DAS JAKOB-IMIG-ARCHIV IN LOUISENDORF

EINE INSELSPRACHE AM NIEDERRHEIN

 
 
Goch, Kleve und Kalkar liegen in der Nähe, und Vater Rhein braucht nur noch ein paar Kilometer, um sich jenseits der niederländischen Grenze in "Waal" und "Nederrijn-Lek" zu spalten. Kein Zweifel, wir befinden uns am unteren Niederrhein. Und doch scheint in Louisendorf die Geografie durcheinandergeraten zu sein. Denn seit wann wird am Niederrhein Pfälzisch gesprochen? Nun, schon seit Jahrhunderten! Wer dem Rätsel der "pfälzischen Sprachinsel" auf die Spur kommen möchte, für den ist das Jakob-Imig-Archiv in Louisendorf eine hervorragende Anlaufstelle. Der Ort selbst gehört zu den ungewöhnlichsten Dorfanlagen in ganz Nordrhein-Westfalen.

In der Mitte des Louisenplatzes erhebt sich die 1860 –61 erbaute Elisabethkirche, benannt nach der Ehefrau des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV., Elisabeth Ludovika von Bayern. Louisendorf – die Schreibweise verrät noch den Einfluss der Franzosenzeit – gehört heute zur Gemeinde Bedburg-Hau.
In der Mitte des Louisenplatzes erhebt sich die 1860 –61 erbaute Elisabethkirche, benannt nach der Ehefrau des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV., Elisabeth Ludovika von Bayern. Louisendorf – die Schreibweise verrät noch den Einfluss der Franzosenzeit – gehört heute zur Gemeinde Bedburg-Hau.
Es begann alles im Jahr 1741. Damals machten sich Menschen aus der Kurpfalz mit drei Rheinschiffen von Bacharach aus auf den Weg nach Rotterdam. Ihr Fernziel: Amerika, genauer gesagt Pennsylvania, wo sie Armut und konfessionelle Konflikte hinter sich lassen wollten. Das versuchten im 18. Jahrhundert so viele ihrer Landsleute, dass die "poor Palatines", die armen Pfälzer, in Pennsylvania zum gefl ügelten Wort wurden. Doch dieses Mal scheiterte der Ausreiseplan – und zwar in Schenkenschanz, heute ein Ortsteil von Kleve, dessen 90 Einwohner in seltener Abgeschiedenheit inmitten eines großen Naturschutzgebietes leben. 1741 gehörte Schenkenschanz als Grenzstation noch zu den Niederlanden. Es war zugleich die Endstation für unsere Auswanderer. Denn weil sich in Rotterdam immer mehr Flüchtlinge ansammelten, ließen die Niederlande nur noch Amerika Auswanderer ins Land, die einen gültigen Schiffskontrakt für die Weiterfahrt über den Atlantik besaßen.

Überleben auf der Heide

Da unsere rund 130 Emigranten die geforderten Papiere nicht vorweisen konnten, mussten sie sich notgedrungen diesseits der Grenze niederlassen, im niederrheinischen Herzogtum Kleve, das damals zum Königreich Preußen gehörte. Preußen reagierte keineswegs ablehnend auf die Bitte um "ein Stück wüst Land zur Bebauung und Bewohnung". Es förderte solche Ansiedlungen sogar, sollten die Kolonisten doch helfen, die riesigen Heiden fruchtbar zu machen, die vielerorts durch die völlige Übernutzung der Wälder entstanden waren. In unserem Fall war es die Gocher Heide, wo die Flächen für die Gründung des Ortes "Pfalzdorf" zur Verfügung gestellt wurden. Es war nicht leicht, auf dem kargen Land zu überleben, aber die Auswanderer meisterten die Herausforderung. Nach einigen Jahrzehnten entstanden sogar Tochtergründungen von Pfalzdorf: Louisendorf und Neulouisendorf. Ersteres wurde 1820 gegründet, um auch "dem verödeten Kalkarer Waldstriche eine ehrenvolle und ersprießliche Gestalt" zu geben. Der Ortsname erinnerte dabei an die zehn Jahre zuvor verstorbene Gemahlin König Friedrich Wilhelms III.: Königin Luise. Sie war eine preußische Legende, die 1807 durch ihr Auftreten sogar Napoleon beeindruckt hatte, von dem Preußen kurz zuvor militärisch besiegt worden war. Der französische Kaiser fand sie gar "bezaubernd".

"Friejohr" in Louisendorf

Der Schreibtisch, an dem Jakob Imig Gedichte<br />
im pfälzischen Dialekt schrieb.
Der Schreibtisch, an dem Jakob Imig Gedichte
im pfälzischen Dialekt schrieb.
In ihre neue Heimat hatten die Auswanderer auch ihren Dialekt mitgebracht. Seine Wurzeln liegen in etwas nördlicheren Gefilden als das Pfälzisch, an das man heute normalerweise denkt, reichte die historische Kurpfalz doch hinauf bis zum Hunsrück. Weil die protestantischen Kolonisten lange Zeit fast nur untereinander heirateten, ging ihr "Pälzersch" in der niederrheinisch-katholischen Umgebung nicht unter. Inzwischen sind die Konfessionen liberaler geworden, dafür kümmert sich seit 1955 der "Pfälzerbund am Niederrhein" um die sprachlichen Traditionen. Gründer war Jakob Imig (1905 – 94), ein Landwirt aus Louisendorf, der auch schriftstellerisch tätig war. Er verfasste viele Beiträge zu historischen Themen und schrieb Lyrik wie etwa das Gedicht "Friejohr", wo es über das "errschte Grien" heißt: "Die Welt werrd scheener werre alle Daache." Sprachproben von Jakob Imig findet man auf der Internetseite des Rheinischen Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte. 2004 wurde in Louisendorf das "Jakob-Imig-Archiv" gegründet. Es sammelt Lyrik und Prosawerke, historische Aufsätze und Beiträge zur Familienforschung, zudem finden hier auch Vorträge statt. Während der Öffnungszeiten kann man verschiedene Schriften erwerben – darunter natürlich auch die Werke von Jakob Imig. Sie sind für die Dialektinsel von heraus ragender Bedeutung. Sogar die "Gesellschaft für bedrohte Sprachen" hat schon Wissenschaftler entsandt, um sich Imigs Gedichte von Einheimischen vortragen zu lassen.
Geschichte auf die man zählen kann

Der Ortsgrundriss von Louisendorf mitsamt seinen historischen Bauten ist seit 2002 als Denkmalbereich ausgewiesen. Das Wort "Geschichtszahlen" hat hier eine ganz eigene Bedeutung: 205 mal 205 Meter groß ist der Dorfplatz. In der Mitte thront die Elisabethkirche, auch sie nach einer preußischen Königin benannt. Von den vier Ecken des Kirchplatzes gehen vier Straßen ab. Das Gotteshaus wird von 34 Linden eingefasst – kein Zufall, starb Königin Luise (Bild) doch mit nur 34 Jahren. Um den Dorfplatz gruppieren sich weitere 99 Linden – der hundertste Baum war die 1897 gepflanzte, inzwischen nicht mehr existierende Kaisereiche, deren ehemaliger Standort noch durch eine farbliche Absetzung im Straßenpflaster zu erkennen ist.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2013


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Die NRW-Stiftung unterstützt die Vereinsgemeinschaft Louisendorf bei der Sanierung und Erweiterung des Dorfgemeinschafthauses, in dessen Räumen sich auch das Jakob-Imig-Archiv befindet. Das Archiv ist an jedem ersten Sonntag im Monat von 10.30 bis 12.30 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich. www.louisendorf.de

Googlemap aufrufenJakob-Imig-Archiv
Hauptstraße 47
Louisendorf 47551
Internet: www.louisendorf.de

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