INFORMATIONSZENTRUM EXTERNSTEINE

FANTASIE UND FELSENFESTE FAKTEN

Das große Kreuzabnahmerelief befindet sich an der Nordseite der Felsen. Es wird von den meisten Forschern in die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert.
Das große Kreuzabnahmerelief befindet sich an der Nordseite der Felsen. Es wird von den meisten Forschern in die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert.
Tarzan und Old Shatterhand, Dämonen und Monarchen – sie alle waren schon an den Externsteinen. Oder etwa doch nicht? Zumindest der als Tarzan und Old Shatterhand bekannt gewordene Schauspieler Lex Barker drehte 1967 vor der bizarren Sandsteinkulisse Szenen zu einem Horrorstreifen. Ein paar Jahre später erstieg Popstar Marianne Faithful die Externsteine für einen Kurzfilm als weiblicher Dämon Lilith. Und im Archäologie-Thriller eines deutschen TV-Senders wurden die Felsen sogar zum Fundort für den verschollenen Reichsapfel Kaiser Karls des Großen! Doch das sind noch längst nicht alle fantastischen Geschichten rund um eines der bedeutendsten Naturdenkmäler Deutschlands. Ein neues Infozentrum erläutert jetzt harte Fakten und haarsträubende Fiktionen.

Bis zu 47 Meter hoch ragen die Sandsteinformationen.
Bis zu 47 Meter hoch ragen die Sandsteinformationen.
Vor rund 70 Millionen Jahren wurden die Externsteine durch gewaltige geologische Verschiebungen und lange Erosionsprozesse geformt. Wie die Mauern und Türme einer riesigen Festung ragen ihre vier Hauptfelsen empor – selten ist die Natur als Baumeisterin perfekter zu Werke gegangen. Aber auch die Menschen blieben nicht untätig. Sie schlugen Grotten in das Gestein und schmückten es mit Reliefs und Inschriften. Sie meißelten unter einem künstlichen Bogen ein sarkophagartiges Grab aus und krönten den höchsten Felsen mit einer kapellenartigen Kammer samt Altarnische und einer runden Fensteröffnung. Doch wozu das alles? Hat man es bei den Externsteinen tatsächlich, wie so oft zu lesen, mit einem heidnischen Heiligtum zu tun, einer zentralen Kultstätte der Germanen? Wissenschaftler sehen das anders. Sie interpretieren Grotten, Kammern und Steinsarg als christliches "Heilig-Grab-Ensemble" – eine in natürlichen Fels gehauene Gedenkstätte für das Grab Jesu Christi mit der Kreuzauffindungsgrotte und dem Felsen Golgatha. Die einzelnen Teile entstanden vermutlich über einen langen Zeitraum hinweg, die Gesamtanlage dürfte Mitte des 12. Jahrhunderts mit dem großen Kreuzabnahmerelief an der Nordseite der Externsteine abgeschlossen worden sein.

Über mehrere Treppen erreicht man lohnende Aussichtspunkte.
Über mehrere Treppen erreicht man lohnende Aussichtspunkte.
Denkmalsuche

Mag die Wissenschaft auch noch so viele Einwände erheben – die Vorstellung von der germanischen Kultstätte ist bis heute populär. Sie war es schon im 19. Jahrhundert, als man die Germanen noch ganz unbefangen für die "ersten Deutschen" hielt. Viele Nationalbewusste bedauerten es damals, dass die Germanen keine Bauwerke von historischer Größe hinterlassen hatten – so wie die Tempel im Rom der Cäsaren oder die Kathedralen im Rom der Päpste. Immerhin aber gab es die Extern steine und damit verbunden die hoffnungsvolle Annahme, zumindest diese natürliche Felsenburg sei einst wie eine Art Tempel genutzt worden. Schließlich lag sie im vermeintlichen Kerngebiet aller germanischen Triumphe, im Teutoburger Wald, wo der Tradition nach im Jahr 9 der Cherusker Arminius die Römer vernichtend geschlagen hatte. Einige Autoren nahmen sogar an, die Extern steine hätten als "Opferaltäre" für gefangene römische Legionäre gedient. Das christliche Bildprogramm hingegen wurde als nachträgliche Überformung der ursprünglich heidnischen Anlage beiseitegeschoben. Man konnte dafür sogar einen Hauptverdächtigen benennen: Karl den Großen. Hatte er – der im Jahr 800 vom Papst zum Kaiser gekrönte "Römling" – das Christentum nicht mit dem Schwert verbreitet und dabei auch germanische Glaubenssymbole vernichtet? Die Quellen berichten tatsächlich über solche Ereignisse. Für die Externsteine besagt das allerdings wenig, denn Karl war schon über 300 Jahre tot, als das dortige Heilig-Grab-Ensemble vollendet wurde.

Die Externsteine bieten nicht nur einen einzigartigen Anblick.
Die Externsteine bieten nicht nur einen einzigartigen Anblick.
Paradox und Propaganda

Was sich aus all dem ergibt, ist paradox: Die Externsteine wurden zu einem populären Symbol für das vorchristliche Germanien, obwohl über ihre Geschichte in vorchristlich- germanischer Zeit gar nichts bekannt ist. Man weiß einfach nicht, ob sie für die Germanen je eine nennenswerte Rolle gespielt haben. Es lässt sich daher viel spekulieren – aber nichts beweisen. Nachweisbar ist lediglich die zeitweilige Anwesenheit steinzeitlicher Menschen, von denen man zahlreiche Feuersteinklingen gefunden hat. Doch bloße Anwesenheit ist bekanntlich noch keine kultische Handlung, und wenn sie wie in diesem Fall schon über 10.000 Jahre zurückliegt, hat sie mit der germanischen Kulturepoche ohnehin nichts zu tun. Leider hatte die Idee vom germanischen Heiligtum auch unselige politische Konsequenzen. In den 1920er-Jahren wurde sie durch den Amateurhistoriker und lippischen Lokalpatrioten Wilhelm Teudt stark verbreitet, der im Dritten Reich mit den National sozialisten zusammenarbeitete. Letztere versuchten, die Externsteine in ihre Propaganda vom nordisch-germanischen Übermenschen einzubauen. Allerdings erbrachten archäologische Grabungen in den Jahren 1934/35 keine seriösen Belege für eine heidnische Kultstätte. SS-Chef Heinrich Himmler goss daraufhin das germanenbegeisterte Wunschdenken endgültig in politische Willkür um: Ab 1937 blieben Veröffentlichungen zu dem Thema schlichtweg untersagt. "Die Externsteine sind bis auf Weiteres germanisch!", lautete eine verräterische Formel. Besucher wurden zur Ruhe am angeblichen "Heiligtum der Ahnen" ermahnt, Juden und sogenannten "Judengenossen" verwehrte man schon seit 1935 den Zutritt.

Im äußeren Umgang bieten Schrifttafeln und Modelle einen chronologisch geordneten Geschichtsabriss. Gegenüber befinden sich die Tafeln mit Infos, Spielen und Rätseln für Kinder.
Im äußeren Umgang bieten Schrifttafeln und Modelle einen chronologisch geordneten Geschichtsabriss. Gegenüber befinden sich die Tafeln mit Infos, Spielen und Rätseln für Kinder.
Mit der Tram durchs Heiligtum

Die Externsteine locken heute Jahr für Jahr eine halbe Million Besucher an. Schon im frühen 19. Jahrhundert hatten sie sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt, 1817 genoss hier zum Beispiel der berühmte Germanist und Märchensammler Wilhelm Grimm die Aussicht. 1836 staute man den Wiembeckebach am Fuß der Felsen zu einem Teich auf, dessen malerischer Anblick auch heute noch förderlich für den Besucherverkehr ist. An Besuchermangel litten die Externsteine aber eigentlich nie, denn bereits im Mittelalter führte ein wichtiger Fernhandelsweg an ihnen vorbei. Die Trasse dieses Wegs ließ Fürstin Pauline zur Lippe um 1810 direkt zwischen die Felsen verlegen – mit kuriosen Folgen ein Jahrhundert später: Von 1912 bis 1935 ratterte die Straßenbahnlinie von Detmold nach Paderborn auf ebendieser Trasse mitten durchs "Heiligtum"! Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Externsteine mehrfach als schaurig-schöne Filmkulisse, während die Spekulationen um ihre Geschichte unvermindert weitergingen. Neben den Germanenverehrern alter Prägung meldeten sich nun auch Keltenfans, Esoteriker und die Verkünder vorzeitlicher Globalkulturen zu Wort. Man darf sie nicht alle in einen Topf werfen und kann auch die Entscheidung darüber, ob die Externsteine ein "Ort der Kraft" sind, jedem Einzelnen überlassen. Ab und zu ist allerdings gesunder Menschenverstand gefragt. Denn dass ausgerechnet eine Felsengruppe im Lipperland Teil eines prähistorischen "kosmischen Vermessungsdreiecks" gewesen sein soll, zu dem auch die Kanarischen Inseln und die Cheopspyramide in Ägypten gehörten – solche und ähnliche Theorien sind im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch.

Die Comicfigur "Steini" führt Kinder durch die Ausstellung.
Die Comicfigur "Steini" führt Kinder durch die Ausstellung.
Information und Naturschutz

Über die vielen historischen Debatten sollte man nicht vergessen, dass die Externsteine auch ein ausgewiesenes Naturdenkmal sind. Sie liegen inmitten eines bereits 1926 eingerichteten Naturschutzgebietes und umfassen neben den berühmten Hauptfelsen viele weitere Blöcke, die sich über mehrere Hundert Meter hinweg im angrenzenden Wald verlieren. Als einzigartige Zeugen der Erdgeschichte, aber auch als Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere wurden die Felsen und ihre Umgebung sogar in das Schutzgebietssystem "Natura 2000" der Europäischen Union aufgenommen. Dem Naturschutz steht der Ansturm der Ausflügler und Bewunderer allerdings oft entgegen. Insbesondere bei Sonnenwendfeiern und in der Walpurgisnacht finden sich an den Externsteinen immer wieder Anhänger neuheidnischer Weltanschauungen zusammen. Trommeln und tanzen sind dabei zu tolerieren, offene Feuer, Alkoholexzesse und Drogenkonsum haben hingegen den Landesverband Lippe auf den Plan gerufen, unter dessen Verwaltung die Externsteine heute stehen. Er setzt bei der Bekämpfung der Missstände aber nicht nur auf Verbote, sondern vor allem auch auf Information. Im neuen Infozentrum Externsteine wird daher sachlich und neutral verdeutlicht, dass die berühmten Felsen ein schützenswertes Geschenk der Natur sind – und kein mythologischer Action-Park
Alles über die Externsteine

Blick ins Innere des Infozentrums mit den kreuzförmig angeordneten Multimediastationen
Blick ins Innere des Infozentrums mit den kreuzförmig angeordneten Multimediastationen
Das "Infozentrum Externsteine" wurde im Januar 2011 eröffnet. Auf rund 200 Quadratmetern erfährt der Besucher hier alles Wissenswerte über Natur und Geschichte einer der größten Sehenswürdigkeiten in NRW. Die Gestaltung des Infozentrums ermöglicht sowohl den raschen Überblick als auch die vertiefende Information. Die Schautafeln bieten auf ihrer Innenseite knapp gefasste Fakten für eine Kurzorientierung, auf der Außenseite werden die Themen näher beleuchtet und durch Modelle zusätzlich veranschaulicht. Kinder können ihren eigenen Rundgang machen, bei dem sie Gelegenheit zum Spielen und Rätseln haben. Der zur Comicfigur erweckte Felsen "Steini" begleitet sie dabei.

Stand der Angaben: 01/2011


Kommentare

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11.10.2017, Kerstin Piechnik-Wöhle

Liebes Team!
Auch in diesem Jahr haben wir wieder die Chance genutzt an den Heimattouren teilzunehmen.
Die Externsteine sind immer eine Reise wert. Wir haben dem Wetter getrotzt. Es gibt ja auch kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung.
Die \"Giraffenklasse\" der Grundschule Laukshof aus Steinhagen hat die tolle Führung genossen und viel über die \"Steine\" gelernt. Auch die Lehrerinnen sind \"schlauer\" geworden!
Vielen Dank für die tollen Eindrücke!
Wir sind auf die Angebo [...] mehr


Mithilfe der NRW-Stiftung wurde an den Externsteinen ein neues Infozentrum errichtet.

Es ist ganzjährig geöffnet:
1. April bis 31. Oktober von 10 bis 18 Uhr
1. November bis 31. März von 10 bis 16 Uhr
Der Eintritt ist frei

Die Externsteine befinden sich im Tal der Wiembecke bei Horn-Bad Meinberg im Kreis Lippe. Ausführliche Informationen über die Externsteine und Führungen dort gibt es unter www.externsteine-info.de

Googlemap aufrufenInfozentrum Externsteine
Externsteiner Str. 35
32805 Horn-Bad Meinberg
Telefon 0 52 34 / 2029796
www.externsteine-info.de

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