AUF DEN SPUREN DER NIEDERRHEINISCHEN WALDGESCHICHTE

DIE NATUR UND DIE GESCHICHTE

Gegen Ende des Zweiten Welt­krieges kam es am Niederrhein zu hef­tigen Kampfhandlungen, unter ande­rem im Klever Reichswald und im Diersfordter Wald bei Wesel. Tausende Menschen starben damals, während insbesondere der Klever Reichswald zum Teil schwer verwüstet wurde. In der Nachkriegszeit konnten diese Ver­wüstungen nur durch rasch wachsen­ des Nadelholz ausgeglichen werden – obwohl die Natur in der Region eigentlich Laubwald eingeplant hatte. Bis heute haben die Forstleute damit zu tun, reine Nadelholzbestände nach Möglichkeit zumindest durch Misch­ wald zu ersetzen. Doch nicht zum ers­ten Mal in der Geschichte hatte sich das natürliche Waldbild nachhaltig ver­ändert, denn der Mensch beeinflusste auch unabhängig von Kriegsereignis­sen stets die Landschaften, in denen er lebte. Mit oft fatalen Folgen: Im 18. Jahrhundert bestand der Wald in unseren Breiten vielerorts nur noch aus kümmerlichen Resten.

<small>Bild: Dietrich Cerff</small>
Bild: Dietrich Cerff
Eigentlich ist der Niederrhein eine eher waldarme Gegend, trotzdem gibt es hier aber gute Gründe für ein Projekt mit dem Titel "Auf den Spuren der Waldgeschichte". Da wäre zum einen die Möglichkeit zur Ko­operation mit den niederländischen Nach­barn in der Grenzregion Rhein­Waal, der beide Seiten viele Erkenntnisse verdanken.

Zum andern existieren am Niederrhein zwar nur einige wenige großflächige, dafür aber zum Teil sehr wertvolle Waldlandschaften: Der Erhalt der bis zu 150 Jahre alten knorrig­ krummen Eichenbestände auf den boden­ sauren Sandebenen des Diersfordter Waldes, zu dem auch Heide­ und Moorflächen gehören, wird sogar von der EU gefördert. Weil es hier genügend Totholz gibt, finden auch gefährdete Arten wie der Hirschkäfer noch einen Lebensraum.

Duisburgs wilde Rösser

Kaiser Otto III. wurde 980 im Klever Reichswald geboren. <small>Bild: Ralf J. Günther</small>
Kaiser Otto III. wurde 980 im Klever Reichswald geboren. Bild: Ralf J. Günther
Nicht zuletzt spiegelt sich in den Wäldern des Niederrheins eine sehr reiche Kultur­geschichte. Im Klever Reichswald beispiels­weise, der im Mittelalter lange Zeit unter der direkten Herrschaft von Königen und Kaisern stand, erblickte im Jahr 980 sogar ein berühmter Herrscher das Licht der Welt: Otto III., der Sohn von Kaiser Otto II. und dessen Frau Theophanu, einer byzantini­schen Prinzessin. Andere niederrheinische Wälder bieten nicht minder ungewöhnliche Geschichten: Durch den Duisburger Stadt­ wald galoppierte jahrhundertelang eine halbwilde Pferdeherde. Die Tiere hatten viele Bewunderer, und angeblich wollte einst sogar Napoleon eines der wilden Duisburger Rösser kaufen. Der recht abgelegene Däm­mer Wald nördlich der Lippe wiederum hat es zu hohen literarischen Ehren gebracht. Denn vor dem Ersten Weltkrieg beschrieb der bedeutende expressionistische Schrift­steller Gustav Sack die dortige Natur in glühenden Worten.

Malerische Hohlwege – wie hier im Klever Reichswald – entstanden durch die jahrhundertelange Benutzung immer gleicher Zufahrtswege in den Wald. <small>Bild: Dietrich Cerff</small>
Malerische Hohlwege – wie hier im Klever Reichswald – entstanden durch die jahrhundertelange Benutzung immer gleicher Zufahrtswege in den Wald. Bild: Dietrich Cerff
Wohlgemerkt: Mit dem Begriff "Natur" ist hier nicht die so oft beschworene "unberühr­te Natur" gemeint. Denn Letztere ist fast überall in Deutschland, ja, sogar in den meisten Gebieten Europas, eine Fiktion – und zwar schon seit sehr langer Zeit. Die nie­derrheinischen Wälder wurden zum Teil be­reits in germanisch­römischer Zeit nachhaltig verändert, wie unter anderem die archäologi­schen Hinweise auf römische Landgüter im Gebiet des heutigen Klever Reichswalds beweisen. Diese Güter, die die Städte und Militärlager des Imperiums mit landwirt­schaftlichen Erzeugnissen versorgen sollten, umfassten bis zu 90 Hektar Fläche, weshalb der Reichswald damals mit Acker­ und Wei­deland durchsetzt gewesen sein muss. Nimmt man den immensen Bau­ und Brennholzbedarf für Häuser, Wagen, Schiffe, Ba­dethermen und Ziegeleien hinzu, dann ist bereits für die Römerzeit mit einem starken Rückgang der Baumbestände zu rechnen – bis hin zur Bildung erster Strauchland­schaften.

Aus Wald wird Heide


Inschrift am 1871 erbauten Forsthaus Curtius im Duisburger Stadtwald. <small>Bild: Ralf J. Günther</small>
Inschrift am 1871 erbauten Forsthaus Curtius im Duisburger Stadtwald. Bild: Ralf J. Günther
Als der wirtschaftliche Druck durch den Rück­zug des Römischen Reiches nachließ, breitete sich der Wald zunächst wieder stärker aus. Aber im Laufe des Mittelalters und vor allem in der frühen Neuzeit (dem 16. bis 18. Jahr­ hundert) geriet er wieder unter Druck, weil die Menschen erneut viel Bau­ und Brennholz benötigten und Wälder zudem als Viehweide benutzten. Der Verbiss durch die hungrigen Mäuler von Kühen, Schafen und Ziegen ver­hinderte das ausreichende Nachwachsen jun­ger Schösslinge. Noch fataler wirkte sich der Plaggenhieb aus – das Abtragen der flachen Humusschicht, die man mit Jauche vermischt als Dünger auf die Felder warf. Auf überstra­pazierten Waldböden entstanden schließlich große Heideflächen, auf denen es kaum noch Holz gab und die sogar zu versanden drohten. Laubbäume konnte man dort nicht anpflan­zen, nur das anspruchslosere Nadelholz bot die Möglichkeit, den Wald wieder aufleben zu lassen – wenn auch mit standortfremden Bau­marten, die anfällig gegenüber Stürmen und Schädlingen waren.

Hirschkäferpanzer im Museum "Eiskeller" in Wesel-Diersfordt, nahe beim Diersfordter Wald. <small>Bild: Ralf J. Günther</small>
Hirschkäferpanzer im Museum "Eiskeller" in Wesel-Diersfordt, nahe beim Diersfordter Wald. Bild: Ralf J. Günther



Spurensuche

Eins der eindrucksvollen Grabmäler der Adelsfamilie von Wylich im Diersfordter Wald. Das Projekt möchte die Augen der Wanderer aber auch dafür schärfen, dass die Vegetation selbst ein Zeuge der Geschichte sein kann. <small>Bild: Bernd Hegert</small>
Eins der eindrucksvollen Grabmäler der Adelsfamilie von Wylich im Diersfordter Wald. Das Projekt möchte die Augen der Wanderer aber auch dafür schärfen, dass die Vegetation selbst ein Zeuge der Geschichte sein kann. Bild: Bernd Hegert
Ein so umfangreiches Projekt wie die "Spu­ren der Waldgeschichte" bedarf wissenschaft­licher Vorarbeiten. Die NABU­-Naturschutz­station Niederrhein e. V. und der dort für das Projekt zuständige Biologe Dietrich Cerff haben daher unter anderem ein ausführliches Gutachten in Auftrag gegeben, in dem nie­derländische und deutsche Forsthistoriker wie Martijn Boosten, Peter Burggraaff und Bernward Selter die Waldgeschichte der Regi­on ausführlich darstellen. Genauso wichtig ist es aber, dass auch Laien den waldhistorischen Entwicklungen anhand von anschaulichen Beispielen nachspüren können. Was lässt sich an alten Baumbeständen über die Wald­ weide in früheren Jahrhunderten ablesen? Wie sind die für uns oft so malerisch wirken­ den Hohlwege entstanden? Nach welchen Prinzipien wurden Forstwege angelegt? Was haben Töpferei und Ziegelherstellung mit der Entstehung von Waldgewässern zu tun? Wie haben sich Tier­ und Pflanzenwelt im Laufe der Zeiten entwickelt?

In geschützten Arealen kann die Natur sich innerhalb unserer Wirtschaftswälder nach ihren eigenen Regeln entfalten. <small>Bild: Ralf J. Günther</small>
In geschützten Arealen kann die Natur sich innerhalb unserer Wirtschaftswälder nach ihren eigenen Regeln entfalten. Bild: Ralf J. Günther
Auf solche und andere Fragen will das Pro­jekt Antworten geben und stellt daher eine Fülle von Informationsangeboten bereit. Die Ausarbeitung von Wanderwegen und der Druck von Faltblättern mit Erläuterungen gehören ebenso dazu wie eine Website mit aktuellen Infos und Links. Es werden ge­führte Exkursionen organisiert, und es gibt farbige Broschüren, die zu einzelnen Wald­gebieten vertiefenden Lesestoff bieten und die Möglichkeit eröffnen, sich anhand detail­lierter Tourenvorschläge auf mehrstündige Wanderungen zu begeben. Jede dieser Wan­derungen ist eine Entdeckungsreise – in die Natur und in die Geschichte.
Zwischen Natur und Nutzung

Die Wechselwirkung von Mensch und Natur prägt oft noch nach Jahrhunderten charakteristische Waldbilder. <small>Bild: Dietrich Cerff</small>
Die Wechselwirkung von Mensch und Natur prägt oft noch nach Jahrhunderten charakteristische Waldbilder. Bild: Dietrich Cerff
Für viele überraschend: Es gibt in Deutschland heute weit mehr Wald als etwa vor 250 Jahren. Die damals durch den Menschen stark zurückgedrängten Wälder dehnten sich erst durch Aufforstung und nachhaltige Forstwirtschaft wieder aus. Ihr Aussehen veränderte sich dabei: Dominieren heute hohe Stämme, so kappte man früher im "Niederwald" die Bäume oft in geringer Höhe, um durch "Stockausschläge" schneller Holz zu gewinnen. Auch gab es vor Jahrhunderten noch keine riesigen, auf wirtschaftliche Effizienz ausgerichteten Nadelholzmonokulturen. Der Klever Reichswald etwa umfasst derzeit noch rund 50 Prozent Nadelholz. Die ganze Vielfalt des Lebensraumes Wald kann man hier aber in einem fast 600 Hektar großen Naturschutzgebiet sowie in kleineren Naturwaldzellen und "Wildnisgebieten" erleben. Der Dämmer Wald bei Schermbeck steht sogar fast komplett unter Naturschutz – auch wegen der "hervorragenden Schönheit" des mit 1.500 Hektar größten unzerschnittenen Waldgebietes im Kreis Wesel.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2014/2


Kommentare

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10.11.2013, Gerlinde Semrau-Lensing

im Rahmen des hier benannten Themas - Symposium in Milsbeek - war ich auch auf dem Jansberg.
Sowohl die sorgfältige Vorbereitung des Themas, die anspruchsvollen Vorträge, Bilddokumentationen und sachkundigen Führungen haben mir sehr gut gefallen.
Das Bewußtsein für die historische Begrifflichkeit und Beachtung hat sich demnach in den letzten 10 Jahren mehrfach gesteigert, was mich sehr freut. Mein Blickwinkel aus AK Kermisdahl-Wetering-Sicht: Europäische Gartenkunst - Spuren des Fürsten Joh [...] mehr


Die NRW-Stiftung fördert zusammen mit der EU auf Antrag der NABU-Naturschutzstation Niederrhein e. V. das Projekt "Auf den Spuren der Waldgeschichte", bei dem im deutsch-niederländischen Grenzgebiet bei Kleve die Waldgeschichte von Forstfachleuten, Historikern und Naturschützern für Besucher aufbereitet wird.

Weitere informationen unter:
www.waldgeschichte-euregio-rheinwaal.de
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