DAS HEINRICH-NEUY-BAUHAUS-MUSEUM IN STEINFURT

VON ALTERTÜMERN UND NEUY-HEITEN

Das neue Museum liegt in der ehemaligen Borghorster Stiftsfreiheit. Foto: Hermann Willers
Das neue Museum liegt in der ehemaligen Borghorster Stiftsfreiheit. Foto: Hermann Willers
Alt und Neuy – im münsterländischen Steinfurt-Borghorst ist das kein Druckfehler, sondern ein Museumskonzept. Unter dem Dach eines historischen Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert wird hier die altehrwürdige Bibliothek des ehemaligen Borghorster Frauenstifts zusammen mit der klassisch-modernen Malerei und den Möbelentwürfen des Bauhaus-Künstlers Heinrich Neuy gezeigt. Die Ausstellung im Spannungsfeld von Geschichte, Gebrauchskultur und großer Kunst ist für die NRW-Museumslandschaft eine wichtige neue Adresse.

Historische Bücher im Bauhaus. Foto: Hermann Willers
Historische Bücher im Bauhaus. Foto: Hermann Willers
Das 1919 in Weimar als Kunstschule gegründete "Staatliche Bauhaus" bestand insgesamt nur 14 Jahre. 1926 siedelte es nach Dessau und 1932 nach Berlin um, wo es aber schon wenig später auf Druck der Nazis geschlossen wurde. Trotzdem beeinflussen seine Ideen von Modernität die internationale Kunst und Architektur bis heute. Diese Ideen schlugen vor rund 80 Jahren auch den jungen Heinrich Neuy in ihren Bann. Nach einer Tischlerlehre war er zunächst an die Kunstgewerbeschule in Krefeld gegangen, hatte sich dann aber – begeistert von einer Ausstellung zum zehnjährigen Bestehen des Bauhauses im Essener Folkwang-Museum – nach Dessau gewandt. Er studierte hier unter anderem bei Wassily Kandinsky, dem wichtigsten Wegbereiter der abstrakten Malerei.

Von Dessau nach Borghorst

Heinrich Neuy 1930 als Student
Heinrich Neuy 1930 als Student
Noch bevor das Bauhaus von den Nazis aus Dessau vertrieben wurde, unterbrach Neuy sein Studium. Aus praktischen Erwägungen wurde er Handwerks-meister und übernahm 1937 den Tischlereibetrieb seines Schwiegervaters in Borghorst. Hierhin kehrte er nach dem Krieg auch zurück – und damit in einen kleinen münsterländischen Ort, dessen Geschichte 850 Jahre lang von einem 968 gegründeten adligen Damenstift bestimmt worden war. Berühmt ist das Borghorster Stiftskreuz aus dem 11. Jahrhundert, das heute in Münster aufbewahrt wird und jüngst sogar in London gezeigt wurde. Aber auch der wertvolle Bücherbestand des Stifts hat sich erhalten. Die gedruckten Ausgaben sind teilweise über ein halbes Jahrtausend alt und umfassen unter anderem Werke von mittelalterlichen Denkern wie Augustinus, Gregor dem Großen und Thomas von Aquin. Nach der Restaurierung durch die Universitäts-bibliothek Münster haben die Bücher ihren Platz jetzt im Heinrich-Neuy-Bauhaus- Museum gefunden. Mittelalterliche Tradition und Bauhaus-Moderne bilden zwar zweifellos einen Kontrast, doch wer annimmt, es gebe keinerlei Verbindungen zwischen beiden Welten, der täuscht sich: In Wirklichkeit eiferte schon der Bauhaus-Gründer Walter Gropius ganz bewusst mittelalterlichen Vorbildern nach. Den Namen Bauhaus wählte er in Anlehnung an die mittelalterlichen Dombauhütten, deren enge Verbindung von Kunst und Handwerk ihm auch im 20. Jahrhundert nachahmenswert erschien. Der spätere Bauhaus- Direktor Ludwig Mies van der Rohe, der durch Wolkenkratzer in New York und Chicago als Architekt Weltruhm erlangte, war überdies ein Bewunderer des mittelalterlichen Philosophen Thomas von Aquin, dem er den Satz zuschrieb: "Schönheit ist der Glanz der Wahrheit."

Musik in Bildern

Käuflich: Grafiken und originalgetreue Repliken von Möbeln oder Lampen bekannter Bauhaus-Künstler. Foto: Hermann Willers
Käuflich: Grafiken und originalgetreue Repliken von Möbeln oder Lampen bekannter Bauhaus-Künstler. Foto: Hermann Willers
Obwohl kurioserweise in der mittelalterlichen Philosophie wörtlich gar nicht zu finden, beeinflusste das berühmt gewordene Zitat zahlreiche Bauhaus-Schüler. Heinrich Neuy machte es zum Titel eines seiner Bilder. Kunst war für Neuy die Suche nach tieferen Zusammenhängen. Er spielte in seiner abstrakten Malerei nicht einfach mit Formen und Farben, sondern verfolgte stets konkrete Gedanken und Ideen. Ähnlich wie sein Lehrer Wassily Kandinsky versuchte er zum Beispiel, die Welt der Klänge – von der Vogelstimme bis hin zur klassischen Komposition – in grafischen Anordnungen zu spiegeln. Seine Bekanntschaft mit dem Komponisten Buster Flood führte dazu, dass umgekehrt auch einige von Neuys Bildern nachträglich in Musik "übersetzt" wurden.

Moderne Bauhauskunst zeigt das im Juni 2011 eröffnete Museum in Steinfurt-Borghorst. Foto: Hermann Willers
Moderne Bauhauskunst zeigt das im Juni 2011 eröffnete Museum in Steinfurt-Borghorst. Foto: Hermann Willers
Eine geplante Werkbildungsstätte nach Vorbild des Bauhauses konnte Neuy aufgrund bürokratischer Hemmnisse nie verwirklichen. Aber er bildete in seiner Tischlerei 40 Jahre lang Lehrlinge und Praktikanten aus, widmete sich daneben weiterhin der Malerei und eröffnete 1989 eine eigene Galerie. Die öffentliche Anerkennung kam erst mit einer gewissen Verspätung, doch der Kulturpreis der Stadt Steinfurt, Ausstellungen unter anderem in Amsterdam und Tokio sowie eine große 1994 in Münster und Dessau gezeigte Retrospektive belohnten Neuys künstlerische Unbeirrbarkeit auf Dauer. Hochbetagt leitete er selbst noch die Gründung einer Stiftung ein, um mehrere Hundert seiner Werke für die Öffentlichkeit zu bewahren. Hätte sich das Projekt in Borghorst nicht realisieren lassen, dann wäre es nach Dessau gegangen – eine drohende "kulturelle Katastrophe" für die Stadt Steinfurt, wie es ein Kommunalpolitiker zutreffend formulierte.

Möbel im Museum

Die Museumsbesucher können sich auf einem originalen Sofa des gelernten Tischlers Heinrich Neuy niederlassen. Foto: Hermann Willers
Die Museumsbesucher können sich auf einem originalen Sofa des gelernten Tischlers Heinrich Neuy niederlassen. Foto: Hermann Willers
Was der Besucher am Kirchplatz 5 in Borghorst heute erlebt, ist die höchst gelungene Verhinderung dieser Katastrophe. Es ist überdies ein Museum, das es jedem Besucher ermöglicht, ein Originalwerk von Heinrich Neuy buchstäblich zu "besitzen" – wenn auch nur für ein paar Momente. Denn da Neuy als gelernter Tischler gerne Möbel im Geiste des Bauhauses gestaltete, können sich die Museumsbesucher auf einem originalen Sofa des Meisters niederlassen. Beispiele für Bauhaus-Kunst und Bauhaus- Design anderer Künstler wie Josef Albers, Walter Gropius, Gerrit Thomas Rietveld und Wilhelm Wagenfeld regen dabei zu Vergleichen und Fragen an.


Wertvolle Bücher lassen sich in der Stiftsbibliothek finden. Foto: Hermann Willers
Wertvolle Bücher lassen sich in der Stiftsbibliothek finden. Foto: Hermann Willers
Durch die Einbeziehung der Stiftsbibliothek und die Einrichtung eines Raumes zur Stiftsgeschichte gewinnt die Ausstellung eine zusätzliche historische Perspektive. Das passt zum Museumsgebäude, handelt es sich dabei doch um ein wichtiges Denkmal der Borghorster Geschichte (siehe Kasten). Eine führende Rolle bei der Realisierung des Gesamtprojekts spielte Heinrich Neuys Tochter Hedwig Seegers, die das Werk ihres Vaters seit Jahrzehnten betreut. Sie kann mit Stolz berichten, dass seit der Eröffnung schon mehrere Tausend Besucher gekommen sind.

Fotos: Hermann Willers

GEBAUTE GESCHICHTE

Das Haus am Kirchplatz Nummer 5 in Steinfurt-Borghorst wurde 1688 für Margaretha Cornelia von Merveldt errichtet. Foto: Hermann Willers
Das Haus am Kirchplatz Nummer 5 in Steinfurt-Borghorst wurde 1688 für Margaretha Cornelia von Merveldt errichtet. Foto: Hermann Willers
Das Haus am Kirchplatz Nummer 5 in Steinfurt-Borghorst wurde 1688 für Margaretha Cornelia von Merveldt errichtet. Es ist die letzte Borghorster Kurie, sprich: das letzte noch vorhandene Wohnhaus einer Stiftsdame. Während alle anderen Gebäude nach der Auflösung des Stifts vor genau zweihundert Jahren abgebrochen wurden, ging die Merveldtsche Kurie in den Besitz einer Unternehmerfamilie aus der Textilindustrie über und wurde so auch Zeuge der münsterländischen Wirtschaftsgeschichte. Der letzte Erbe fand sich 2004 glücklicher weise bereit, das Haus dem Museum zur Verfügung zu stellen. Durch die Restaurierung konnte der Verfall abgewendet werden, die Rückfront des Gebäudes ist dabei in einen dreigeschossigen "Wintergarten" einbezogen worden, der Raum für eine geplante Gastronomie geschaffen hat.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2011


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Um das ehemalige Stiftskuriengebäude langfristig zu sichern und sinnvoll zu nutzen, hat die NRW-Stiftung den Innenausbau und die Einrichtung des Obergeschosses gefördert. Das Haus ist jetzt Heimat des Heinrich-Neuy Bauhaus Museums. Im Obergeschoss des ehemaligen Stiftskuriengebäudes ist die alte Stiftsbibliothek mit ihren wertvollen Beständen und eine Darstellung der Stifts- und Ortsgeschichte Borghorsts eingerichtet.

Googlemap aufrufenHeinrichNeuy-BauhausMuseum
Kirchplatz 5
48565 Steinfurt-Borghorst
Telefon: 02 55 2 / 9 95 83 09
(Ortsteil Borghorst. Direkt beim Kirchturm)

Weitere Informationen:
www.HeinrichNeuyBauhausMuseum.de

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