DER SCHRABBEN HOF IN KIRCHHUNDEM-SILBERG

DENKMALSCHÜTZER AUF MINI-AUTOS

Männer und ihre Rennmaschinen.<br />
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Männer und ihre Rennmaschinen.

(Foto: Stefan Ziese)
Von Heimatmuseen erwartet man keine Geschwindigkeitsrekorde. Auch das Gemeinde-Heimatmuseum im sauerländischen Dorf Silberg erinnert mit seiner historischen Sammlung an frühere Zeiten. Das Modell eines "Rennofens" hat hier nichts mit pfeilschneller Fortbewegung zu tun, sondern illustriert ein Kapitel regionaler Bergbaugeschichte. Trotzdem: Ohne Temporausch gäbe es in Silberg heute weder ein Heimatmuseum noch eine Begegnungsstätte für Jung und Alt. Des Rätsels Lösung trägt den schönen Namen "Rutschauto". Es ist eigentlich für Kleinkinder ab 12 Monaten gedacht, aber in Silberg bewegt es ein ganzes Dorf.

Der Mini-CartClub restaurierte liebevoll den Schrabben Hof in Silberg.<br />
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Der Mini-CartClub restaurierte liebevoll den Schrabben Hof in Silberg.

(Foto: Stefan Ziese)
So ein "Rutschauto" ist wirklich winzig, wenn man als Erwachsener davor steht und sich ein wenig wie Gulliver im Lande Liliput fühlt. Nimmt man auf dem Fahrersitz Platz, scheint es prompt noch weiter zu schrumpfen und je angestrengter man versucht, seine Beine in der Luft zu halten, desto mehr gefährdet das Lenkrad sensible Körperregionen. Derweil fachsimpeln die Silberger MiniCart-Experten ungerührt über Geschwindigkeiten von mehr als 80, ja, sogar von über 100 Stundenkilometern. Sie müssen es wissen, denn der MiniCart-Kult wurde in ihrem Dorf erfunden.

Bergab aufwärts

Treffpunkt Schrabben Hof<br />
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<small>(Foto: Stefan Ziese)</small>
Treffpunkt Schrabben Hof

(Foto: Stefan Ziese)
Dass Erwachsene auf Mini-Autos bergab, pardon: "downhill", rasen, war ursprünglich eine reine Schnapsidee. In Silberg kamen einige Enthusiasten davon, aber nicht mehr los, was 1998 zur Gründung eines Vereins führte, der sich zunächst "Bobbycar-Club" nannte. Denn ursprünglich ging man ausschließlich mit originalen Bobbycars der Firma BIG aus Fürth an den Start. Bei den seit 1972 bereits 17 Millionen verkauften Mini-Autos hatte der Hersteller zwar strahlende Kinderaugen und nicht spektakuläre Rennveranstaltungen auf abschüssigen Straßen im Sinn. Da sich die neue Fun-Sportart aber im wahrsten Sinne des Wortes rasant entwickelte, unterstützte er den unerwarteten Werbeeffekt gerne mit Sponsorengeldern. Heute ermöglichen zahlreiche Vereine in unterschiedlichsten Regionen eine harte Rennkonkurrenz mit Amateur- und Profiläufen, mit Europameisterschaften und sogar Weltranglisten.

Werkeln am MiniCart<br />
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Werkeln am MiniCart

(Foto: Stefan Ziese)
So weit, so sportlich. Doch, was das Mini-Auto für das 450-Seelen-Dorf Silberg eigentlich bedeutet, lässt sich erst ermessen, wenn man die Probleme vieler kleiner und abgelegener Orte kennt, denen die Abwanderung vor allem junger Menschen zu schaffen macht. Das drohende oder bereits eingetretene "Leerfallen" von Häusern, das ausgerechnet die Ortskerne besonders stark trifft, lässt sich auch im Kreis Olpe beobachten. Läden oder Gaststätten sucht man vielerorts vergeblich und auch gesellige Unterhaltungsmöglichkeiten fehlen oft. Umso erfreulicher, wenn ein Verein mit rund 100 Mitgliedern wieder Aufwärtsschwung ins Dorfleben bringt. In Silberg geschah das mit temporeicher Action, die für junge Leute attraktiv ist und in den Medien seit Jahren für viel Echo sorgt.

Markenzeichen aus Silberg

Alte Landmaschinen bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung.<br />
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Alte Landmaschinen bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung.

(Foto: Stefan Ziese)
Die Auftritte der Silberger Mini-Auto-Matadore sind äußerst populär. Sie waren schon zu Gast bei "Wetten, dass ..." und haben in Südafrika beim Dreh eines Schokoladen-Werbespots mitgemischt. Auch Firmen buchen gerne Termine. Während bei den klassischen Rennen allein die Schwerkraft für Tempo sorgt, kommen dann oft motorisierte Fahrzeuge zum Einsatz, auf denen sich Sekretärinnen und Chefs spannende Überholmanöver liefern dürfen.Die einseitige Bindung an die Bobbycars hat der Verein längst aufgegeben und sich stattdessen zum MiniCartClub emanzipiert, der auch Fahrzeuge anderer Hersteller zulässt und seinen Namen zudem als Markenzeichen eingetragen hat. Dass die MiniCarts auch finanziell erfolgreich waren, fasst Vereinssprecher Thomas Hille in die lapidaren Worte: "Wir hatten Geld übrig." Das gab dem Club die Gelegenheit, etwas für seinen Heimatort zu tun.

Sturzhelme, Schutzkleidung und Streckensicherung sind unverzichtbar.<br />
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<small>(Foto: Stefan Ziese)</small>
Sturzhelme, Schutzkleidung und Streckensicherung sind unverzichtbar.

(Foto: Stefan Ziese)
Im Mai 2003 übernahm er von der Gemeinde das "Schrabben Gut", eine denkmalgeschützte Hofanlage mit langer Geschichte und altem Gebäudebestand. Bedingung: Ein Treffpunkt für gesellige und kulturelle Begegnungen sollte entstehen. Da Haupthaus und Scheune dringend sanierungsbedürftig waren, standen zahllose Stunden ehrenamtlicher Arbeit auf dem Programm. Der Club nahm die Denkmalpflege in seine Satzung auf. Seine Sorge galt nicht mehr nur kleinen Plastikautos, sondern auch Objekten, die teilweise aus Zeiten stammen, in denen sowohl Plastik als auch Autos noch unbekannt waren. Diese außergewöhnliche Kombination fand die NRW-Stiftung mit Recht förderungswürdig. Im Juni 2012 befanden die Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe: "Die überlieferte historische Bausubstanz ist vorbildlich instand gesetzt worden."

Museum und multifunktionale Scheune

Im Haupthaus von Gut Schrabben hat seit 2009 das Gemeinde-Heimatmuseum sein Domizil. Träger ist der MiniCartClub, präsentiert wird die umfangreiche Sammlung von Ortsheimatpfleger Herbert Severin. Ein Themenschwerpunkt liegt auf der lokalen Bergbaugeschichte, für die das Haus selbst ein außergewöhnlicher Zeuge ist. Denn, als das Gebäude vor rund 100 Jahren nach einem Brand neu errichtet wurde, verwendete man für den Stallanbau mächtige Stahlträger aus einer benachbarten Grube.

Das Backhaus<br />
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<small>(Foto: Stefan Ziese)</small>
Das Backhaus

(Foto: Stefan Ziese)
Die neben dem Museum liegende Scheune hat als Gaststätte, Veranstaltungsort, Jugendtreff und MiniCart-Werkstatt eine multifunktionale Wiedergeburt der besonderen Art erlebt. Nicht nur Einheimische treffen sich hier, auch Wandergruppen können sich – nach entsprechender Voranfrage – von Schankraum-Chefin Ellen Knigge bewirten lassen. Neuerdings ist der MiniCartClub auch verantwortlich für das alte Backhaus aus dem 18. Jahrhundert, das ebenfalls zur Hofanlage gehört. Es wurde schon im Jahr 2000 mithilfe der NRW- Stiftung vom "Heimat- und Backesverein Silberg" restauriert, der es dem Club überlassen hat. Mehrmals im Jahr finden hier gesellige Backtage statt. Die Allerkleinsten haben auf dem Hofgelände einen Spielplatz spendiert bekommen, Jugendliche können in der Scheune hingegen einen Raum mit Kickertisch und Monitorspielen nutzen. Viel wichtiger ist den meisten aber das eigenhändige Schrauben und Basteln an den Mini-Carts. Grundmaße und Karosserie sollen zwar erhalten bleiben, aber Eingriffe wie insbesondere die Erhöhung des Gewichts sind gerade im Profibereich unverzichtbar. Auch teure Keramikkugellager kommen zum Einsatz, wenn an jedem 1. Mai im Dorf der "Große Preis von Silbergstone" ausgetragen wird. Hier und bei den vielen anderen Rennen in ganz Deutschland lassen sich immer mehr Zuschauer von den MiniCarts begeistern – und erinnern sich vielleicht daran, wie sie als Kleinkinder einst selbst das Auto mit dem "Fuß-Schub-Motor" steuerten.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2012


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Die NRW-Stiftung unterstützte den MiniCartClub Deutschland e. V. bei der denkmalgerechten Sanierung der historischen Hofanlage "Schrabben Gut". Das alte Speichergebäude des Gutshofs, in dem sich die historische Backstube befindet, konnte ebenfalls mit Hilfe der NRW-Stiftung instand gesetzt werden.

Googlemap aufrufenSchrabben Gut
Silberger Straße 32
57399 Kirchhundem-Silberg
Telefon: 02764 7641
Internet: www.minicartclub.de

Öffnungszeiten:
Jeden zweiten Sonntag im Monat von 14.00-17.00 Uhr und nach Vereinbarung
Führungen für Gruppen nach Vereinbarung

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