MUSEUM RELíGIO IN TELGTE

TREFFPUNKT DER RELIGIONEN

Nachdenken über das Jenseits – im Telgter "Relígio" laden dazu bequeme Liegesessel ein.<br />
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Nachdenken über das Jenseits – im Telgter "Relígio" laden dazu bequeme Liegesessel ein.
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Literaturliebhaber kennen das Städtchen Telgte, das wenige Kilometer östlich von Münster liegt, aus der Erzählung "Das Treffen in Telgte" von Nobelpreisträger Günter Grass. In dem Buch, das gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) spielt, wird auch das berühmte Telgter Gnadenbild erwähnt. Diese aus Pappelholz geschnitzte Darstellung der Muttergottes mit dem toten Jesus wurde in den 1650er-Jahren von Bischof Christoph Bernhard von Galen zum wichtigsten Wallfahrtsziel der Diözese Münster erhoben.

Damals entstand außerdem die barocke Kapelle, in der das Gnadenbild noch heute steht und die alljährlich von rund 100.000 Pilgern besucht wird – Telgte ist nach wie vor einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Deutschlands.

Wandel eines Museums

Im Kleihues-Gebäude (benannt nach dem Architekten J.P. Kleihues) beginnt der Rundgang durch das neu eröffnete "Relígio". <br />
Foto: Lars Langemeier
Im Kleihues-Gebäude (benannt nach dem Architekten J.P. Kleihues) beginnt der Rundgang durch das neu eröffnete "Relígio".
Foto: Lars Langemeier
Das "Relígio" liegt direkt neben der Wallfahrtskapelle. Ein Heimatmuseum entstand hier schon 1934. Im Laufe der Jahrzehnte wurde es mehrfach erweitert und erlangte nicht zuletzt durch die Präsentation des Telgter Hungertuchs von 1623 Bekanntheit, eines der bedeutendsten Objekte aus der Religionsgeschichte Westfalens (siehe Kasten). Starken Zulauf brachten dem Museum darüber hinaus seine populären Krippenausstellungen. Sie waren so erfolgreich, dass 1994 ein eigenes Gebäude dafür eröffnet wurde, dessen Entwurf von dem Architekten Josef Paul Kleihues stammte.

Doch manchmal haben Erfolge auch ihre Kehrseite: Das einseitige Image als Krippenmuseum machte es immer schwieriger, das Publikum auch für andere Themen der religiösen Volkskunde zu interessieren. Nach der Neueröffnung im April 2012 setzt das Museum daher bewusst ganz neue Akzente. Krippen – vor allem die großen Sonderschauen zur Weihnachtszeit – werden zwar weiterhin zu sehen sein, im Vordergrund stehen nun aber vor allem religiöse Riten und religiöses Handeln. Dabei fi nden auch nicht christliche Glaubenswelten Berücksichtigung und laden die Besucher so zu spannenden Vergleichen ein.

Die "Krakauer Szopka" ist eine Krippe in Form einer<br />
Kathedrale.<br />
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Die "Krakauer Szopka" ist eine Krippe in Form einer
Kathedrale.
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Aktuelle Debatten wie die um die Beschneidungen in Judentum und Islam zeigen, dass eine fruchtbare Diskussion von Glaubensfragen vor allem eins voraussetzt: Wissen. Ein Besuch in Telgte kann da wichtige Anstöße geben, etwa am großen "Tisch der Religionen", der durch Multimedia-Darstellungen und ausgewählte Ausstellungsstücke ein buntes Mosaik religiöser Vielfalt lebendig werden lässt.

Anregungen bietet ebenso die Abteilung "Übergangsriten": Themen wie Taufe, Erwachsenwerden, Hochzeit und Tod werden hier aus der Perspektive unterschiedlicher Religionen behandelt. Am Ende wartet das Jenseits. Doch keine Angst: Im Telgter Relígio ist die Abteilung Jenseits mit sehr bequemen Liegesesseln ausgestattet – als Raum zum Innehalten und Schauen.

Der Kardinal und die Handtasche

Auf dem roten Tisch ist u.a. eine Tischdrehorgel aus dem 19. Jahrhundert zu bewundern.<br />
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Auf dem roten Tisch ist u.a. eine Tischdrehorgel aus dem 19. Jahrhundert zu bewundern.
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Das großzügige Treppenhaus des Kleihues-Gebäudes, das mit seinen riesigen Fenstern eindrucksvolle Ausblicke auf die historischen Bauten ringsum bietet, führt anschließend zum Schwerpunkt "Jahresfeste". Weihnachten wird hier besonders ausführlich behandelt – auch in seiner Rolle als modernes Konsumfest. Im gegenüberliegenden Haus 2 des Museums wartet dann nicht nur das berühmte Hungertuch auf den Besucher, er kann sich hier zugleich mit der vielschichtigen westfälischen Glaubenslandschaft vertraut machen, den "Baum der Erkenntnis" erleben und Näheres über die Geschichte der Telgter Wallfahrt erfahren, deren früheste Wurzeln über ein halbes Jahrtausend zurückreichen. Ein Nebenraum ist – inklusive stilechter Klappsessel – als kleines Kino eingerichtet. Man hat die Möglichkeit, unter verschiedenen Filmen zu wählen und sie auch selbst zu starten, zum Beispiel eine Dokumentation über den "Löwen von Münster".

Der "Tisch der Religionen"<br />
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Der "Tisch der Religionen"
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Der Löwe von Münster – so nennt man den Bischof und späteren Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878 – 1946), der im Dritten Reich mehrfach mit Predigten gegen die Tötung sogenannten "lebensunwerten Lebens" und gegen die Willkür der Geheimen Staatspolizei hervortrat. Das Naziregime erwog sogar, den missliebigen Geistlichen gewaltsam zu beseitigen. Auch wenn Galen nicht immer politische Weitsicht bewies und beispielsweise Hitlers Angriff auf die Sowjetunion unkritisch betrachtete, hat er doch als Mahner gegen die Tötung Unschuldiger großen Ruhm erlangt. 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen, seit 2006 befindet sich sogar eine Fingerreliquie des Kardinals in der Telgter Wallfahrtskapelle – jener Kapelle, die Galens oben erwähnter Ururururonkel im 17. Jahrhundert hatte erbauen lassen. Im Telgter Relígio findet man neben vielen anderen persönlichen Gegenständen auch Galens rote Kardinalsschuhe. Sie wurden 1946 von einem Ahlener Schuster angefertigt, der dazu als Rohmaterial eine Lederhandtasche seiner Frau verwendete.

Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm-Uentrop<br />
Foto: Ralf Günther
Der Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel in Hamm-Uentrop
Foto: Ralf Günther
Vom Hinduismus bis hin zum Kardinalsschuh – das "Relígio" schlägt einen weiten Bogen. Es blickt in die Welt, vergisst dabei aber seine lokale Verankerung nicht. War das "Treffen in Telgte" bei Günter Grass noch eine Zusammenkunft barocker Dichter, so versteht sich das neue Museum als Begegnungsstätte ganz anderer Art. Es ist ein Ort, an dem sich heute – so das hauseigene Motto – "Gott und die Welt treffen".
Schmachtlappen von unschätzbarem Wert

Das Telgter Hungertuch wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg von Damen des westfälischen Adels gefertigt.<br />
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Das Telgter Hungertuch wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg von Damen des westfälischen Adels gefertigt.
Foto: Andreas Lechtape/Relígio
Nein, ein Schmachtlappen ist kein kitschiges Lied. Rührselige Schlager nennt man Schmachtfetzen. Schmachtlappen ist hingegen der plattdeutsche Ausdruck für ein Fastentuch, auch Hungertuch genannt. Während der Fastenzeit wird es im Altarraum einer Kirche so aufgehängt, dass die Gemeinde in dieser Zeit der Enthaltsamkeit auch den Anblick des Erlösers entbehren muss.

Der aus dem Mittelalter stammende Brauch ist inzwischen vielerorts wieder neu belebt worden. Die Herstellung eines Hungertuchs stellt meist eine beträchtliche Herausforderung dar, da sein spezieller Zweck in der Regel eine erhebliche Größe erfordert. Das gilt auch für das riesige Telgter Hungertuch aus dem Jahr 1623, für das im Museum "Relígio" eigens ein neuer Anbau errichtet wurde und das sich hier von zwei Ebenen aus betrachten lässt. Auf zahlreichen quadratischen Feldern zeigt das in sogenannter "Filetstopfarbeit" ausgeführte Leinentuch unter anderem den Leidensweg Christi, aber auch alttestamentarische Szenen. An einer Monitorstation lassen sich im Museum die einzelnen Motive anklicken, um nähere Erläuterungen zu erhalten.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2012/Nr. 3


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

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Die NRW-Stiftung unterstützte in den 1990er-Jahren im westfälischen Wallfahrtsort Telgte maßgeblich den Bau des neuen Krippenmuseums. In den vergangenen Jahren half sie zudem bei der inhaltlichen Neuausrichtung und Erweiterung mit zusätzlichen Themenschwerpunkten zum neuen Museum "RELÍGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur".

Googlemap aufrufenRELÍGIO - Westfälisches Museum für religiöse Kultur
Herrenstraße 1-2
48291 Telgte
Telefon: 0 25 04 / 9 31 20
www.museum-telgte.de

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