PUPPENMUSEUM TECKLENBURG

WUNDERWELTEN UND GUTE STUBEN

Bild: Bernd Hegert
Bild: Bernd Hegert
Kaum zu glauben, dass durch diese steile Gasse einmal Postkutschen gerollt sein sollen! Doch da, wo heutzutage bunte Markierungen im Kopfsteinpfl aster den Weg zum Puppenmuseum Tecklenburg weisen, rumpelte bis 1902 tatsächlich noch die Pferdepost entlang. Inzwischen sind die Verkehrsmittel moderner geworden, aber Tecklenburg hat sich mit verwinkelten Gassen und weiten Panoramablicken seinen historischen Charme bewahrt. Seit zehn Jahren bietet das Puppenmuseum in dem Ort am Teutoburger Wald eine besonders beliebte Attraktion. Gerade in der kalten Jahreszeit kann man hier sein Herz an nostalgischen Spielewelten erwärmen. Doch Obacht: Manch mal zeigen sogar Puppen ein Doppelgesicht!

Bild: Bernd Hegert
Bild: Bernd Hegert
Die Bezeichnung Puppenmuseum greift eigentlich zu kurz. Denn nicht nur altes Spielzeug fi ndet man in dem Haus mit der schönen Adresse "Wellenberg 1". Es geht auch um die Geschichte von Burg und Grafschaft Tecklenburg und um die hier einstmals so wichtige Leinenherstellung (siehe Kasten). Auf Kunstfreunde warten außerdem mehrere Werke des bedeutenden Landschaftsmalers Otto Modersohn (1865 – 1943). Der als Mitgründer der Künstlerkolonie Worpswede berühmt gewordene Modersohn besuchte in jungen Jahren häufig Verwandte in Tecklenburg. Dabei griff er gerne zu Skizzenblock und Pinsel und hielt das Städtchen zu unterschiedlichen Jahreszeiten und aus unterschiedlichen Perspektiven fest.

Puppenregiment

Bild: Bernd Hegert
Bild: Bernd Hegert
Die Ausstellung hat ihren Standort in einem Fachwerkgebäude aus dem Jahr 1684. Schon seit über 40 Jahren dient es als Museum, doch erst 2003 übernahmen die Puppen das Regiment im Haus, in dem damals die Schätze zweier begeisterter Sammlerinnen zusammengeführt wurden. Seitdem bevölkern Figuren und Figürchen aus Stoff, Holz, Biskuitporzellan und vielen anderen Materialien nicht nur die Vitrinen. Sie haben sogar eine komplette Wohnstube aus dem Zeitalter des Biedermeiers erobert, die schon für sich genommen sehenswert wäre. Zwei jugendlich gebliebene Biedermeierdamen von etwa 1840/60 zählen übrigens zu den ältesten und schönsten Objekten in der Ausstellung. Nicht weniger begeisternd sind die vielen historischen Puppenstuben und Kaufläden, die in ihrer Detailverliebtheit wirken wie kleine Wunderwelten. Zum Glück können sie, anders als die virtuellen Traumwelten unserer Gegenwart, auch ohne Strom und Datenleitung überdauern.

Bild: Bernd Hegert
Bild: Bernd Hegert
Puppen zählen zu den traditionsreichsten Zeugnissen der menschlichen Kulturgeschichte. Sie dienten und dienen keineswegs nur dem kindlichen Beschäftigungsdrang, sondern auch kultischen und bisweilen sogar ganz praktischen Zwecken. So stößt man in der Tecklenburger Sammlung auf indianische Amulett- und Grabpuppen ebenso wie auf zwei "Teepuppen" der Innu, einer Stammesgruppe aus Kanada. Ein ganzes Kilogramm loser Tee lässt sich in ihnen transportieren. Ein besonders eigenartiges Ausstellungsstück ist gleichwohl dem Kinderspielzeug zuzurechnen – die "Zwei-Gesichter-Puppe" aus dem Jahr 1911. Die Puppenmutti musste ihr buchstäblich den Kopf verdrehen, um eine eher düstere Stimmung schlagartig inheitere Gelöstheit zu verwandeln.

Das Mädchen als Dame

Bild: Bernd Hegert
Bild: Bernd Hegert
Spielzeugpuppen stehen unverkennbar im Zusammenhang mit der Einübung in traditionelle weibliche Geschlechterrollen. Der Bogen reicht dabei von der unermüdlich tüchtigen Hausfrau bis hin zur ewig attraktiven Barbie. Barbie ist allerdings nicht das erste Beispiel für die Macht der Mode: Schon im 19. Jahrhundert kamen Puppen meist als kindliche Damen daher – stilvoll gekleidet und aufwendig frisiert, so wie man es für vorbildlich hielt. Für den männlichen Nachwuchs stand derweil das "Knabenspielzeug" bereit, das im Tecklenburger Museum unter anderem durch Dampfmaschinen, Steinbaukästen und eine große Modelleisenbahn repräsentiert ist. Letztere lockt unweigerlich auch erwachsene Fans an, ist doch – laut Nietzsche – in jedem Mann ein Kind versteckt, das spielen will. Wobei der Verhaltensforscher Konrad Lorenz ergänzend gerne die Frage seiner Ehefrau zitierte: "Wieso versteckt?"
Malerisches Tecklenburg

Bild: Tecklenburg Touristik GmbH
Bild: Tecklenburg Touristik GmbH
Der malerische Kneipp- und Luftkurort Tecklenburg ist ein geschichtsträchtiges Ausflugsziel. So waren die Grafen von Tecklenburg 1225 in einen der größten Kriminalfälle des Mittelalters verwickelt, die Ermordung des Kölner Erzbischofs Engelbert von Berg. Nachdem die Grafschaft später lange zu Bentheim gehört hatte, kam sie im frühen 18. Jahrhundert an Preußen. Berühmt war damals das Tecklenburger Löwent-Linnen, ein qualitätvolles Hanf- leinen, das in der Legge – der Leinenprüfstelle – seinen Stempel erhielt. Sie befand sich seit Mitte des 17. Jahrhunderts in einem Torhaus, das heute vor allem für Kunstausstellungen genutzt wird. Berühmt wurde Tecklenburg zudem, weil sich hier eher als anderswo Widerstand gegen die Hexenverbrennungen regte. Der sogenannte "Hexenpfad" gehört – wie die Freilichtbühne auf der Burg – zu den vielen touristischen Attraktionen des Ortes.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2013/3


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

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Die NRW-Stiftung unterstützte den Verein Puppenmuseum Tecklenburg e. V. bei der Ausstattung des Museums, das sich inmitten des alten Ortskerns befindet.

Googlemap aufrufenPuppenmuseum
Am Wellenberg 1
49545 Tecklenburg
Telefon: 0 54 82 / 70 37 00
www.puppenmuseumtecklenburg.ev.ms

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