden Kiefern, Fichten und Lärchen aufgeforstet worden, die sollen jetzt nach und nach durch heimische Laubbäume ersetzt werden. Zunächst werden dafür in den Nadelholzbeständen Baumgruppen beseitigt und Eichen gepfl anzt. Die verbleibenden Nadelhölzer schützen die jungen Laubbäume gegen Spätfrost und verhindern, dass sich am Boden ein geschlossener Grasteppich bildet.
Artenreicher als die Krautschicht ist die Pilzflora. Der Leber-Reischling sorgt an Eichen für farbige Akzente.<br />
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Bild: Hans Glader
Artenreicher als die Krautschicht ist die Pilzflora. Der Leber-Reischling sorgt an Eichen für farbige Akzente.

Bild: Hans Glader
Gleichzeitig muss die spätblühende Traubenkirsche beseitigt werden. Dieses Gehölz aus Nordamerika ist für die aufwachsenden Eichen eine zu große Konkurrenz. Auch auf Moor- und Heide-standorten werden Gehölze entfernt. "Die unnatürlich dicht stehenden Bäume entziehen dem Moor zu viel Wasser, während sie auf den Sandrasen zu viel Schatten werfen." Die bis auf wenige Reste geschrumpften Heideflächen, die früher auf den flachen Dünen entlang der Lippe landschaftsprägend waren, sollen als Lebensraum für Zauneidechse, Schlingnatter und Heidelerche erweitert werden.

Die Heideweiher und ihre Bewohner

Im Frühjahr tanzen die Hormone – im März bei den Moorfröschen, ...<br />
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Bild: Holger Duty / piclease
Im Frühjahr tanzen die Hormone – im März bei den Moorfröschen, ...

Bild: Holger Duty / piclease
Schließlich werden die kleineren und größeren Heideweiher wie das "Schwarze Wasser" entschlammt, damit sich die ursprüngliche Ufervegetation regenerieren kann. "Wir gehen davon aus, dass sich dort das Froschkraut, eine vom Aussterben bedrohte Wasserpflanze, wieder erholt", so Kretschmer, "und die Teiche sind dann auch wieder attraktive Laichgewässer für Frösche und seltene Moorlibellen." Noch herrscht winterliche Ruhe im Diersfordter Wald. Über den Baumkronen kreist ein Kolkrabenpaar, hier und da sieht man Kleinvögel durch die Zweige turnen oder eine Rötelmaus raschelt unter einem Brombeergestrüpp.

... im April beim Zwergtaucher. Zum Starten muss er 20 Meter Wasser treten.<br />
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Bild: Hans Glader
... im April beim Zwergtaucher. Zum Starten muss er 20 Meter Wasser treten.

Bild: Hans Glader
Von den Moorfröschen, die im Frühjahr in den flachen Heideweihern laichen werden, ist noch nichts zu sehen. Synchronisiert durch ein paar milde Tage werden sie im März wie auf ein Kommando aus ihren Winterverstecken kommen und dem Wasser zustreben. Überall hört man dann die glucksenden Balzrufe der Männchen. Sobald die Weibchen innerhalb weniger Tage abgelaicht haben, verteilen sich die Tiere wieder in der Umgebung. Dann beginnt auch die Brutsaison der Zwergtaucher. Die kann man übrigens fast ganzjährig auf dem "Schwarzen Wasser" beobachten. Wenn der Heideweiher zufriert, was jeden Winter geschieht, weichen die Wasservögel allerdings auf die nahe gelegene Lippe aus.


Download: Faltblatt, Bodensaure Eichenwaelder
Sechsbeinige Gabelstapler

Der Hirschkäfer ist der größte Käfer Europas. Nur die vier bis sechs Zentimeter großen Männchen besitzen die an ein Geweih erinnernden stark vergrößerten Beißzangen, Weibchen sind deutlich kleiner. Die erwachsenen Käfer sind nur im Sommer und erst ab der Abenddämmerung aktiv. Angelockt vom Duft paarungsbereiter Weibchen oder vom Geruch des Rindensaftes verletzter Eichen torkeln die "fliegenden Hirsche" durch den Wald. Wenn sich zwei Männchen begegnen, versuchen sie, den Rivalen "auszuhebeln", geradeso, als würde ein Gabelstapler eine Last aus dem Weg räumen. Die Käferweibchen legen nach der Paarung ihre Eier an die Basis verpilzter Baumstümpfe, in denen dann die Larven heranwachsen. Das dauert etwa sechs Jahre. Nach einer mehrwöchigen Puppenruhe schlüpfen die Käfer im Herbst. Sie bleiben aber noch bis zum späten Frühjahr des Folgejahres in der Erdhöhlung, in der sie geschlüpft sind.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2013/3


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Die NRW-Stiftung beteiligt sich am Projekt "Bodensaure Eichenwälder mit Mooren und Heiden". Dabei werden in sechs Naturschutzgebieten (Großes Veen, Diersfordter Wald/Schnepfenberg, Schwarzes Wasser, Drevenacker Dünen, Kaninchenberge und Lippeaue bei Schermbeck) die Lebensbedingungen für gefährdete Arten verbessert. Es gibt Rundwege und geführte Exkursionen.

Kontakt: Biologische Station im Kreis Wesel (BSKW). www.eichenwald.bskw.de

Googlemap aufrufenViele Rundwege führen durch die Wald- und Heidelandschaften am unteren Niederrhein. Für interessierte Besucher werden zusätzlich vielfältige Exkursionen angeboten.

Biologische Station im Kreis Wesel
Freybergweg 9
46483 Wesel
Telefon: 0281 962520
Internet: www.bskw.de
Ein eigener Internetauftritt informiert über das Projekt: eichenwald.bskw.de

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