SCHÜTZENSWERTE FLÄCHEN AM HILGERSBERG BEI SÖTENICH

KUHSCHELLE UND TEUFELSKRALLE

Luftbild der schutzwürdigen Flächen mit Verlauf des Weidezauns (rote Linie)<br />
rechts der Hubertushof, links der Ortsrand von Sötenich und der Kalksteinbruch; <br />
der Weg dorthin führt über den Römerkanal-Wanderweg
Luftbild der schutzwürdigen Flächen mit Verlauf des Weidezauns (rote Linie)
rechts der Hubertushof, links der Ortsrand von Sötenich und der Kalksteinbruch;
der Weg dorthin führt über den Römerkanal-Wanderweg
Im Zuge des Ankaufs von Flächen im Naturschutzgebiet Stolzenburg wurden bei Sötenich auch einige isolierte Flächen von der NRW-Stiftung erworben. Von diesen Flächen war bekannt (Schumacher, 1977), dass dort seltene Arten und Pflanzengesellschaften vorkommen. In der Vegetationsperiode des Jahres 2011 wurde das Gebiet vom Verfasser floristisch vegetationskundlich untersucht und naturschutzfachlich bewertet. Aus den Ergebnissen wurden Vorschläge zur Pflege der Fläche abgeleitet.

Lage, Klima, Boden

Auf einem etwa 20 km breiten und 60 km langen Streifen von der Mechernicher Trias-Bucht bis zur Trierer Trias-Bucht sind Reste der Sedimente aus organischem Kalk, Korallen und Seelilien des Devonischen Meeres erhalten. Hier hat sich durch die Gebirgsfaltung während des Karbons (variskische Orogenese) eine Reihe von kalkhaltigen Mulden gebildet, von denen die Sötenicher Kalkmulde die nördlichste ist. Der in dieser Kalkmulde gelegene Hilgersberg wird überwiegend im Rahmen des Vertragsnaturschutzes bewirtschaftet und zwar durch Rinderbeweidung. In etwa 1 km Entfernung führt die Landstraße L206 von Zingsheim nach Keldenich vorbei.

Die Weide zeigt eine ehemalige Ackerterrasse zwischen zwei mit Sträuchern bestockten Böschungen.
Die Weide zeigt eine ehemalige Ackerterrasse zwischen zwei mit Sträuchern bestockten Böschungen.
Die Vegetation in der näheren Umgebung des Kalkmagerrasens besteht im Süden aus Fichten, vereinzelt auch Kiefern mit Schlehengebüschen in den Randbereichen als Waldmantel. Der nördliche Bereich wird als Weide oder Ackerland genutzt. Am westlichen Rand des Kalkmagerrasens führt der Römerkanal-Wanderweg entlang des Steinbruchs der Firma Lafarge-Zement und von dort weiter durch die Ortschaft Sötenich.

Das Klima ist mäßig kühl und niederschlagsreich mit einem Jahresmittel der Temperatur um 8 °C und einem Jahresmittel der Niederschläge um 750 mm. Der nach Süden exponierte Hang ist gegenüber ebenen Flächen mikroklimatisch begünstigt.

Die ca. 4,5 ha große Fläche liegt auf einer Höhe von 430 bis 470 m. Der um etwa ca. 15 bis 25° geneigte Hang ist terrassiert. Der Boden besteht aus mäßig basenhaltiger, tonig-lehmiger Rendzina und Rendzina-Braunerde mit unterschiedlicher Bodentiefe. Am Unterhang ist der Boden tiefgründiger, ansonsten mittel- bis flachgründig. Im flachgründigen Bereich ist der Boden trocken bis extrem trocken, ansonsten mäßig frisch bis trocken und frisch. Kleinflächig sind auch anstehende Felsen sichtbar.Vor der Nutzung als Weide wurde hier zum Teil Ackerbau betrieben, in früheren Zeiten vermutlich auch Weinbau.

Fransen-Enzian (Gentianella ciliata)<br />
Fransen-Enzian (Gentianella ciliata)
Vegetation und Flora

Der geologische Untergrund des Kalkmagerrasens, die Nährstoffarmut und die Weidenutzung bestimmen das Erscheinungsbild der Fläche. Aufgrund des Carbonatgesteins und durch die Beweidung ist der Kalkmagerrasen als Enzian-Schillergras-Rasen (Gentiano-Koelerietum) ausgebildet.

Die Pflanzengesellschaft ist sehr artenreich. Zu den krautigen Pflanzen gehören Deutscher Enzian (Gentianella germanica) und Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera) als Assoziations-Kennarten und weitere Kennarten des Verbandes Mesobromion.

• Stängellose Distel (Cirsium acaule),
• Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea),
• Golddistel (Carlina vulgaris),
• Knolliger Hahnenfuß (Ranunculus bulbosus),
• Hopfenklee (Medicago lupulina),
• Kriechende Hauhechel (Ononis repens)
• Futter-Esparsette (Onobrychis viciifolia)

Kennarten, die zur Ordnung der Kalktrockenrasen (Brometalia erecti) gehören

• Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria),
• Gewöhnliche Kuhschelle (Pulsatilla vulgaris)
• Hufeisenklee (Hippocrepis comosa)
• Frühlings-Fingerkraut (Potentilla neumanniana)

Von den Süß- und Sauer-Gräsern sind die Aufrechte Trespe (Bromus erectus), Schafschwingel (Festuca guestfalica), Großes Schillergras (Koeleria pyramidata), Erd-Segge (Carex humilis) und Frühlings-Segge (Carex caryophyllea) zu erwähnen.

Als Trennarten gegenüber den extremen Trockenrasen (Xerobromion) kommen u.a. vor:

• Blaugrüne Segge (Carex flacca)
• Berg-Segge (Carex montana)
• Zittergras (Briza media)
• Acker-Witwenblume (Knautia arvensis)

Am unteren Rand des Kalkmagerrasens, auf tiefgründigeren, etwas frischeren Böden hat sich ein Weißdorn-Schlehengebüsch (Crataego-Prunetum spinosae) gebildet. Es handelt sich um eine Assoziation des Verbandes Carpino-Prunion in der Klasse Rhamno-Prunetea. Zu den Arten dieser Assoziation gehören

• Schlehe (Prunus spinosa)
• Eingriffliger Weißdorn (Crategus monogyna)
• Schwarzer Holunder (Sambucus nigra)
• Roter Hartriegel (Cornus sanguinea)

Typische Pflanzengesellschaft hinsichtlich Boden und Klima

Stängellose Kratzdistel (Cirsium acaule)
Stängellose Kratzdistel (Cirsium acaule)
Entlang der Hangterrassen ziehen sich an sehr trockenen Stellen Schlehen-Liguster-Gebüsche (Pruno-Ligustretum) hin. Die namensgebende Kennart des Verbandes Berberidion vulgaris ist der Gemeine Liguster (Ligustrum vulgare). Weitere Kennarten sind die Gewöhnliche Zwergmispel (Cotoneaster intergerrimus), die Berberitze (Berberis vulgaris) und die Weinrose (Rosa rubiginosa). Zur Ordnung Prunetalia spinosae gehören Schlehe (Prunus spinosa) und die Heckenrose (Rosa canina agg.). Diese Pflanzengesellschaft ist hinsichtlich Boden und Klima typisch für die Kalkmulden im Rheinland und wird hier durch die wärmere Südexposition des Geländes gegenüber anderen Gebüschgesellschaften bevorzugt.

außergewöhnliche Vogel- und Schmetterlingsfauna und seltene Blütenpflanzen

Schlehe (Prunus spinosa)
Schlehe (Prunus spinosa)
Das durch Kalkmagerrasen und viele Gebüsche reich strukturierte Gebiet mit seinen ehemaligen Ackerterrassen ist nicht nur aus landschaftlicher Sicht besonders reizvoll, sondern auch im Hinblick auf die Vogel- und Schmetterlingsfauna sowie für seltene Blütenpflanzen von Bedeutung. Die Gesamtartenzahl des 4,5 ha großen Gebietes mit rund 120 Arten - darunter eine Reihe seltener und gefährdeter Arten - ist durchaus bemerkenswert. Es dürften mindestens 95 % der dort vorkommenden Arten erfasst sein.

Aus früheren Jahren seien noch zwei wichtige Arten genannt, die in dieser Vegetationsperiode nicht nachgewiesen werden konnten: Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und Berg-Gamander (Teucrium montanum). Während die Bienen-Ragwurz nach wie vor (zuletzt 2010 nachgewiesen) im Gelände vorkommt, konnte Berg-Gamander trotz sehr intensiver Suche nicht nachgewiesen werden. Ursache könnte die sehr intensive Rinderbeweidung sein. Daher sollte im nächsten Jahr der fragliche Bereich (ca. 200 m², siehe Abbildung 9) erneut untersucht werden.

Bei der Untersuchung stellte sich im Übrigen heraus, dass auch die östlich gelegenen Flächen im Eigentum der Katholischen Kirchengemeinde Sötenich so interessant sind, dass sich ein Erwerb durch die NRW-Stiftung anbietet. Es könnte dadurch ein größeres Gebiet unmittelbar neben dem Naturschutzgebiet Stolzenburg entstehen. Angrenzende Flächen der Gemeinde Kall empfehlen sich ebenso zur weiteren Entwicklung.

Schutzmaßnahmen verringern Artengefährdung

Ein Vergleich der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen für das Jahr 1999 mit der für das Jahr 2010 zeigt, dass eine Reihe von Arten durch Schutzmaßnahmen derzeit geringer oder gar nicht mehr gefährdet ist.

Vegetationseinheiten und -struktur des Gebietes Offenlandbiotope (Kalkmagerrasen, Magerweiden)<br />
Gebüsche entlang der Hangterrassen (Schlehen-Weißdorn-Gebüsche, Schlehen-Liguster-Gebüsche, Haselnuss)<br />
Bäume und Baumgruppen (Fichte, Kiefer, Stiel-Eiche, Rot-Buche, Esche, Bergahorn, Birke)<br />
T.m. = Fundort (bis 2005) von Teucrium montanum.
Vegetationseinheiten und -struktur des Gebietes Offenlandbiotope (Kalkmagerrasen, Magerweiden)
Gebüsche entlang der Hangterrassen (Schlehen-Weißdorn-Gebüsche, Schlehen-Liguster-Gebüsche, Haselnuss)
Bäume und Baumgruppen (Fichte, Kiefer, Stiel-Eiche, Rot-Buche, Esche, Bergahorn, Birke)
T.m. = Fundort (bis 2005) von Teucrium montanum.
Der Gefährdungsgrad der Mücken-Händelwurz, der Fliegen-Ragwurz, der Gewöhnlichen Kuhschelle, der Großblütigen Braunelle, des Wiesen-Salbeis und des Berg-Klees hat sich von einer bereits im Jahr 1999 als gering eingeschätzten Gefährdungsstufe in Gesamt-NRW verringert. Der Deutsche Enzian, der Hügel-Meier und das Zittergras galten bei der Einschätzung im Jahre 1999 als gefährdet und sind in NRW nun dank der getroffenen Schutzmaßnahmen geringer gefährdet. Für den Fransen-Enzian und die Frühlings-Segge gilt in NRW nach wie vor der gleiche Gefährdungsgrad. Die Stängellose Kratzdistel und die Schlüsselblume wurden 2010 neu in die Liste der in NRW gefährdeten Arten aufgenommen.

Diese Bewertungen gelten nicht für die Gebiete Eifel und Siebengebirge. Dort haben sich die Gefährdungsgrade durchweg reduziert. Die Stängellose Kratzdistel und die Schlüsselblume gelten hier als nicht gefährdet. Für alle anderen oben genannten Arten hat sich dank der vorgenommenen Schutzmaßnahmen der Gefährdungsgrad verringert. Auch für die auf der Fläche gefundenen Begleiter bewirkten die Schutzmaßnahmen eine Verringerung der Gefährdung. Zu diesen gehören Herbstzeitlose, Knöllchen-Steinbrech, Sichel-Luzerne, Gewöhnlicher Wacholder, Gewöhnlicher Wundklee, Gemeines Katzenpfötchen, Knäuel-Glockenblume, Behaarter Ginster, Kugelige Teufelskralle und Echter Gamander.

Text und Fotos: Dipl.-Ing. Jürgen Deckers
Daten und Fakten zum Gebiet

Großraum Eifel

Naturraum Nördliche Kalkeifel

Gemeinde Kall

Höhe: 430 bis 470 m

Lage: ca. 1 km östlich von Sötenich bzw. 2,5 km westlich von Keldenich

Geomorphologie: Es handelt sich um ein terrassiertes nach Süden exponiertes Gelände.

Geologie: Die Sötenicher Kalkmulde ist die nördlichste der Eifel- Kalkmulden, die sich in einem 20 km breiten und 60 km langen Streifen von der Mechernicher Trias-Bucht bis zur Trierer Trias-Bucht erstrecken. Es sind Reste der Sedimente aus organischem Kalk, Korallen und Seelilien des Devonischen Meeres.

Böden: Flachgründige Rendzinen und Rendzina-Braunerden auf allen Stufen des Hanges; kleinflächig auch anstehender Felsen

Klima: Mäßig kühles und mäßig niederschlagsreiches Klima mit einem Jahresmittel der Temperatur um 8 °C und einem Jahresmittel der Niederschläge um 750 mm. Der nach Süden exponierte Hang ist gegenüber ebenen Flächen klimatisch begünstigt.

Schutzstatus: Die Fläche wird im Rahmen des Vertragsnaturschutzes (NRW-Kulturlandschafts-Programm) bewirtschaftet.

Fläche: ca. 4,5 ha, davon 1,3 ha im Eigentum der NRW-Stiftung

Entwicklung, Pflege, Nutzung: Die Fläche wird regelmäßig von Rindern beweidet. Aufwuchs von Sträuchern wird beseitigt.

Bedeutung:Von Rindern beweideter südexponierter Kalkmagerrasen mit großflächigen, thermophilen Gebüschen. Vorkommen seltener und gefährdeter Arten wie Gewöhnliche Kuhschelle (Pulsatilla vulgaris), Kugelige Teufelskralle (Phyteuma orbiculare), Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), Berg-Gamander (Teucrium montanum), Echte Kugelblume (Globularia punctata), Fransen-Enzian (Gentianella ciliata), Deutscher Enzian (Gentianella germanica), Gewöhnliche Zwergmispel (Cotoneaster integerrimus), Erdsegge (Carex humilis).

Literatur:

Schumacher, W. (1977): Flora und Vegetation der Sötenicher Kalkmulden (Eifel) – Decheniana Beiheft 19: 1 – 199 & Fotos

Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Hrsg.): Rote Liste und Artenverzeichnis der Farn- und Blütenpflanzen, 4. Fassung, Stand Dezember 2010

Topografisches Informationsmanagement NRW, Bezirksregierung Köln 2011 (www.tim-online.nrw.de)


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Schützenswerte Flächen am Hilgersberg bei Sötenich

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Zum Schutz seltener gefährdeter Arten wie Gewöhnliche Kuhschelle, Kugelige Teufelskralle, Fliegen-Ragwurz, Bienen-Ragwurz, Mücken-Händelwurz , Berg-Gamander, Echte Kugelblume, Fransen-Enzian, Deutscher Enzian, Gewöhnliche Zwergmispel, Erdsegge hat die NRW-Stiftung rund 1,3 Hektar des insg. 4,5 Hektar großen Gebietes erworben. Die Fläche wird im Rahmen des Vertragsnaturschutzes (NRW-Kulturlandschafts-Programm) bewirtschaftet.

Googlemap aufrufenDas Schutzgebiet liegt ca. 1 km östlich von Kall-Sötenich bzw. 2,5 km westlich vom Ortsteil Keldenich.

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