PFLEGEMUSEUM KAISERSWERTH

DIE KULTUR DER PFLEGE UND DIE PFLEGE DER KULTUR

Das neue Pflegemuseum der Fliedner-Kulturstiftung ist im ehemaligen Schwesternspital "Haus Tabea" untegebracht.
Das neue Pflegemuseum der Fliedner-Kulturstiftung ist im ehemaligen Schwesternspital "Haus Tabea" untegebracht.
Er interessierte sich für Gefängnisse, brachte von einer Ägyptenreise eine Mumie mit und übernachtete als alter Mann in einem Kuhstall. Doch so merkwürdig diese Aufzählung auch klingen mag, das Leben Theodor Fliedners war keine Jagd nach möglichst vielen ungewöhnlichen Erlebnissen, sondern stand ganz im Dienst sozialer Verantwortung. Fliedners Kaiserswerther Diakonissenanstalt wurde im 19. Jahrhundert zu einem Meilenstein in der Geschichte der Krankenbetreuung. Die hier ausgebildeten Pflegerinnen linderten nicht nur menschliches Leid, sie förderten mit ihrer Arbeit auch nachhaltig die gesellschaftliche Anerkennung weiblicher Berufstätigkeit. Nun hat die Fliedner-Kulturstiftung in Kaiserswerth das erste deutsche Pflegemuseum eröffnet.

Kaiserswerth – heute ein Stadtteil von Düsseldorf – lockt mit vielen Sehenswürdigkeiten. Besonders eindrucksvoll ist die Ruine einer mächtigen Pfalzanlage aus der Epoche Kaiser Friedrich Barbarossas. Auch die Basilika St. Suitbertus zählt zu den herausragenden mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten am Rhein. Das gründerzeitliche Backsteinensemble der Kaiserswerther Diakonie stammt zwar aus nicht ganz so ferner Vergangenheit, hat mit seiner eindrucksvollen Architektur aber schon oft als Film- und Fernseh kulisse gedient – etwa für Thriller wie "Die Frau des Sizilianers" oder für Actionserien wie "Alarm für Cobra 11". Unter Denkmalschutz stehen die Gebäude aber nicht wegen ihrer TV-Tauglichkeit, sondern als Zeugen eines tiefgreifenden Wandels in der Kultur des Helfens.

Mit seiner Arbeit leistete Fliedner einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Krankenpflege.
Mit seiner Arbeit leistete Fliedner einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung der Krankenpflege.
Begonnen hatte alles mit dem Entschluss des jungen Kaiserswerther Pfarrers Theodor Fliedner und seiner Frau Friederike, die Anfang des 19. Jahrhunderts oft katastrophalen Zustände in den Krankenhäusern zu reformieren. Vor allem der Mangel an Sauberkeit und an menschlicher Zuwendung stellten schwere Missstände in vielen Krankenstuben dar. Wenn Hospitäler aber mehr sein sollten als reine Verwahr-, ja schlimmstenfalls sogar Verwahrlosungsanstalten für hilfsbedürftige Menschen, dann wurde vor allem gut ausgebildetes Personal benötigt. So riefen die Fliedners am 13. Oktober 1836 die Kaiserswerther Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen ins Leben und leiteten damit eine Professionalisierung der Krankenfürsorge ein, deren Bedeutung für das beginnende Industriezeitalter kaum überschätzt werden kann.

Florence Nightingale am Rhein

Das "Markenzeichen" der Diakonissen – die Haube.
Das "Markenzeichen" der Diakonissen – die Haube.
Das Wort Diakonie bedeutet Dienst. Als Dienerinnen Gottes und ihrer Mitmenschen sollten die Diakonissen leben und arbeiten. Eine besondere Berufstracht unterstrich ihren Status, darf allerdings nicht zu dem Missverständnis verleiten, die Trägerinnen seien Angehörige eines Ordens. Binnen weniger Jahrzehnte fassten die Diakonissen in vielen Teilen der Welt Fuß, so zum Beispiel in Istanbul, in Jerusalem oder Beirut. Theodor Fliedner unterstützte die Ausbreitung seiner Idee selbst durch lange Auslandsreisen, die ihn bis nach Amerika führten. Eine Fürsprecherin fand das Kaiserswerther Modell zudem in Florence Nightingale, der wohl berühmtesten Wegbereiterin der modernen Krankenbetreuung. Als noch unbekannte 21-jährige Frau wurde sie 1851 mehrere Monate lang in Kaiserswerth ausgebildet. Die wenige Jahre später wegen ihres humanitären Einsatzes im Krimkrieg wie eine Heldin gefeierte Britin widmete der Fliedner´schen "Intitution of Kaiserswerth" sogar eine eigene Veröffentlichung.

Das "Haus Tabea" heute...
Das "Haus Tabea" heute...
...und damals.
...und damals.
Auf dem Gelände der Kaiserswerther Diakonie steht heute das Florence-Nightingale-Krankenhaus, zu dessen Grundsteinlegung im Jahr 1970 Prinzessin Anne, die Tochter von Queen Elizabeth II., persönlich anreiste. Angesichts solcher und vieler anderer historischer Verflechtungen gibt es also viele Gründe, um die Geschichte der Diakonie im neuen Pflegemuseum der Fliedner-Kulturstiftung näher zu beleuchten. Schon das Gebäude, in dem die Ausstellung untergebracht ist, erzählt von der Vergangenheit. Das "Haus Tabea" diente früher als Schwesternkrankenhaus. Hier konnten diejenigen Frauen selbst gesunden, die ansonsten stets für die Gesundheit anderer da waren. Benannt ist das Haus nach einer Jüngerin Jesu, von der es im Neuen Testament heißt, sie habe zahlreiche gute Werke getan.

Informatives Fragezeichen

Der original erhaltene Schreibtisch Theodor Fliedners mitsamt seinen Schreibutensilien ist im Museum zu sehen.
Der original erhaltene Schreibtisch Theodor Fliedners mitsamt seinen Schreibutensilien ist im Museum zu sehen.
Der Persönlichkeit Theodor Fliedners kommt man besonders nah, wenn man in der Ausstellung vor dessen original erhaltenem Büromobiliar steht. Neben Fliedners Lebenswerk geht es in den fünfzehn Themenräumen des Museums vor allem um die Geschichte und die kulturellen Traditionen des Pflegens und Helfens im Allgemeinen. Beim Rundgang steht der Besucher vor einem riesigen Fragezeichen. Kein Grund zur Ratlosigkeit allerdings – bei der Installation handelt es sich um eine ungewöhnlich gestaltete Infostation. Die scheinbar simple Frage, warum Menschen anderen Menschen überhaupt helfen, wird hier anhand von Audioeinspielungen mit konkreten Lebensgeschichten verknüpft. Das Beispiel zeigt: Denkanstöße spielen im Museum eine zentrale Rolle.

Ein Fragezeichen, das Antworten gibt: Infostation im Pflegemuseum.
Ein Fragezeichen, das Antworten gibt: Infostation im Pflegemuseum.
Doch jede Hilfeleistung ist zuletzt immer auch eine Frage des konkreten Handelns. Über ein Schild mit der Aufschrift "Bitte anfassen" sollte man sich in einem Pflegemuseum daher nicht wundern. Es verweist auf eine lebensgroße, moderne Übungspuppe, an der sich viele Handgriffe aus dem pflegerischen Alltag demonstrieren und einstudieren lassen. Die historische Dimension praktischer Krankenhilfe verdeutlichen hingegen diverse alte Hygieneapparaturen – über deren Sinn und Zweck man sich ohne die mitgelieferten Erläuterungen bisweilen kaum schlüssig werden könnte.


Unverzichtbar für NRW

Die Keimzelle der Fliedner´schen Diakonissenanstalt lag am Markt der Stadt Kaiserswerth. Hier steht immer noch das einstige Stammhaus, das inzwischen als Altenheim dient. Ab 1881 verlagerte die Anstalt ihre Einrichtungen jedoch auf das heutige Gelände, damals noch vor den Toren von Kaiserswerth. Theodor Fliedner selbst hat den Neuanfang seiner Gründung, die mit ihrem wachsenden Flächenbedarf auch ihren wachsenden Erfolg unterstrich, nicht mehr erlebt. Die Umzugsplanungen nahm sein Schwiegersohn Julius Disselhoff in Angriff. Wie schon Friederike Fliedner, die 1842 bei der Geburt ihres zehnten Kindes gestorben war, hatte überdies auch Theodor Fliedners zweite Ehefrau Caroline entscheidenden Anteil an den Kaiserswerther Projekten. Weit über den Tod ihres Mannes hinaus amtierte sie bis 1883 als Vorsteherin der Diakonissen.

Ein Inhalationsapparat mit "elektrischer Heizung".
Ein Inhalationsapparat mit "elektrischer Heizung".
Bereits im 19. Jahrhundert war die Kaiserswerther Diakonie eine komplexe Organisation mit Erholungsheimen, einem Waisenhaus und einer Buchhandlung. Heutzutage beschäftigt das christlich orientierte Unternehmen fast 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unterschiedlichsten Bereichen. Dazu zählt auch eine Werkstatt für Paramentik, das heißt kirchliche Textilien. Pflege und Hilfe bilden immer noch den Schwerpunkt der Arbeit: Allein das Florence-Nightingale-Krankenhaus unterhält elf Fachkliniken. Daneben gibt es Kindertagesstätten und Altenzentren sowie Angebote im Bereich der Familienhilfe und Jugendbetreuung. Sogar eine eigene Fachhochschule existiert seit 2011.

Das Blutdruckmessgrät ist auch heute noch von Bedeutung: Im Pflegemuseum können Besucher es ausprobieren.
Das Blutdruckmessgrät ist auch heute noch von Bedeutung: Im Pflegemuseum können Besucher es ausprobieren.
Die meisten Diakonissen leben heute im Ruhestand. Längst überwiegen bei Krankenschwestern und Erzieherinnen "normale" Angestelltenverhältnisse. Daher wurde das Mutterhaus, das rund hundert Jahre lang Herberge und heimatliche Basis für die evangelischen Pflegerinnen gewesen war, im Jahr 2002 als Tagungszentrum und Hotel neu eröffnet. Die wohl wichtigste Angabe bei all diesen Aufzählungen aber lautet: Rund 1.700 junge Menschen werden in der Kaiserswerther Diakonie derzeit für medizinische, soziale und pädagogische Berufe ausgebildet. Schon deshalb ist die traditionsreiche Einrichtung in den Worten von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens "nicht wegzudenken aus Nordrhein-Westfalen".
Der Kranke im Kuhstall

Litt selber unter einem schweren Lungenleiden: Theodor Fliedner starb 1864 im Alter von 64 Jahren.
Litt selber unter einem schweren Lungenleiden: Theodor Fliedner starb 1864 im Alter von 64 Jahren.
Theodor Fliedners Leben verlief in ungewöhnlichen Bahnen. Schon im Alter von 20 Jahren hatte er sein Studium abgeschlossen, wurde mit 22 Jahren Pfarrer und verbrachte die folgenden Jahrzehnte in unermüdlicher Tätigkeit. Er war nicht nur der Vater des Diakonissenwesens, sondern auch ein Pionier der Gefangenenhilfe, der 1826 die Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft gründete. Doch der Mann, der so viel für andere Menschen in Notlagen getan hatte, geriet Ende der 1840er-Jahre durch ein Lungenleiden selbst in schwerste gesundheitliche Bedrängnis. Der Arzt schlug ihm 1856 vor, den Winter für eine Reise ins klimatisch heilsame Ägypten zu nutzen. Diesem Aufenthalt am Nil verdankt die Fliedner-Kulturstiftung heute eine kleine ägyptische Sammlung inklusive einer über 2.000 Jahre alten Mumie. Fliedner spie jedoch in Ägypten mehrfach Blut und kehrte gesundheitlich schwer angeschlagen zurück. Auf ärztliches Anraten verbrachte er die Winternächte in einem Kuhstall, dessen Raumklima lindernde Wirkung auf die Atmungsorgane haben sollte. Auf älteren Abbildungen sieht man sogar ein Arbeitszimmer, das sich zu einem Kuhstall hin öffnet. Doch alle Hoffnung auf Besserung blieb vergeblich. Theodor Fliedner starb 1864 im Alter von nur 64 Jahren.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 1/2012


Kommentare

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25.02.2014, solveig kukelies

ich bin doch sehr erstaunt, das ich dieses museum noch nicht kannte. im januar 2014 wurde ich zu einer besichtigung mit führung eingeladen und bin total begeistert. man kann dieses sehr gepflegte und übersichtliche museum wirklich bestens weiterempfehlen. allerdings sollte man viel zeit mitbringen und sich auf jeden fall vorher anmelden.


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt ermäßigt.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung unterstützte die Fliedner-Kulturstiftung bei der Einrichtung des neuen Pflegemuseums Kaiserswerth, das seit Ende 2011 in den Räumen der Diakonie in Düsseldorf-Kaiserswerth für Besucher geöffnet ist.

Googlemap aufrufenPflegemuseum Kaiserswerth
Zeppenheimer Weg 20
40489 Düsseldorf
Telefon: 02 11 / 56 67 37 80
www.pflegemuseum-kaiserswerth.de

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