DAS PAPIERMUSEUM DÜREN

DIE PAPIERE, BITTE!

 
 
Papier sollte normalerweise nicht nass werden, dabei wird es doch buchstäblich aus dem Wasser geschöpft. Seit dem 16. Jahrhundert trieben die Flüsse und Bäche im Dürener Raum – allen voran die Rur – zahlreiche Papiermühlen an. Im Industriezeitalter errang sich Düren sogar den Ehrentitel "Stadt des Papiers". Auch heute ist die Branche hier noch stark vertreten mit einer Produktpalette, die von der Wellpappe über die Hygiene- bis hin zu High-End-Spezialpapieren reicht. Das Dürener Papiermuseum blättert das im wahrsten Sinne des Wortes "vielseitigste" Thema der Welt in spannender Weise auf. Hier erlebt man, dass Möbel durchaus von Pappe sein dürfen, warum es für Papiermacher früher ganz normal war, einen Koller zu kriegen, und was Teebeutel mit Bananen zu tun haben.

 
 
Faule Lumpen so richtig klein machen – für Papiermacher war das einst Alltag. Denn für die traditionelle Papierproduktion, wie sie sich in Deutschland seit Ende des 14. Jahrhunderts verbreitete, waren neben Wasser vor allem Lumpen, sprich: Textilreste, unverzichtbar. Sie durchliefen zunächst einen Faulungsprozess und wurden dann in einem Stampfwerk buchstäblich "zu Brei" geschlagen. Im 18. Jahrhundert übernahmen Stoffmühlen, die sogenannten "Holländer", diese Arbeit. Im "Kollergang" zermalmten überdies steinerne Reiberäder Altpapiere, denn die Papiermacher betrieben Recycling, schon Jahrhunderte bevor der Begriff erfunden wurde.

In Bausch und Bogen

 
 
Der Faserbrei wurde schließlich aus der Bütte geschöpft. Dazu dienten rechteckige Holzrahmen mit Drahtnetzen, durch die das Wasser abfließen konnte. Kunstvolles Hin- und Herschwenken sorgte für gleichmäßig geformte Bogen, die man auf saugfähigen Filzunterlagen ablegte. 181 Bogen bildeten einen "Pauscht" oder "Bausch". Eine Presse drückte das Restwasser so weit wie möglich heraus, dann hängte man die Papiere zum Trocknen auf. Das Papiermuseum besitzt selbst einen Trockenboden, schließlich kann man hier nicht nur Exponate anstaunen, sondern auch eigenhändig tätig werden: Jeden Sonntag steht von 13 bis 17 Uhr Papierschöpfen auf dem Programm. Unsere heutige "Papierflut" könnte das
 
 
traditionelle Handwerk natürlich nicht erzeugen. Die ersten Maschinen, bei denen der Papierbrei nicht mehr geschöpft, sondern auf rotierende Metallsiebe gegossen wurde, kamen um 1800 auf. Heute schaffen moderne Anlagen pro Stunde ohne Weiteres 100 Kilometer Papier. Rund eine halbe Tonne davon wird in Deutschland pro Sekunde (!) hergestellt. Immer noch sind Fasern das Ausgangsmaterial, allerdings in der Regel nicht mehr aus Lumpen, sondern aus pfl anzlichen Stoffen – am häufi gsten aus Holz. Papier lässt sich aber auch aus Flachs oder sogar Gras herstellen. Teebeutel fertigt man aus Abaca, einem Bananengewächs.

"Kunst-Stoffe"

Der Weg durch das Papiermuseum ist ein Gang für Entdecker: Man kann da etwa den Dickeprüfer
Papier von Hand zu schöpfen ist gar nicht so leicht.
Papier von Hand zu schöpfen ist gar nicht so leicht.
ausprobieren, sich per Tastendruck die Augen über die "Geheimsache Papier" öffnen lassen oder auf Pappsesseln den O-Tönen von Zeitzeugen lauschen. Während Papier selbst stets seine feste "Laufrichtung" hat (weil sich die Fasern bei der Herstellung parallel zu den Sieben ausrichten), dürfen die Besucher in der Ausstellung natürlich frei umherstöbern. Nicht nur über die Pappgiraffe des Künstlers Bertram Jesdinsky oder das grandiose Rokokopapierkleid von Katharina Stärck werden sich auch Kinder freuen. Das 1990 eröffnete Papiermuseum feiert in zwei Jahren sein 25. Jubiläum. Das Datum soll den Anlass für neue Pläne, Themen und Ideen bilden,
 
 
denn das Museum möchte künftig noch mehr als bisher nicht nur ein Platz zum Schauen, sondern auch ein Schauplatz sein – für Aktionstage, Kulturveranstaltungen und Mitmach-Events. Barrierefreiheit und Inklusion werden in den Überlegungen eine zentrale Rolle spielen. Vor allem aber hat sich die Welt im letzten Vierteljahrhundert rasant verändert: Längst gibt es digitale Bücher mit Buchstaben aus elektronischer Tinte. Hat Papier überhaupt noch Zukunft? Ganz gewiss, schon weil es ein Stoff für Kreative ist, ein "Kunst-Stoff" gewissermaßen, auf dem sich nicht nur schreiben lässt, sondern der auch zu Skulpturen und Objekten formbar ist. Der Lehrberuf des Papiertechnologen wird ebenfalls nicht aussterben. Denn noch nicht einmal die Elektronik ist ganz papierlos: In Düren werden auch Elektroisolierpapiere hergestellt.
Museum mal zwei

Papiermuseum mit Trockenboden.
Papiermuseum mit Trockenboden.
Zwei Häuser unter einer Leitung, direkt benachbart und angesiedelt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Industriegeschichte und Kunst – das ist das Duo aus Papiermuseum und Leopold-Hoesch-Museum. Letzteres hat sein Domizil in einem imposanten Neo barockbau von 1905, zu dem die Unternehmerfamilie Hoesch die finanzielle Grundlage legte. Es besitzt Werke von Künstlern wie Otto Dix, Wassily Kandinsky oder Günther Uecker, um nur drei Namen zu nennen. Bei den wechselnden Ausstellungen sind auch Themen der Stadtgeschichte und der Archäologie vertreten. Den modernen Anbau von 2010 hat der Architekt Peter Kulka entworfen. Dort findet man unter anderem die Dauerinstallation "Lichtraum" von Otto Piene. Vor dem Museum steht seit 2011 die Skulptur "Ursprung" des bedeutenden Bildhauers Ulrich Rückriem, der in Düren das Steinmetzhandwerk erlernte und im Leopold-Hoesch-Museum 1964 seine erste Einzelausstellung hatte.


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützte den Trägerverein des Papiermuseums Düren beim Kauf einer Lumpenzerkleinerungsmaschine, die in dem Museum ihren festen Platz gefunden hat. Das Museum bietet regelmäßig Veranstaltungen an. Ein Besuch lohnt in Verbindung mit dem benachbarten Leopold-Hoesch-Museum.

Googlemap aufrufenLeopold-Hoesch-Museum und Papiermuseum
Hoeschplatz 1
52349 Düren
Telefon: 0 24 21 / 25 25 61
www.leopoldhoeschmuseum.de

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