JAHR DES WALDES

DURCHBLICK IM WALD

Von einem "Wald aus Vorschriften" oder dem sprichwörtlichen "Schilderwald" ist die Rede, wenn man angesichts ausufernder Regelwerke die Orientierung verliert. Im übertragenen Sinn scheint "Wald" also für ein unübersichtliches Terrain zu stehen, in dem man sich leicht verirren kann. Damit man im Internationalen Jahr des Waldes wenigstens beim echten Wald den Durchblick behält, informiert eine Wanderausstellung über Aufbau, Geschichte und Funktionen der nordrhein-westfälischen Wälder.

Buchenkronen im Raureif. Besonders bei frostigem Hochdruckwetter schlägt sich der Nebel als Eis nieder.
Buchenkronen im Raureif. Besonders bei frostigem Hochdruckwetter schlägt sich der Nebel als Eis nieder.
Auch ohne einzelne Pflanzen in den Blick zu nehmen, kennt jeder aufmerksame Naturfreund den atmosphärischen Unterschied zwischen dem leuchtenden Gewölbe eines Eichenwaldes und der ernsten Enge eines Fichtenforstes. Der Geruch von Harz und Ameisenhügeln in einem sandigen Kiefernwald ruft ganz andere Eindrücke hervor als der kühle Hauch eines Buchenwaldes im Schiefergebirge, und selbst mit verbundenen Augen würde jeder Niederrheiner heimatliche Gefühle bekommen, wenn er durch duftendes Pappellaub schlenderte. Wald ist offenbar ungleich verteilt, nach Art und nach Menge: Die Niederrheinische Bucht besitzt mit 13 Prozent den geringsten Waldanteil; Niederrheinisches Tiefland und Westfälische Bucht sind zu 15 Prozent bewaldet, das Weserbergland zu 26 Prozent, das Bergische Land zu 32 Prozent und die Nordeifel zu 45 Prozent. Spitzenreiter ist das Sauerland mit einem Waldanteil von 58 Prozent.

"Wer hat dich, du schöner Wald ..."

Orkan Kyrill hinterließ 2007 eine Spur der Verwüstung.
Orkan Kyrill hinterließ 2007 eine Spur der Verwüstung.
Obwohl rund die Hälfte des nordrheinwestfälischen Waldes aus Laubwald besteht, gehören nur etwa 15 Prozent der hiesigen Wälder zu natürlichen Waldtypen. Der große Rest ist stark durch die Forstwirtschaft geprägt. Welcher Waldtyp wo dominiert, wird durch das bodenbildende Gestein, den Wasserhaushalt und das regionale Klima begrenzt. Unter den naturnahen Wäldern nimmt der Hainsimsen Buchenwald die größten Flächen ein. Es wird fast nur von Rotbuchen aufgebaut und das ganze Jahr hindurch bedeckt das vermodernde lederbraune Falllaub den Boden. In regelmäßig überschwemmten Flussniederungen wachsen Auenwälder mit Weiden, Pappeln und Eschen, über hoch anstehendem Grundwasser kommen Schwarzerlen zum Zuge und an den im Sommer austrocknenden Hängen der Durchbruchstäler wächst ein besonderer Eichen-Hainbuchen-Wald. Diese Handvoll Beispiele steht stellvertretend für rund 20 heimische Waldtypen.

Baumstämme für die Westmächte: Deutsche Kriegsgefangene fällen Bäume und bereiten sie für den Transport vor.
Baumstämme für die Westmächte: Deutsche Kriegsgefangene fällen Bäume und bereiten sie für den Transport vor.
Es sind aber nicht allein die Gesetzmäßigkeiten von Gestein, Klima und Wasserhaushalt, welche die Eigenschaften und die Verteilung unserer Wälder bestimmen. Auch Katastrophen hinterlassen Spuren, seien es Insektenkalamitäten, Orkane oder auch ein plötzlicher Hunger nach Holz. So wurde Deutschland als Verlierer des Zweiten Weltkriegs dazu verurteilt, riesige Mengen Baumstämme an die Westmächte zu liefern. Im Rheinland und in Westfalen rissen die sogenannten Reparationshiebe schier endlose Kahlflächen.
Reparationshiebe räumten nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Landstriche leer.
Reparationshiebe räumten nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Landstriche leer.
Oft waren es deutsche Kriegsgefangene, die unter englischer Aufsicht Bäume fällen und für den Transport vorbereiten mussten. 120.000 Hektar, also rund 15 Prozent der Waldfläche Nordrhein-Westfalens, wurden kahl geschlagen. Brände und der Borkenkäferbefall in den trockenen Nachkriegssommern taten ein Übriges. Während in den zerbombten Städten Trümmerfrauen Steine klopften, pflanzten in den Wäldern "Kulturfrauen" Fichten und Kiefern an. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die Lücken halbwegs geschlossen waren. Die Rückseite des 50-Pfennig-Stücks erinnerte an diese Aufbauarbeit.

Sturmopfer: Fichten-Monokulturen

Das Rheinische Schiefergebirge ist durch Rotbuchenwälder geprägt.
Das Rheinische Schiefergebirge ist durch Rotbuchenwälder geprägt.
Ursprünglich war das Gebiet des heutigen NRW fast vollständig waldbedeckt. Rotbuchen und Eichen bestimmten das Bild. Nadelbäume hätte man in der Naturlandschaft suchen müssen. Heute dagegen sind Fichten mit einem Anteil von 36 Prozent der Waldfläche der "Brotbaum" der Forstwirtschaft. Da sie schneller wachsen als viele heimische Arten, bringen sie auch schneller Geld – vorausgesetzt, Borkenkäfer und Orkan bleiben aus. Doch die ganzjährig grünen Kronen bieten jedem Wintersturm eine leichte Angriffsfläche. Böen knicken die hoch aufgeschossenen Stämme auf halber Höhe ab oder hebeln die Bäume mitsamt Wurzelteller gleich hektarweise aus den Böden. Kyrill im Januar 2007 hat die Förster das Fürchten gelehrt. Die meisten haben daraus gelernt. Mischung statt Monokultur, und lieber Buche und Eiche statt schnellwüchsiger, anfälliger Fichte. Auf einigen großen Flächen haben sich die Fachleute auch zu einem Experiment entschlossen: Sturmholz bleibt liegen und man beobachtet, ob und wie sich der Wald ganz ohne Eingriffe regeneriert.

Übrigens ist die strikte Trennung zwischen Wald und Offenland ein vergleichsweise junges Phänomen und sichtbarer Ausdruck einer klaren Funktionalität: Wald ist der Ort der Holzproduktion. Die Anerkennung der vielen weiteren Aufgaben des Waldes hat in den zurückliegenden Jahren deutlich zugenommen. Er soll der Erholung dienen, Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Pilze sein, das Grundwasser schützen und das Klima stabilisieren helfen. Im Mittelalter hingegen und bis weit in die Neuzeit waren die Grenzen zwischen Wald und Offenland fließend. Im Wald wurde Bau- und Brennholz geschlagen, das Vieh geweidet, Streu für die Ställe gerecht, gejagt, gesammelt und gesiedelt.

Fotos:
Frank Grawe
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2011


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Auf Anregung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald NRW beteiligt sich die NRW-Stiftung an der Wanderausstellung "Waldland NRW", die bei der Forstlichen Dokumentationsstelle des Landesbetriebes Wald und Holz NRW ausgeliehen werden kann.

Telefon: 02931 7866140
E-Mail:dokumentationsstelle@wald-und-holz.nrw.de

Googlemap aufrufenDie Ausstellung kann bei der Forstlichen Dokumentationsstelle des Landesbetriebes Wald und Holz in Arnsberg ausgeliehen werden.
Telefon: 02931 7866140
E-Mail:dokumentationsstelle@wald-und-holz.nrw.de

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