DAS "MOORHUS" IM KREIS MINDEN-LÜBBECKE

GEHEIMNISSE DES MOORES

Das Große Torfmoor gehört zu den faszinierendsten Moorlandschaften, die Nordrhein-Westfalen zu bieten hat. Jetzt ist es für Besucher besser erschlossen, ohne das empfindliche Ökosystem zu stören. Eine Wanderung beginnt am besten im neu eröffneten Besucherzentrum Moorhus an der Frotheimer Straße 57a in Lübbecke.
Das Große Torfmoor gehört zu den faszinierendsten Moorlandschaften, die Nordrhein-Westfalen zu bieten hat. Jetzt ist es für Besucher besser erschlossen, ohne das empfindliche Ökosystem zu stören. Eine Wanderung beginnt am besten im neu eröffneten Besucherzentrum Moorhus an der Frotheimer Straße 57a in Lübbecke.
Moorleichen sind im Großen Torfmoor noch nicht ans Tageslicht gekommen, obwohl es sie nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit auch hier geben müsste. Dennoch schaudert es die Besucher, wenn sie von oben in eine mit Glas abgedeckte Grube blicken und im Dämmerlicht eine Moormumie sehen. Die von Huminsäuren braun gegerbte Gestalt ist seit Mai 2013 im "Moorhus" zu bestaunen, dem neuen Informationszentrum des NABU-Kreisverbandes Minden-Lübbecke. Hier können Schulklassen und interessierte Naturfreunde erleben und begreifen, wie das Große Torfmoor entstand und wie es genutzt wurde, welche faszinierenden Lebensformen Moore hervorbringen und weshalb ihre Erhaltung und Regeneration gerade heute so wichtig sind.

Die Dauerausstellung versetzt die Besucher in die Froschperspektive.
Die "Lupe" lenkt den Blick auf die Torfmoose, ohne die es das Hochmoor nicht gäbe.
Die "Lupe" lenkt den Blick auf die Torfmoose, ohne die es das Hochmoor nicht gäbe.
Moorpflanzen wie Wollgras, Glockenheide und Sonnentau gliedern als raumhohe halbtransparente Bilder die 500 Quadratmeter
große Ausstellungsfläche. Auf Tafeln, an Objekten und in Experimenten lernt man das Moor als facettenreiches Ökosystem kennen und erfährt schließlich auch, wieso es die Körper von Verstorbenen konservieren kann. Das Infozentrum, nur einen Steinwurf vom Gehlenbecker Freibad gelegen, ist zugleich ein optimaler Startpunkt für Moorexkursionen.

Weite und Einsamkeit

Das Wegesystem ist teilweise auch für Radfahrer geeignet. Es garantiert, dass für empfindliche Pflanzen und Tiere genügend ungestörte Bereiche bleiben.
Das Wegesystem ist teilweise auch für Radfahrer geeignet. Es garantiert, dass für empfindliche Pflanzen und Tiere genügend ungestörte Bereiche bleiben.
Der Weg ins Moor führt bis an den Rand einer über 300 Hektar großen fast gehölzfreien Kernzone. Erst dort bekommt der Besucher einen vagen Eindruck von der früheren Weite und Einsamkeit, welche Dichter inspirierte und Wanderer das Fürchten lehrte. In den schwarzen Moorblänken spiegelt sich der Himmel, über den Schwingrasen und Bulten schaukeln die Fruchtstände der Wollgräser. Nach außen hin schließen sich an die Kernzone ausgedehnte Feuchtheiden mit Pfeifengras und Besenheide an. In nassen Senken glitzert Wasser zwischen den Halmen der Röhrichte und Seggen, während sich auf den erhöhten Stellen Moorgebüsche und Birkenbruchwälder breitmachen wollen. Der äußere Gürtel wird von Feucht- und Nasswiesen eingenommen, die schonend landwirtschaftlich genutzt werden dürfen, oder von einemWald aus Birken, Weiden, Erlen und Pappeln.

 
 
Mit der Liste der bemerkenswerten Pflanzen- und Tierarten, die es im Torfmoor noch oder wieder gibt, könnte man Seiten füllen. Hier seien Vögel wie etwa Zwerg- und Schwarzhalstaucher, Krick- und Knäkente, Wasserralle, Tüpfelsumpfhuhn, Wachtelkönig und Blaukehlchen genannt. Nennenswert ist sicher auch das wohl größte westfälische Vorkommen des Moorfroschs. Seine Häufigkeit ist der Grund, weshalb die in der Bastau-Niederung brütenden Weißstörche gerne am Rand des Großen Moors nach Nahrung suchen.

Torf, die Kohle der kleinen Leute

Im Zentrum gibt es den Nachguss der Moorleiche und Infos über insektenfangenden Pflanzen.
Im Zentrum gibt es den Nachguss der Moorleiche und Infos über insektenfangenden Pflanzen.
Der Lebensraum Torfmoor präsentiert sich aber nicht nur als biologisches Wunderland, ein wichtiges Thema der Ausstellung ist der Umgang der Menschen mit dem Biotop. Früher sahen sie im Moor in erster Linie ein Siedlungs- und Verkehrshindernis. Nur als Brennstofflager hatte es seinen Wert. Ein Hochmoor zu entwässern und abzutorfen galt als löbliche Pioniertat. Außerdem eröffnete das eine Folgenutzung: War die Torfschicht abgeräumt, ließ sich der mineralische Unterboden aufpflügen und man konnte Landwirtschaft betreiben. Dass dadurch Naturlandschaften
 
 
unwiederbringlich vernichtet wurden, begriff man erst viel später. Dem Naturschutz wurden in der Regel ökologisch entwertete Moore überlassen, aus denen Birkhuhn und Goldregenpfeifer längst verschwunden waren. "Torf war die Kohle der kleinen Leute, und der Vorrat erschien ihnen unerschöpflich", sagt Hermann Nagel vom NABU-Kreisverband, "aber heute wäre es ökologisch unverantwortlich, weiter Torf zu verbrennen. "Wachsende Hochmoore sind die einzigen Ökosysteme, die in der Lage sind, das aus der Luft aufgenommene Kohlendioxid dauerhaft zu binden und so dem Kreislauf zu entziehen. "Aus Sicht des Klimaschutzes ist jedes lebende Hochmoor ein echter Gewinn." Für die Bauherren des Moorhus war eine Torfheizung deshalb tabu, "obwohl wir den Brennstoff quasi im Keller hätten". Stattdessen kamen nur Heiz- und Dämmtechniken zur Anwendung, die Vorbildfunktion haben. So sind die mit Lärche verkleideten Wände des einstöckigen Gebäudes mit Holzfasern isoliert, geheizt wird mit Erdwärme.

Wasserspeicher Torfmoore

 
 
Seitdem das Torfstechen eingestellt ist und das Gebiet nicht mehr entwässert wird, haben sich die Lebensbedingungen für viele typische Moorbewohner wieder verbessert. Heute brütet sogar der Kranich im Großen Torfmoor.
Seitdem das Torfstechen eingestellt ist und das Gebiet nicht mehr entwässert wird, haben sich die Lebensbedingungen für viele typische Moorbewohner wieder verbessert. Heute brütet sogar der Kranich im Großen Torfmoor.
Die Eröffnung des Moorhus 2013 ist die vorläufi ge Krönung eines langjährigen zähen Bemühens um den Moorschutz im westfälischen Tiefl and. In den 1970er-Jahren hatte man begonnen, durch Flächenankauf Einfl uss auf den Wasserhaushalt und die Vegetation zu nehmen. Viele einzelne Pfl ege- und Entwicklungsmaßnahmen sollten den Zustand verbessern helfen. Auf diesem mühsamen Weg war die Ausweisung als Naturschutzgebiet 1974 eine Weichenstellung. Um das Wachstum der Torfmoose wieder anzukurbeln, musste das Moor möglichst bis zur Oberfl äche wiedervernässt werden. "Nur Torfmoose haben die Fähigkeit, ein Hochmoor zu bilden, es sind die Schlüsselorganismen, aber sie müssen im Wasser stehen." Wegen der vielen Torfstiche war eine einheitliche Oberfl äche aber Illusion. Während in den Wasserlöchern die Moose wieder zu wachsen begannen, keimten wenige Meter daneben munter die Birken. Auf einem solchen Flickenteppich war der Kampf nicht zu gewinnen. Immerhin gab es ermutigende
 
 
Zeichen. Im Zentrum hörte man wieder öfter die Balztriller des Großen Brachvogels und das "Meckern" der Bekassinen. Einen entscheidenden Fortschritt brachte die mit EU-Geldern geförderte "Regeneration des Großen Torfmoores" zwischen 2003 und 2007. Dem NABU-Kreisverband Minden-Lübbecke als Projektträger gelang es, durch den Kauf weiterer Flächen, durch stärkeren Wassereinstau und durch das Beseitigen von Gehölzen das Moorwachstum zu beschleunigen.

Schnucken und Kraniche als Pflegepferd

Besonders die stets nachdrängenden Birken bleiben eine Dauer aufgabe. Statt diese Sisyphusarbeit selbst in die Hand zu nehmen, delegierte man die Moorpflege an
Zur Fortpflanzungszeit bekommen viele Moorfroschmännchen für einige Tage eine hellblaue Haut.
Zur Fortpflanzungszeit bekommen viele Moorfroschmännchen für einige Tage eine hellblaue Haut.
Schafe. Moorschnucken, Vertreter einer 600 Jahre alten Landschafrasse, verwandeln das bittere Birkenlaub in zartes Lammfleisch mit würziger Wildnote und bringen so die Bedeutung des Moorschutzes auch bei Menschen in Erinnerung, die dem Naturschutz weniger nahestehen. Ohne die stetige Knabberarbeit der Schnucken wären zwei Drittel des Gebiets längst ein undurchdringlicher Birkenwald geworden – und die typischen Moorvögel wären verschwunden. Spektakulärster Zeuge der Erfolgsgeschichte ist der Kranich. Wurde der scheue Großvogel seit den 1990er-Jahren nur als regelmäßiger Gast auf dem Zug registriert, entschloss er sich 2008 erstmals, hier zu brüten. "Wir haben seinerzeit sogar die Weideführung der Schnuckenherde kurzfristig geändert, um die Vögel möglichst wenig zu stören", so Hermann Nagel.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2013


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Das Naturschutzgebiet "Großes Torfmoor" im Kreis Minden- Lübbecke liegt ca. drei Kilometer nordöstlich der Stadt Lübbecke und grenzt unmittelbar südlich an den Mittellandkanal. Es ist 467 Hektar groß und damit das größte Hochmoor-Regenerationsgebiet Nordrhein-Westfalens. Hauptaufgabe des neu errichteten Moorhus, das auch mithilfe von Fördermitteln der NRW-Stiftung gebaut wurde, ist die Information der Besucher mit Ausstellungen, Führungen und Sonderveranstaltungen. Von hier aus wird in Zukunft die Betreuung des Großen Torfmoores erfolgen. Die Schafbeweidung wird ebenfalls von hier aus organisiert, die Herde behält aber ihr Quartier im Moorschutzhof am Westerbruchweg in Nettelstedt.
www.moorhus.eu

Googlemap aufrufenBesucherzentrum "Moorhus"
Frotheimer Straße 57a
32312 Lübbecke
Telefon: 0 57 41 / 2 40 95 05
www.moorhus.eu

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