SIEBENGEBIRGSMUSEUM IN KÖNIGSWINTER

AM FUSS DER SIEBEN BERGE

Alle Mann an Deck: Ausstellungsstücke über die Rheinschifffahrt
Alle Mann an Deck: Ausstellungsstücke über die Rheinschifffahrt
160 Hektar schwimmender Wald, ein Spaten, mit dem sich Berge versetzen lassen, und ein digitales Gläschen Drachenblut – das Siebengebirgsmuseum in Königswinter wartet mit vielen Überraschungen auf. Seit September 2011 zeigt sich das bereits 1927 gegründete Museum in frischem Gewand. Umbau und Erweiterung haben allen musealen Staub fortgeblasen. Die neue Ausstellung führt lebendig und unterhaltsam zu Rhein und Romantik, Kultur und Kuriositäten, aber auch zur Nutzungsgeschichte einer Landschaft, die schon vor 200 Jahren zu einem der berühmtesten Reiseziele Europas aufstieg.

Die Arbeiten in einem römischen Steinbruch werden durch ein großes Modell veranschaulicht.
Die Arbeiten in einem römischen Steinbruch werden durch ein großes Modell veranschaulicht.
Wörtlich sollte man den Namen des Siebengebirges nicht nehmen, denn in Wirklichkeit hat es mehr als 40 Erhebungen. Sieben davon – Ölberg, Löwenburg, Lohrberg, Nonnenstromberg, Petersberg, Wolkenburg und Drachenfels – gelten als die Hauptgipfel. Doch genauso, wie man unter seinen "Siebensachen" keine genau abgezählte Menge versteht, ist auch die Bezeichnung Siebengebirge ein Sammelbegriff für die Gesamtheit aller Kuppen und Anhöhen im rechtsrheinischen Vulkangebirge bei Königswinter. Als die Römer vor 2.000 Jahren hierhin kamen, nutzten sie die Gegend als riesigen Steinbruch. Sie verluden Tuff- und Trachytblöcke auf Schiffe, um Städte wie das römische Xanten daraus zu erbauen. Ein großes Modell im Museum veranschaulicht die Arbeit in den antiken Steinbrüchen: Kunstvoll eingesetzte Eisenkeile entfalteten die nötige "Sprengkraft", um schwere Gesteinsbrocken zu lösen, die dann mit ausgefeilter Technik den Berg hinabgelassen wurden.

Das Siebengebirgsmuseum hat sein Domizil in einem Barockgebäude aus dem Jahr 1732
Das Siebengebirgsmuseum hat sein Domizil in einem Barockgebäude aus dem Jahr 1732
Die Menschen des Mittelalters machten es ähnlich wie die Römer und nutzten den Drachenfelstrachyt zum Bau des Kölner Doms. Sie wussten aber auch, dass die felsigen Hänge am Rhein noch andere Qualitäten hatten, denn schon seit über 1.000 Jahren wird hier Wein angebaut. Heute bilden die Weinberge von Oberdollendorf den nördlichsten Vorposten des Weinbaugebiets "Mittelrhein". Was natürlich nicht heißen soll, dass man sich unbedingt am Rebensaft und dem rheinischen Frohsinn berauschen muss, um das Siebengebirge zu bewundern. Ganz im Gegenteil: Man darf auch einfach trunken vor Begeisterung sein – so wie die vielen Reisenden, für die diese rheinische Landschaft im 19. Jahrhundert zum Inbegriff der Romantik wurde.

Romantic Rhine

Ein Rheinfloß vor Unkel, Kolorierter Kupferstich von 1798
Ein Rheinfloß vor Unkel, Kolorierter Kupferstich von 1798
Die Geburt der Rheinromantik verdanken wir in erster Linie den Engländern. Maler wie William Turner und Dichter wie Lord Byron ließen sich im frühen 19. Jahrhundert auf ihren Rheinreisen zu ausdrucksstarken Werken inspirieren, die bei vielen ihrer Landsleute den Wunsch weckten, den sagenumwobenen River Rhine selbst zu besuchen. Und da ausgerechnet die vergangenheitsverliebte Epoche der Romantik in ein technisches Zeitalter voller Eisenbahnen und Dampfschiffe mündete, standen bald für immer mehr Menschen geeignete Verkehrsmittel bereit, um in Gegenden aufzubrechen, die man" gesehen haben musste". So wurde die Sehnsucht nach dem romantischen Rhein zu einem frühen Meilenstein in der Geschichte des Tourismus und erfasste neben den Engländern rasch auch die Niederländer und natürlich die Deutschen.

Exponate zeigen die Entwicklung der Region.
Exponate zeigen die Entwicklung der Region.
Bei der Präsentation von Werken romantischer Künstler greift das Siebengebirgsmuseum auf eigene Bestände und auf Gemälde aus der privaten Sammlung "RheinRomantik" zurück. Es kooperiert überdies mit dem Arp-Museum in Remagen und dem Koblenzer Mittelrhein-Museum. Den Besuchern werden aber nicht einfach nur Bilder gezeigt. Sie erfahren auch, warum die Romantik mehr als jede andere Kunstepoche unseren Blick dafür geschärft hat, Landschaften als "malerisch" zu empfinden. Geografische Exaktheit spielte dabei nicht die Hauptrolle, viel lieber spürten die Künstler den Geschichten und Gefühlen nach, die sich mit einer Gegend verbanden – das Wort Romantik ist schließlich nicht zufällig mit dem Wort Roman verwandt.

Auf einem Touchscreen im Atelier des Siebengebirgsmuseums lässt sich Schritt für Schritt nachvollziehen, wie man eine Landschaft "komponiert". Bei aller künstlerischen Freiheit geben viele alte Rheinansichten aber trotzdem spannende Einblicke in das zeitgenössische Leben und Treiben. Besonders spektakulär wirken auf uns die großen Flöße, die auf manchen Darstellungen flussabwärts gleiten. Das Holz von 160 Hektar Wald konnten sie bündeln, um es zumeist in die Niederlande zu verfrachten. Im Siebengebirgsmuseum ist eins der faszinierenden Ungetüme, zu dem rund 500 (!) Mann Besatzung gehörten, im Maßstab 1:200 zu sehen. In der Realität wäre es groß genug, um darauf problemlos ein Fußball-Länderspiel auszutragen.

Transport auf vier Hufen

Nicht ganz so große Lasten wie ein "Holländerfloß" vermag jenes Transportmittel zu bewältigen, das zu einer Art Maskottchen des Siebengebirgsmuseums geworden ist: der Esel. Im Foyer wird der Besucher von einem freundlich nickenden Grautier begrüßt. Mietesel boten schon Jahrzehnte vor der 1883 in Betrieb genommenen Zahnradbahn die Möglichkeit, den Drachenfels kräfteschonend zu bezwingen. Mit dem rasanten Anschwellen der Ausflugs-scharen siedelten sich dabei auf dem Weg zum Gipfel immer mehr jahrmarktähnliche Attraktionen wie Souvenirstände, Wurfbuden oder Wahrsageautomaten an. Die Entfaltung dieser bunten Welt zeigt das Sieben-gebirgsmuseum in der Abteilung "Rheinreise". Nicht übersehen sollte man hier den virtuellen Hotelgast, der auf seinem Bildschirm über einem Glas Rotwein – Drachenblut, wie man in Königswinter gerne sagt – eingenickt ist. Tritt man näher, wird er munter und beginnt einen zwanglosen Plausch mit vielen Hintergrundinformationen zur Ausstellung.

Ansicht des Drachenfels, Kupferstich von Matthäus Merian, 1646
Ansicht des Drachenfels, Kupferstich von Matthäus Merian, 1646
Zu den vielen Übernachtungsgästen am Fuße des Drachenfels zählte 1897 auch der Winnetou-Erfinder Karl May. Königswinter beschrieb er als ein "liebes Nest". Doch so liebenswert die Siebengebirgslandschaft auch sein mag – sie war nie ein von der Geschichte vergessener Erdenwinkel. Im Museum liefert das "begehbare Archiv" dazu reiches Material, so etwa über die November- schlacht von 1923 zwischen einer lokalen Bürgerwehr und Separatisten, die auf die Trennung des Rheinlands vom Deutschen Reich drängten. Die Nazi- Propaganda versuchte den blutigen Zusammenstoß, der mindestens 16 Menschenleben forderte, später als "nationalen Abwehrkampf" umzudeuten.

Nicolaus Christian Hohe (1798-1868) zugeschrieben, Blick von Drachenfels auf den Rhein, um 1850.
Nicolaus Christian Hohe (1798-1868) zugeschrieben, Blick von Drachenfels auf den Rhein, um 1850.
Das Siebengebirge ist aber auch berühmt für das große Hotel auf dem Peters- berg, in dem bis 1952 die Alliierte Hohe Kommission residierte und das mit größeren Unterbrechungen ab 1955 als Gästehaus der Bundesregierung diente. 1973 wurde das damals eigentlich geschlossene Haus für den sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew extra einige Tage lang geöffnet. Sein vom damaligen Kanzler Willy Brandt überreichtes Gastgeschenk, einen Mercedes 450 SCL, fuhr Breschnew schon gleich bei der Probefahrt auf den Serpentinen der Hotelzufahrt in den Straßengraben.

Natur unter Schutz

Die vielfältige Nutzung des Siebengebirges durch Steinabbau, Forstwirtschaft, Tourismus und Verkehr haben das Landschaftsbild stark belastet. Schon in den 1830er-Jahren drohte der Verlust ganzer Berggipfel durch den Trachytabbau, dem der preußische Staat durch Grunderwerb entgegentrat. 1923 wurde das Siebengebirge dann zu einem der ersten Naturschutzgebiete Deutschlands erklärt. Grund genug, bei einem Ausflug nach Königswinter auch dem "Museum zur Geschichte des Naturschutzes" einen Besuch abzustatten. Die erlebnisreiche Ausstellung findet man in der Vorburg von Schloss Drachenburg, dem von der NRW-Stiftung aufwendig restaurierten "rheinischen Neuschwanstein" am Drachenfels. Sie ist zu Fuß oder mit der berühmten Zahnradbahn erreichbar. Ein Blick hoch zum Drachenfels krönt auch den Rundgang durch das neue Sieben-gebirgsmuseum, der auf einer Dachterrasse endet. Wer hier steht, hegt keinen Zweifel: "Da, wo die sieben Berge am Rheinesstrande steh’n", findet sich nicht nur, wie es in einem Willi-Ostermann-Lied heißt, " das schönste Plätzchen mit am Rhein", sondern auch die Gelegenheit zu vielen erlebnisreichen Ausflügen. Und was den eingangs erwähnten rätselhaften Spaten zum Versetzen von Bergen angeht – ein Besuch vor Ort gibt den besten Aufschluss.


Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Siebengebirgsmuseums.
Heisse Steine – Backöfen aus Königswinter

 
 
Königswinter besitzt ein packendes Museum, aber auch – kein Druckfehler! – ein backendes. Des Rätsels Lösung: Zu den Prunkstücken der Ausstellung gehört ein funktionsfähiger "Königswinterer Ofen".

Backöfen dieser Bauart waren vor dem Siegeszug der Elektrizität hoch begehrt. Der Grund dafür lag tief verborgen in unterirdischen Abbaustätten, den sogenannten Ofen-Kaulen, an die ein Flurname im Siebengebirge heute noch erinnert. Dort wurden in riesigen unterirdischen Stollen Tuffsteinblöcke gewonnen, die Hitze außergewöhnlich lange speichern und gleichmäßig wieder abstrahlen konnten.

Die Ofenspezialisten aus Königswinter arbeiteten oft für weit entfernte Auftraggeber. Westfalen müssen sich daher damit abfinden, dass ihr heimischer Pumpernickel ausgerechnet auf diesem rheinischen Tuffstein besonders gut gelang. Doch eigentlich unterstreicht dies ja nur die rheinisch-westfälische Verbundenheit, schon lange vor der Gründung Nordrhein-Westfalens.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2011


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Für Mitglieder des Fördervereins ist der Eintritt frei.

Bei vielen Projekten erhalten die Mitglieder des Fördervereins vergünstigten Eintritt. [mehr]
Die NRW-Stiftung half dabei, das großzügig erweiterte Siebengebirgsmuseum in Königswinter mit einer neuen Dauerausstellung zum Schwerpunkt "Rheinromantik" einzurichten. Das Ende 2011 wiedereröffnete Museum liegt mitten in der Altstadt unweit des Rheins.

Googlemap aufrufenSiebengebirgsmuseum der Stadt Königswinter
Kellerstraße 16
53639 Königswinter
Telefon: 0 22 23 / 37 03
www.siebengebirgsmuseum.de

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