HISTORISCHE HAUBERGSWIRTSCHAFT IM SIEGERLAND

HOCH LEBE DER NIEDERWALD!

Meiler qualmten früher überall im Siegerland, sie lieferten Kohle für die Hochöfen.
Meiler qualmten früher überall im Siegerland, sie lieferten Kohle für die Hochöfen.
Hätten Sie Interesse, per Los einen Jahn zugesprochen zu bekommen, dort Holz zu räumen, mit Knipp und Schöwwel Lohe zu schälen und nach dem Verbrennen der Brasen und der Einsaat zu hoachen? Vielleicht wissen Sie gar nicht, wovon hier die Rede ist? – Wenn doch, kommen Sie wahrscheinlich aus dem Siegerland und sind mit der althergebrachten Waldnutzung im Rechtsrheinischen vertraut – so wie die Mitglieder der Waldgenossenschaft Fellinghausen in Kreuztal. Auf einer Fläche von 20 Hektar Größe bewirtschaften sie einen Niederwald heute wieder so, wie es einst ihre Vorfahren taten.

Das Prinzip der Haubergswirtschaft lässt sich am ehesten mit der Fruchtfolge auf einem Acker vergleichen, die bei geringem Energieeinsatz die Ertragskraft des Bodens sichert. Im Unterschied zum Acker, auf dem es bei jährlichem Wechsel der Anbaupflanze nach drei Jahren von vorn losgeht, dauert ein vollständiger Zyklus im Hauberg 20 Jahre. Er besteht aus einer Waldphase mit abschließender Holznutzung, einem ein- bis zweijährigen Getreideanbau und mehreren Jahren, in denen das Gebiet als Waldweide dient. Sogar Feuer kommt regelmäßig zum Einsatz. Dennoch hinterlassen die Siegerländer keineswegs "verbrannte Erde", sondern – man höre und staune – wieder Wald!

Einige Birken lässt man als "Überhälter" stehen.
Einige Birken lässt man als "Überhälter" stehen.
Futter für die Hochöfen
Seit Jahrhunderten sind Waldbauern im Siegerland, so auch in Fellinghausen, genossenschaftlich organisiert. Alfred Becker, Forstdirektor im Ruhestand und Initiator des Fellinghäuser Historischen Haubergs, erklärt das Prinzip: "Der von uns bewirtschaftete Hauberg besteht aus 20 Parzellen. Jedes Jahr wird nur eine Parzelle beerntet. Sie wird dafür in "Jähne" unterteilt, und diese Kleinteile werden traditionell zur Nutzung verlost. Einige ältere Bäume lassen wir stehen, denn die liefern Samennachschub, spenden Schatten und Frostschutz."

Vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst gab und gibt es im Hauberg immer etwas zu tun. Wenn im März der Schnee geschmolzen ist, schlägt man alle Laubhölzer bis auf die Eichen mit der Axt heraus. Sie bilden den Rohstoff für die Köhlerei, die früher den Holzkohle-Appetit der Siegerländer Eisenindustrie zu stillen hatte. Heute dient das Holz zum Heizen. Ein Meiler qualmt nur noch einmal jährlich in der Pfingstwoche – für Besucher ein unvergessliches Erlebnis. Im Hauberg blieb nichts liegen. Trockene Zweige wurden zu Bündeln geschnürt und getrocknet. Diese "Schanzen" gaben einem Steinofen die perfekte Hitze zum Backen des würzigen Sauerteigbrotes. Bevor zu guter Letzt auch die Eichen geschlagen wurden, schälte man ihre Rinde mit dem löffelartig verbreiterten "Schöwwel" und ließ diese Eichenlohe am stehenden Baum trocknen. "Das ist ein Nischenprodukt, eine traditionsbewusste Trierer Gerberei kauft auch jetzt noch unsere gesamte Ernte", berichtet Becker.

Auf Wanderungen informiert die Arbeitsgemeinschaft unter anderem über den Siegerländer Wald.
Auf Wanderungen informiert die Arbeitsgemeinschaft unter anderem über den Siegerländer Wald.
Die Ritter des Haubergs
War dann alles Holz geräumt, zogen die Waldbauern welkes Laub, trockene Gras-"Brasen" und Reisig zusammen und zündeten alles an. In den oberflächlich gelockerten und mit der Asche gedüngten Boden säte man Getreide ein. Ging das Frühjahr gerade zu Ende, wählte man Buchweizen, im Siegerland Heidloff genannt. Er konnte noch im gleichen Herbst geerntet werden. Hatte das Räumen des Haubergs länger gedauert, brachte man im September Roggen aus und pflügte mit dem Hoach, einem Hakenpflug, eine dünne Schicht Erde über die Körner. Im nächsten Sommer reiften dann die Ähren, während zwischen den Halmen frisches Eichen- und Birkenlaub zu sehen war –die Stümpfe der Laubgehölze hatten wieder ausgeschlagen. Das Nebeneinander von hüfthohen Eichenbüschen und goldgelben
Der Dunkle Eichen-Zipfelfalter ist auf die Hauberge angewiesen.
Der Dunkle Eichen-Zipfelfalter ist auf die Hauberge angewiesen.
"Kornrittern", den zum Trocknen aufgesetzten Getreidebündeln, prägte das spätsommerliche Bild der Hauberge. Dann folgte eine mehrjährige Ruhephase für die Parzelle, sodass sich wieder ein niedriger Wald, eben "Niederwald", entwickelte. Erst wenn die Gehölze erneut hoch genug waren, ließ man Schafe, Schweine und Rinder im Hauberg ihr Futter suchen. Ein Hirte musste nur aufpassen, dass sie dabei nicht in die jüngeren Bestände wechselten und die frischen Schösslinge fraßen. Unter dem Gebimmel ihrer Glocken trotteten die Tiere abends ins Dorf zurück und verteilten sich auf ihre Ställe.
Schicksalsgemeinschaft: Hauberg und Haselhuhn

Es gibt viele Gründe, sich für den Erhalt der traditionsreichen Haubergswirtschaft einzusetzen. Für den einen ist es eine Frage der Familientradition, andere möchten das alte handwerkliche und bäuerliche Wissen pflegen oder einen Beitrag dazu leisten, das unverwechselbare Siegerländer Waldbild zu bewahren. Auch dem Naturschutz ist daran gelegen, möglichst viele Hauberge zu erhalten, denn etliche gefährdete Pflanzen- und Tierarten sind in der Region eng an diese Wirtschaftsform gebunden. Prominentester Vertreter ist zweifellos das Haselhuhn, das in NRW fast nur noch im Siegerland und dort vornehmlich in den Niederwäldern vorkommt, denn nur bei enger Nachbarschaft unterschiedlicher Regenerationsstadien finden die Tiere zugleich Deckung und genug Nahrung. Im Licht und Schatten eines Hauberges, zwischen braunem Laub, grauen Zweigen und Steinen können sich die scheuen Tiere völlig unsichtbar machen. Allerdings macht die heimliche Lebensweise ihren Schutz zu einer schwierigen Aufgabe.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2010


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Die NRW-Stiftung förderte die Waldgenossenschaft Fellinghausen bei der Anlage eines Meilerplatzes und bei der Beschilderung des Waldgebietes, in dem die historische Haubergswirtschaft heute wieder betrieben wird. Bei der Veröffentlichung einer Studie über ökologische Aspekte der Haubergswirtschaft unterstützte die NRW-Stiftung die Biologische Station Rothaargebirge.

Staatliches Forstamt Hilchenbach
Vorwalder Straße 9
57271 Hilchenbach
Telefon: 02733 89440
www.hauberg.onlinehome.de

Waldgenossenschaft Fellinghausen
Fellenbachstraße 20
57223 Kreuztal

Arbeitsgemeinschaft Historischer Hauberg Fellinghausen
c/o Wolfgang Braukmann
Weidenfohr 15
57223 Kreuztal

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