GERNSDORFER WEIDEKÄMPE IM KREIS SIEGEN-WITTGENSTEIN

HEIMLICHES LEBEN UNTER DEM SCHNEE

Entlang windexponierter Straßenabschnitte werden im Winter solche Zäune zum Verhindern von Schneverwehungen aufgestellt.<br />
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Foto: Peter Fasel
Entlang windexponierter Straßenabschnitte werden im Winter solche Zäune zum Verhindern von Schneverwehungen aufgestellt.

Foto: Peter Fasel
Dicht an der Landesgrenze zu Hessen erstrecken sich die Wiesen und Weiden der Gemeinde Wilnsdorf. Sie sind berühmt für die größten südwestfälischen Orchideenvorkommen, für eine reiche Schmetterlingsfauna und seltene Brutvögel. Die welligen Hänge in Höhenlagen über 400 Meter Meereshöhe liegen fast jeden Winter viele Wochen unter einer dichten Schneedecke. Was machen dann eigentlich die Pflanzen und Tiere, die im Sommer das magere Grünland beleben? Das Naturschutzgebiet der "Gernsdorfer Weidekämpe" bietet Anschauung.

Die meisten Gräser und krautigen Pflanzen, die im Sommer auf den Wiesen, in Kleinseggensümpfen und im Borstgrasrasen blühen, haben den Herbst über Stoffreserven in tief liegende Sprosse oder Knollen eingelagert. Nur ihre strohigen, oberirdischen Teile werden welk, sterben ab und bilden eine Isolierschicht für die am Erdboden schlummernden Knospen. Aus diesen regenerieren sich im nächsten Jahr neue Stängel, Blätter und Blüten. Es wäre übrigens ein Irrtum zu glauben, dass Pflanzen unter Schnee "frieren". Das Gegenteil ist der Fall: Der Boden kühlt in schneefreiem Gelände viel stärker aus als unter einer schützenden Schneedecke.

Neustart mit ererbter Energie

Die Knospen der Arnika schlummern im Winter im Boden.<br />
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Foto: Michael Düben
Die Knospen der Arnika schlummern im Winter im Boden.

Foto: Michael Düben
Neben den Stauden, die unterirdisch überwintern und viele Jahrzehnte alt werden können, gibt es kurzlebige Pflanzen, die "Einjährige" genannt werden. Sie sterben oft schon im Herbst ab. Wie ihr Name andeutet, durchlaufen sie ihre gesamte Entwicklung von der Keimung bis zur Samenreife innerhalb einer Vegetationsperiode. Sie überdauern nur als Samen. Als "Startkapital" für die Keimung enthalten Samen außer dem winzigen Embryo auch ein energiereiches Nährgewebe, mit dem sie ihre ersten Wurzeln und Blättchen aufbauen. Die energiereiche Mitgift macht Samen als Winternahrung für körnerfressende Vögel so attraktiv. Zu den Einjährigen gehören beispielsweise der Hohlzahn oder der Wiesen-Wachtelweizen.

Falter mit Frostschutzmittel

Die halberwachsenen Raupen des Wachtelweizenscheckenfalters überwintern in einem Gespinst.<br />
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Foto: Michael Düben
Die halberwachsenen Raupen des Wachtelweizenscheckenfalters überwintern in einem Gespinst.

Foto: Michael Düben
So gut wie alle heimischen Schmetterlinge repräsentieren eine Winterstrategie, die bei den Insekten unserer Breiten sehr häufig ist: Sie überdauern in Form kälteresistenter Eier oder Puppen, Entwicklungsstadien, in denen sie keine Nahrung aufnehmen müssen. Eine Ausnahme ist der Zitronenfalter, der äußerlich ungeschützt als fertiger Schmetterling überwintert. Seine Körperflüssigkeit enthält allerding sein "Frostschutzmittel" aus Zuckeralkoholen und Proteinen. Im Falllaub oder an Zweigen sitzend warten die Falter auf warme Witterung. Auch in Gernsdorf erscheinen die ersten zartgelben Frühlingsboten Ende März, in milden Jahren vereinzelt schon früher.

Flucht und Tiefschlaf
Drei unterschiedliche Winterstrategien kann man bei den Wirbeltieren des Gebiets unterscheiden. Die erste lautet "Flucht" und ist den Gefiederten vorbehalten. Zugvögel wie Wiesenpieper, Neuntöter oder Wachtelkönig verlassen das Siegerland aber nicht, weil es ihnen im Winter zu kalt ist.
Das Braunkehlchen überwintert in Afrika.<br />
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Foto: Peter Fasel
Das Braunkehlchen überwintert in Afrika.

Foto: Peter Fasel
Ihr Federkleid würde sie auch bei Minustemperaturen problemlos schützen. Einziger Grund, nach Süden zu entschwinden, ist der drohende Hungertod, denn als Insektenfresser würden sie auf den tief verschneiten Wiesen keine Nahrung finden. Dieses existenzielle Problem lösen Igel und Fledermaus, Grasfrosch, Erdkröte und Waldeidechse ganz anders. Sie gehören zum zweiten Strategietyp, den "Tiefschläfern", die in frostfreien Verstecken den Winter aussitzen. Indem sie ihre Körpertemperatur fast auf null senken, reduzieren sie auch ihren Energiebedarf. Nur Spitzmäuse können das nicht, jedenfalls nicht länger als wenige Stunden. So wechseln sie zwischen Tiefschlaf im Sparflammenmodus und Phasen wuseliger Aktivität, in denen sie im Gräserfilz unter dem Schnee nach Spinnen, Insektenlarven und Regenwürmern suchen. Wichtigster Detektor ist dabei die feine Nase.

Business as usual

Auch die Ärige Teufelskralle schlummert im Winter.<br />
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Foto: Michael Düben
Auch die Ärige Teufelskralle schlummert im Winter.

Foto: Michael Düben
Der dritte Typ wird von den übrigen Säugetieren und den im Gebiet ausharrenden Vögeln, zum Beispiel Krähen, Finken, Meisen und Spechten, repräsentiert. Deren Motto lautet "business as usual". Abgesehen von bescheidener Vorratshaltung suchen und finden sie ausreichend zu fressen. Auch Wühlmäuse bleiben geschäftig unter dem Schnee, für uns freilich unsichtbar. Wenn die weiße Pracht abtaut, wird das Netz ihrer regelmäßig benutzten "Mäuseautobahnen" um so deutlicher. Ihre Aktivität ermöglicht auch Beutegreifern wie Waldkauz und Fuchs das Überleben. Diese können mit ihrem ausgezeichneten Gehör ihre Beute durch die Schneedecke orten und zielsicher zupacken. Die heimischen Säugetiere leiden übrigens im Winter nur höchst selten unter Hunger oder Kälte. Ihr Stoffwechsel, ihr Haarkleid und ihr Verhalten haben sich in Jahrtausenden den hiesigen Verhältnissen angepasst.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 3/2012


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Auf Antrag des NABU Siegen-Wittgenstein erwarb die NRW-Stiftung rund 23 Hektar Land im FFH-Gebiet "Gernsdorfer Weidekämpe" bei Wilnsdorf und Netphen, um diese Flächen dauerhaft für Zwecke des Naturschutzes zu nutzen. Informationen über das Gebiet mit seinen bemerkenswerten Tieren und Pflanzen gibt es unter:
www.nabu-siwi.de

Googlemap aufrufenNABU Siegen-Wittgenstein
Am Buchholz 1
57319 Bad Berleburg
Telefon: 02751 5512
E-Mail: info@nabu-siwi.de
Internet: www.nabu-siwi.de

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