KÜCHENSCHELLEN IN DER NORDEIFEL

FRÜHLING IN LILA

Der wissenschaftliche Gattungsname "Pulsatilla" klingt zwar uralt, ist aber eine neulateinische Wortschöpfung. Er bedeutet Glöckchen und bezieht sich auf die Form der Blüten. Der "Puls" im Namen Pulsatilla, den wir sonst als das regelmäßige Schlagen des Herzens kennen - hier ist er der Klang der Schelle. Hören kann man ihn freilich nur in der Fantasie.<br />
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Bild: Wolfgang Schumacher
Der wissenschaftliche Gattungsname "Pulsatilla" klingt zwar uralt, ist aber eine neulateinische Wortschöpfung. Er bedeutet Glöckchen und bezieht sich auf die Form der Blüten. Der "Puls" im Namen Pulsatilla, den wir sonst als das regelmäßige Schlagen des Herzens kennen - hier ist er der Klang der Schelle. Hören kann man ihn freilich nur in der Fantasie.

Bild: Wolfgang Schumacher
Wenn diese Schellen bimmeln könnten, dann würde man in der Kalkeifel auf manchem Hügel sein eigenes Wort nicht verstehen – zumindest im April, wenn die Küchenschellen (Pulsatilla vulgaris) ihre lila Blüten öffnen. Über 60.000 Exemplare wachsen allein im Naturschutzgebiet "Hundsrück", einem Talhang zwischen Marmagen und Kall in der Nordeifel. Weitere 40.000 sind es am Bürvenicher Berg bei Mechernich. Beide Gebiete sind seit rund 15 Jahren im Eigentum der NRW-Stiftung.

Der so genannte Vertragsnaturschutz macht es möglich. Durch die Wiederaufnahme althergebrachter Wirtschaftsformen – Hütehaltung mit genügsamen Schafen oder Mahd ohne Düngung – regenerierten sich die buntblumigen Kalkmagerrasen von Jahr zu Jahr. "Naturschutz durch Nutzung" lautet die Leitlinie, die diese artenreichen Lebensräume besser erhält als alle Appelle, Paragraphen oder Zäune zusammen. Denn nur der Appetit der Weidetiere sorgt für optimale Bedingungen der lichtbedürftigen Lebensgemeinschaften.

Zwischen Blüte und Fruchtreife vergehen nur wenige Wochen, dann sind aus den Küchenschellen zarte, silbrige "Federschweif-Flieger" geworden. <br />
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Bild: botanikfoto.com
Zwischen Blüte und Fruchtreife vergehen nur wenige Wochen, dann sind aus den Küchenschellen zarte, silbrige "Federschweif-Flieger" geworden.

Bild: botanikfoto.com
Um festzustellen, wie gut sich die Küchenschellen-Bestände in der Eifel infolge der Schafweide entwickelt haben, traf sich der Vize-Präsident der NRW-Stiftung Prof. Wolfgang Schumacher mit seinen Bonner Studenten zu einer großen "Volkszählung". An den bekannten Vorkommen des Hahnenfußgewächses wählten sie repräsentative Ausschnitte, bestimmten exakt die Zahl der Pflanzen und rechneten die Ergebnisse anschließend auf die Gesamtfläche hoch. Für den neun Hektar großen Hundsrück, den Hang zum Gillesbachtal, kamen sie so auf die Zahl von 63.000 Exemplaren.

Früh, aber nicht zu früh

Diesen Augen entgeht nichts; mit geschultem Blick, Zählrahmen und per Menschenkette werden die Magerrasen untersucht. Die Bilanz bestätigt den positiven Trend.<br />
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Bild: Stiftung Rheinische Kulturlandschaft
Diesen Augen entgeht nichts; mit geschultem Blick, Zählrahmen und per Menschenkette werden die Magerrasen untersucht. Die Bilanz bestätigt den positiven Trend.

Bild: Stiftung Rheinische Kulturlandschaft
Zwischen dem Abschmelzen des letzten Schnees und dem Aufblühen der ersten Küchenschellen vergehen meist keine vier Wochen. Die Knospen müssen sich in dieser kurzen Phase nur noch strecken, fertig angelegt sind sie schon seit dem Spätherbst. Dichte, seidige Haare schützen sie vor spätwinterlicher Kälte. Der frühe Blühtermin birgt jedoch Risiken: Bei Minustemperaturen drohen nachts Frostschäden, und tagsüber könnten die Bestäuber ausbleiben. Doch sind die ersten Besucher nicht nur normale Honigbienen, sondern auch kleine Furchen- und Mauerbienen, die niedrige Temperaturen gut vertragen. Außerdem müssen die Blüten die Aufmerksamkeit der Bienen noch nicht mit anderen Pflanzen teilen. Der intensive Farbkontrast zwischen dem Lila der Krone und den goldgelb leuchtenden Staubblättern leitet die Insekten zuverlässig zu diesen Tankstellen, bevor Ende April andere Stauden und Gräser die bodennahen Blüten verdecken.

Lila Blüten werden graue Wirrköpfe

Im Zentrum jeder Blüte sitzen zwischen 30 und 90 winziger Nüsschen. Nach dem Verwelken der Blütenkrone wachsen die fädigen Griffel dieser Früchtchen zu silbergrauen Federschweifen aus. "Im Meyen ist die Blum zu einem grauen haarichten runden Kopff worden, anzusehen wie ein Igel", so beschreibt ein 300 Jahre altes Kräuterbuch die Frucht. Vom Prinzip her ähneln sie dann entfernt einer Pusteblume. Doch während reife Pusteblumen aus zarten Fallschirmchen bestehen, die beim leisesten Windstoß davonschweben, passt zum Fruchtstand der Küchenschelle eher das Bild eines ergrauten Hippies. Es braucht schon mittlere Sturmböen, um eine Strähne aus dem wirren Schopf zu reißen. Manchmal bricht der Frucht stand auch als Ganzes ab und wird zum Spielball des Windes oder einzelne Samen haften am Fell vorbeistreifender Schafe. Zuerfolgreichen Fernreisen den werden die Früchte jedenfalls nur, wenn sich der Stängel bis zur Reife kräftig verlängert und die Samen deutlich über das Par terre der umgeben den Gräser liftet.
Pulsatilla - ein Glöckchen für kleine Kühe?

Der wissenschaftliche Gattungsname "Pulsatilla" klingt zwar uralt, ist aber eine neulateinische Wortschöpfung. Er bedeutet Glöckchen und bezieht sich auf die Form der Blüten. Der "Puls" im Namen Pulsatilla, den wir sonst als das regelmäßige Schlagen des Herzens kennen – hier ist er der Klang der Schelle. Hören kann man ihn freilich nur in der Fantasie.

Rätselhafter ist der deutsche Name "Küchenschelle", jedenfalls dessen erster Teil: Was hat unsere Pflanze mit der Küche zu tun? Zu den Küchenkräutern gehörte sie jedenfalls nie. Eine häufig zu lesende Deutung dehnt das Wort zu einem "Kühchen", leitet den Namen also von einer kleinen Kuh ab und erklärt die Blüte zu einer Kuhglocke. Sprachforscher bezweifeln das, denn das Wort Kühchen ist und war im Deutschen völlig unüblich. Ein Blick über den Tellerrand führt auf eine andere Spur: Im Alpenraum gibt es das alte Wort Kucke für eine Eischale, im Französischen coucon und coque genannt. Dort heißt die Küchenschelle coquelourde oder coquerelle. Im Kokon, der zart gesponnenen Hülle unfertiger Insekten, steckt die gleiche Wurzel. So ist die Küchenschelle wohl eher eine Kucken- oder Kokonschelle, also eine "Eierschalenglocke".

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 1/2013


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Für Zwecke des Naturschutzes erwarb die NRW-Stiftung in der Nordeifel Kalkmagerrasen bei Kall, Mechernich und Marmagen. Eine naturschonende Weidewirtschaft mit Schafen und Ziegen hat maßgeblich dazu beigetragen, dass hier die Zahl der Küchenschellen in den vergangenen Jahren wieder deutlich zugenommen hat. Von der schonenden Bewirtschaftung profitieren viele weitere Pflanzen und Tiere.
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