BRACHFLÄCHEN FÜR NATURERLEBNISSE IM RUHRGEBIET

WILDNIS FÜR KINDER

Ein quer liegender Baum bildet eine abenteuerliche Brücke. Können sich Kinder überschätzen und Gefahren übersehen? Die Praxis zeigt etwas anderes: Unfälle stoßen eher überbehüteten Kindern zu, die wenig Gelegenheit haben, ihre Motorik und ihre Fähigkeiten zu erproben.
Ein quer liegender Baum bildet eine abenteuerliche Brücke. Können sich Kinder überschätzen und Gefahren übersehen? Die Praxis zeigt etwas anderes: Unfälle stoßen eher überbehüteten Kindern zu, die wenig Gelegenheit haben, ihre Motorik und ihre Fähigkeiten zu erproben.
Mit Tablet-Computer und Smartphone gehen viele Kids heute ganz spielerisch um. Medienkompetenz ist ja auch wichtig, aber manchmal haben Kinder einfach Lust, im Matsch zu spielen, Buden zu bauen oder auf Bäume zu klettern. Dass so etwas auch im dicht besiedelten Ruhrgebiet möglich ist, zeigen die Städte Herne und Bochum. Auf Brachen ehemaliger Industriebetriebe haben sie dem Nachwuchs jetzt die drei ersten "Wildnisfl ächen" gewidmet. Dort können die Kinder selbstbestimmt im Grünen spielen und ein unverkrampftes Verhältnis zur Natur entwickeln.

"Bitte auf den Wegen bleiben!", "Nichts abpfl ücken!" – Kinder müssen glauben, Natur sei unnahbar und stets mit Regeln und Verboten belegt. Wie sollen Menschen Partei für ihre Mitwelt ergreifen, wenn sie von klein auf immer nur Zaungäste sind? Wald und Wiese, die man nicht selbstbestimmt erleben und erobern darf, werden schnell als langweilig empfunden, warnen Psychologen. Genau diese Sorge bewegt seit einigen Jahren Naturschützer im Revier: "In den Städten wächst eine Generation heran, der die Natur zunehmend fremd wird", sagt Jürgen Heuser, Leiter der Biologischen Station Östliches Ruhrgebiet, "andererseits gibt es fast in jedem Stadtteil verwilderte Industriebrachen, auf denen spannende Naturerlebnisse zum Greifen nahe sind. Wir wollen Kinder wieder für das Spielen im Grünen begeistern, fürs Klettern und Rummatschen." Vielleicht, so die Hoffnung, werden die Erfahrungen, die sie in solcher Umgebung machen, eine Grundlage, dass sie sich später auch für den Schutz der Natur einsetzen.

Die Kinder ziehn mit

Die Statements der Kinder geben Heuser recht: "Normale Spielplätze sind voll langweilig", findet der 11-jährige Kadir. "Ja, hier ist es cool" ergänzt sein Freund Jan, bevor beide auf
Die Herner Fabrik des Maschinenbauers Alex Beien bestand fast 100 Jahre. Auf einem Teil des Geländes wurden in den 1980er-Jahren Wohnhäuser gebaut, der Rest entwickelte sich zu einer Wildnis in der Stadt.
Die Herner Fabrik des Maschinenbauers Alex Beien bestand fast 100 Jahre. Auf einem Teil des Geländes wurden in den 1980er-Jahren Wohnhäuser gebaut, der Rest entwickelte sich zu einer Wildnis in der Stadt.
ihren Rädern Richtung Lehmhügel verschwinden. Eigentlich sollte der Bereich eine Matschzone werden, aber die Kinder haben sie zu ihrer Cross-Strecke gekürt. "Das ist o. k.", findet Susanne Stahlschmidt, Mitarbeiterin der Biostation, "den Kindern Spielraum zu bieten, heißt eben auch, dass sie unser Angebot nach ihren eigenen Bedürfnissen nutzen." Positiv überrascht waren die Erwachsenen, dass die Kinder die neue Wildnis zu ihrer Sache erklärten, schon bevor das offi zielle Startsignal gegeben wurde. Eine wilde Müllkippe wollten sie nämlich nicht als Spielparadies. 14 von ihnen
 
 
griffen zu Plastiksäcken, Handschuhen und Greifzangen. Einen Tag lang klaubten sie Glas, Dosen und anderen Abfall aus dem Gestrüpp des Beien-Geländes, dem früheren Standort einer Maschinenfabrik. Für Sand- und Lehmhügel sorgte die Biostation, und die Stadt ließ einen stabilen Zaun auf der Nordseite setzen. Er trennt die zwei Hektar große Wildnis von einer benachbarten Bahntrasse. Nach den anderen Seiten bleibt das Beien-Gelände offen.

Kein alten, aber neue Lasten

Nicht jede Brachfl äche im Ruhrgebiet ist allerdings für so etwas geeignet. Während das
Die einen kneten mit Begeisterung Figuren aus feuchtem Lehm, ein anderer geht im Mikrokosmos der Laubstreu auf Entdeckungsreise: Da, eine Assel!
Die einen kneten mit Begeisterung Figuren aus feuchtem Lehm, ein anderer geht im Mikrokosmos der Laubstreu auf Entdeckungsreise: Da, eine Assel!
Beien-Gelände in Herne auch wegen der unmittelbaren Nähe zur Biologischen Station ein Glücksfall war, musste in den Bochumer Stadtbezirken richtig gesucht werden. Idealerweise liegen die Flächen nicht mehr als 300 Meter von den Wohnquartieren entfernt. Attraktiv sind Bereiche, in denen sich Kinder unbeobachtet fühlen und wo Strukturen sind, die Lust aufdas Spielen in der Natur machen: Eine Mischung aus Hügeln und Mulden, Gehölzen und Freifl ächen, dazu möglichst Wasser. Durch einfache Gestaltungsmaßnahmen wird der Anziehungskraft nachgeholfen, durchgestylt soll es aber nicht sein: Denn gerade das Ungeordnete und Provisorische erhöht den Reiz. Ungünstige Eigentumsverhältnisse und Altlasten waren Ausschlusskriterien. Mehr Probleme als Altlasten machen allerdings frische "Tretminen", die von Hunden abgesetzt und von ihren
 
 
Haltern nicht beseitigt werden: "Es gibt Zeitgenossen, die betrachten das hier als Hundeklo", sagt Heuser, "solche Leute sprechen wir regelmäßig an und drücken ihnen auch Plastikbeutel in die Hand. Wir hoffen, dass das bald nicht mehr nötig ist."

Downhill auf dem Hosenboden

"Bahn frei!" – das "Arschleder" können Kinder in der Biologischen Station leihen.
"Bahn frei!" – das "Arschleder" können Kinder in der Biologischen Station leihen.
Ein Vertrag zwischen der Stadt und den Naturschützern regelt die
Balancieren, ein Kinderspiel: Der umgestürzte Stamm und das raschelnde Blätterdach schaffen eine völlig andere Atmosphäre als das TÜV-geprüfte Rundholz auf dem Spielplatz der Wohnsiedlung. Hier wird Natur zum Verbündeten.
Balancieren, ein Kinderspiel: Der umgestürzte Stamm und das raschelnde Blätterdach schaffen eine völlig andere Atmosphäre als das TÜV-geprüfte Rundholz auf dem Spielplatz der Wohnsiedlung. Hier wird Natur zum Verbündeten.
Zuständigkeiten. Die Kommune als Eigentümerin bleibt weiter verantwortlich für die öffentliche Grünfl äche, der Pflegebedarf ist aber gering. Neu ist lediglich, dass Naturerfahrungen für Kinder ausdrücklich erwünscht sind und Vorrang haben. Zusätzliche Risiken entstehen dadurch nicht. Um die Bekanntheit und Akzeptanz im Viertel sicherzustellen, sprachen die Initiatoren mit Kindergärten, Schulen, Jugendtreffs und Behörden, vor allem aber mit den Kindern, Eltern und Anwohnern. So entstanden auch erste Patenschaften. Die Paten halten die "Wildnis für Kinder" im Auge und berichten der Biologischen Station, wenn etwas schiefl äuft. Über mangelndes Interesse der Kinder kann Susanne Stahlschmidt nicht klagen. "Manchmal fragen Eltern, ob sie hier Eintritt bezahlen müssen, und dann sind sie überrascht, dass jeder kostenlos willkommen ist." Auf Wunsch veranstaltet die Biostation übrigens Natur erlebnisprogramme, weil manche Kinder Anregungen haben wollen. "Die können sich bei uns auch eine Tasche leihen mit Werkzeug oder Spielsachen. Fast immer bekommen wir alles zurückgebracht, nur manchmal müssen wir etwas ersetzen, zum Beispiel ein Arschleder, auf dem man die Halde runterrutschen kann – na ja, das sind halt Verbrauchsmittel."

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2013


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Drei Brachflächen konnte die Biol. Station Östl. Ruhrgebiet mit Unterstützung der NRW-Stiftung herrichten: Das sogenannte "Beien-Gelände" in Herne nahe der Biostation, das Gelände an der Wester-holtstraße in Bochum-Hustadt und eine weitere Fläche in Bochum-Dahlhausen. www.biostation-ruhr-ost.de

Googlemap aufrufenBiologische Station östliches Ruhrgebiet im: Haus der Natur
Vinckestr. 91
44623 Herne
Telefon: 02323 55541
Telefax: 02323 51360
E-Mail:info@biostation-ruhr-ost.de

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